Es gibt aber auch Befürworter

So leiden die Bürger von Mossul unter der ISIS

+
Die Isis-Kämpfer gelten als äußerst brutal.

Mossul - Die ISIS nutzen offenbar im Irak erobertes Militärmaterial aus US-Produktion im Kampf gegen die syrische Armee. Bürger berichten unterdessen, wie sie von den Dschihadisten gegängelt werden.

Isis-Kämpfer in Syrien nutzen im Irak eroberte Technik

Die Islamisten in Syrien nutzen nach Angaben von Beobachtern im Irak erobertes Militärmaterial aus US-Produktion im Kampf gegen die syrische Armee. Kämpfer der Dschihadistengruppe Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (Isis) hätten am Sonntag bei der Eroberung zweiter Dörfer in der syrischen Provinz Aleppo erstmals im Irak eroberte gepanzerte Humvee-Geländefahrzeuge eingesetzt, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Der Isis waren bei ihrem Vormarsch im Norden des Irak Humvees aus US-Produktion in die Hände gefallen, die flüchtende Soldaten zurückgelassen hatten. Die sunnitischen Isis-Kämpfer hatten in den vergangenen zwei Wochen weite Teile des Nordirak erobert. Ziel von Isis ist die Gründung eines grenzübergreifenden islamischen Staates in der Region.

Laut der Beobachtungsstelle entführten Isis-Kämpfer am Sonntag 20 kurdische Studenten im Nordosten des Landes. Drei Wochen zuvor waren bereits mehr als 300 Kurden von den Dschihadisten verschleppt worden. Berichten zufolge verlangen die Islamisten, dass sich die Entführten ihrem Kampf anschließen.

Lehrerin: Leben in "ständiger Angst vor neuem Druck" durch Isis

Mit Druck und Furcht arbeiten die Isis auch in Mossul. Die Kämpfer der Dschihadistengruppe haben die zweitgrößte irakische Stadt am 10. Juni eingenommen, seither fühlen sich viele Einwohner bedroht. Der Nachrichtenagentur AFP berichten sie am Telefon von ihrem Alltag in dem von zahlreichen Verboten geprägten neuen Leben, das ihnen aufgezwungen wird.

"Diese Militanten werden uns und unser Land um hunderte Jahre zurückwerfen, ihre Gesetze widersprechen den Menschenrechten und dem Völkerrecht", sagt Um Mohammed. Die 35-jährige Lehrerin beklagt die "ständige Angst vor neuem Druck". Die Frauen befürchteten, nicht mehr arbeiten und nicht mehr zum Aufbau der Gesellschaft beitragen zu dürfen.

Mossul mit seinen zwei Millionen Einwohnern war bis zum Beginn des US-geführten Irakkriegs 2003 bekannt für seine historischen Stätten und seine Parks. Im Zuge des Krieges wurde die Stadt zeitweise zu einer Hochburg blutiger Gewalt. Doch danach war wieder ein großstädtisches Leben aufgeblüht, dem nun Isis ein abruptes Ende setzt.

Isis verbreiten 16-Punkte-Katalog mit Verboten

Seit die in Kampfanzügen oder ganz in Schwarz gekleideten Islamisten die Herrschaft über die Stadt und die Provinz Ninive übernommen haben, ist vieles verboten, was bis vor Kurzem erlaubt oder wenigstens geduldet wurde. Die neuen Herrscher, deren Ziel die Errichtung eines neuen Kalifats ist, veröffentlichten sogleich ein Dokument mit neuen Regeln.

Nach dem 16-Punkte-Katalog sind seither der Konsum und der Verkauf alkoholischer Getränke und von Drogen verboten. Das gilt auch für das Rauchen. Versammlungen sind ebenso wenig erlaubt wie das Tragen von Waffen - eine Regel, unter die die Isis-Kämpfer nicht fallen. Frauen müssen züchtig-bedeckende Kleidung tragen und zu Hause bleiben.

Frau: Ich bin froh, "dass sie die Kontrolle über Mossul übernommen haben"

Dennoch gibt es auch Frauen, die die neue Isis-Herrschaft begrüßen. "Die Bewaffneten sind höfliche Leute", sagt Um Abdullah, die trotzdem aus Mossul floh - aber nicht, wie sie sagt, wegen der Islamisten, sondern wegen der Bombenangriffe der Regierungsarmee auf die Stadt und wegen der Strom- und Wassersperren. Um Abdullah sagt: "Ehrlich gesagt bin ich froh, dass sie die Kontrolle über Mossul übernommen haben. Für mich sind sie Rebellen, keine Bewaffneten, und ich denke, sie werden die Stadt verbessern."

Mit ihrer Art der Verbesserung haben die Islamisten gleich angefangen. Nach ihrer Weltsicht verwerfliche Götzen-Bildnisse entfernten sie aus dem Stadtbild. Denn "Schreine" sind nach dem 16-Punkte-Katalog auch verboten. Statuen von Dichtern mussten weichen. Vor einer Kirche wurde eine Marien-Statue zerstört, wie Abu Ramsi, einer der wenigen in der Stadt verbliebenen Christen, berichtet. "Noch haben wir keine Drohungen von irgendjemandem erhalten", sagt Ramsi. "Wir werden unser Haus und die Stadt nicht verlassen, auch wenn sie uns abschlachten."

Die Meinungs- und Redefreiheit kassierten die Isis-Leute gleich mit. In Moscheen darf künftig nichts mehr verlautbart werden, was nicht vorher durch die Zensur gegangen ist. Eine ausgewählte Moschee wurde zur zentralen Anlaufstelle für "reuige Abtrünnige" auserkoren. Und für gesellschaftliche Überwachung sorgen eigens bestimmte Nachbarschaftsvertreter.

Isis stülpen Bürgern einen "neuen Lebensstil" voller neuer Restriktionen über

Ein Mossul-Flüchtling erzählt, dass ein Nachbar ihm berichtet habe, wie Bewaffnete sein leer stehendes Haus aufgesucht hätten, um Informationen über ihn zu erhalten. "Sie stellten Fragen über mein Haus, meine Konfession und meine Telefonnummer." Dann hätten sie die Nachricht hinterlassen, dass sein Haus niedergebrannt werde, sollte er nicht binnen zwei Tagen zurückkehren und sich vom schiitischen Glauben lossagen.

In Mossul, der multiethnischen und multireligiösen Stadt mit ihrer arabischen, kurdischen, assyrischen, turkmenischen und jesidischen Bevölkerung, in der Christen verschiedener Konfessionen und Muslime zusammenleben, die in einer jahrtausendealten Kulturregion liegt, hat sich mit einem Schlag vieles verändert. Viele Einwohner haben den Eindruck, die Zeit sei zurückgedreht worden, um Jahrhunderte. Oder wie der 40-jährige Einwohner Abu Ali sagt: Die Militanten stülpen uns einen "neuen Lebensstil" voller neuer Restriktionen über.

Das ist die Terrorgruppe ISIS

Terrorgruppe in Syrien: Das will der Islamische Staat

dpa/AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare