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Treiben die Lebensmittelpreise Hartz-IV-Empfänger in den Ladendiebstahl?

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Von: Mark Stoffers

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Eine abgeschnittene Person steckt sich Zigaretten in die Handtasche. Daneben ist das Logo vom Arbeitsamt zu sehen.
Könnten die hohen Lebensmittel-Preise die Empfänger von Hartz IV in Kriminalität treiben? Der Bremer Erwerblosenverband macht sich Gedanken. (kreiszeitung.de-Montage) © Future Image & bonn-sequenz / Imago

Die Preise steigen und steigen. Besonders Hartz-IV-Empfänger leiden darunter. Ein Verband mahnt, dass sie zu Ladendiebstählen gezwungen sein könnten.

Bremen – Werden Hartz-IV-Empfänger aufgrund der gesteigerten Lebensmittelpreise zu Ladendieben? Diese Befürchtung stellt der renommierte Erwerblosenverband aus Bremen jedenfalls in den Raum. Der Grund, warum es bei Empfängern von Hartz IV vermehrt zu Ladendiebstählen kommen könnte: der explosionsartige Anstieg der Lebensmittelpreise wie etwa bei Butter, Speiseöl oder Mehl durch den Ukraine-Krieg. Die Auswirkungen des stockenden Invasionskriegs von Wladimir Putin spüren in Deutschland im Geldbeutel vor allem Geringverdiener, Minijobber und Empfänger von Hartz IV, das noch 2022 vom Bürgergeld abgelöst werden soll.

Hartz-IV-Regelsatz: Lebensmittelpreise steigen in ungekanntem Ausmaß

„Die Preise steigen in einem Ausmaß, das habe ich noch nicht erlebt“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbands, Eckhard Heuser, der Mitteldeutschen Zeitung. Diese Aussage lässt sich ganz einfach an dem Beispiel der Preissteigerung bei Butter, Milch oder Ostereiern, die dieses Jahr teurer werden, deutlich festmachen. Die kostengünstigste 250-Gramm-Packung Markenbutter steht derzeit bei 2,09 Euro. In Prozentzahlen sind das rund 44 Prozent mehr als noch vor dem Krieg in der Ukraine. Und das ist nur ein Beispiel dafür, welches Loch die explodierenden Lebensmittelpreise in den Regelsatz von Hartz-IV-Empfängern reißen, die eh schon mit dem Teuer-Schock bei den Energiepreisen zu kämpfen haben.

Besonders prekär sind die steigenden Lebensmittelpreise für Bezieher von Hartz IV vor allem vor dem Hintergrund, dass der Hartz-IV-Regelsatz schon vor der Krise in der Ukraine zumeist hinten und vorne nicht reichte. Nicht zuletzt kritisierten Politik und Verbände, dass die Erhöhung des Hartz-IV-Satzes um 3 Euro zu Jahresbeginn hinten und vorne nicht reiche. Nun verschärft sich die Lage für die Empfänger von Hartz IV noch weiter durch die Preissteigerungen bei den Lebensmittelpreisen.

Hartz-IV-Satz: Empfänger erhalten nur 156 Euro für Lebensmittel – zum Ladendiebstahl genötigt?

Denn bei den 449 Euro, die ein alleinstehender Empfänger von Hartz IV für alle Lebenshaltungskosten laut den Regelleistungen im SGB II erhält, sind nur 156 Euro für Lebensmittel veranschlagt. Und genau hier liegt der Hase im sprichwörtlichen Pfeffer begraben: „Gestiegene Lebensmittelpreise machen vielen Bremern zu schaffen“, sagt der Sprecher des Bremer Erwerblosenverbandes. „Arme Menschen trifft die aktuelle Preissteigerung für Nahrungsmittel besonders hart. Der Erwerbslosenverband rechnet mit mehr Lebensmittel-Diebstahl“, ließ er verlauten und wies darauf hin, dass Hartz-IV-Empfängern bei diesen Lebensmittelpreisen das Geld ausgeht.

Viele Menschen würden anfangen, zu fasten. Nicht weil sie unbedingt Abnehmen wollen, sondern um Ausgaben bei den Lebensmitteln zu reduzieren. Andere können die Stromrechnungen nicht bezahlen. Die Schulden würden sich im nächsten Monat anhäufen, schilderte der Sprecher die prekäre Lage weiter für Bezieher von Hartz IV.

Hartz IV: Forderungen nach unbürokratischer Unterstützung und Zuschläge für Empfänger gefordert

Um dieser Notlage vorzubeugen, werden die Rufe nach schneller und unbürokratischer Unterstützung für Bezieher von Hartz IV zunehmend lauter. Eine dieser Stimmen, die sich für die Empfänger von Hartz IV einsetzt, ist Tacheles e.V. „Wir befinden uns in einer in der Schärfe noch nie dagewesenen Kostenexplosion der Lebenshaltungskosten: Das Bundesamt für Statistik hat für März eine Inflationsrate von voraussichtlich 7,3 Prozent geschätzt“, stellt auch die Initiative mahnend heraus.

Die geplanten Zuschläge würden nicht ausreichen. „Um diese Kosten aufzufangen, sind die 2 x 100 EUR = 16,66 EUR im Monat Almosen. Es müssen spürbare Entlastungen und Sofortzuschläge gezahlt werden. Daher 100 EUR im Monat Sofortzuschlag”, heißt es weiter. Und das unabhängig von dem Zuschuss, den die Bundesregierung für die Bezieher von Sozialleistungen, darunter auch Empfänger von Hartz IV, im Zuge des Entlastungspakets 2022 ins Auge gefasst hat.

Sollte sich an der vorherrschenden Situation nichts ändern und die Politik trotz der unhaltbaren Zustände für Hartz-IV-Empfänger nicht eingreifen, könnte sich das Szenario noch verschärfen, welches Sarah Lee Heinrich bereits Anfang 2022 im exklusiven Interview mit kreiszeitung.de skizziert hatte. Denn für die Grünen-Politikerin stand schon vor der Preisexplosion bei den Lebensmitteln fest, dass Hartz IV einer Erpressung gleicht. Und die Menschen aufgrund der steigenden Kosten einen „Rettungsschirm brauchen“.

Ohne Zuschuss für Hartz IV: Empfänger könnten zunehmend Ladendiebstahl begehen

Nun könnte sich aufgrund der steigenden Lebenshaltungskosten sogar herausstellen, dass Hartz-IV-Empfänger ohne einen Zuschuss zu Hartz IV möglicherweise noch einen Schritt weitergehen müssten. Und aufgrund der Situation dazu gezwungen sein könnten, in nicht allzu ferner Zukunft in deutschen Supermärkten und Discountern Ladendiebstahl zu begehen. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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