Trotz Arbeit Sozialleistungen

Hartz IV: Pfleger und andere systemrelevante Arbeitnehmer müssen aufstocken

Menschen in systemrelevanten Berufen sind häufiger zusätzlich auf Hartz-IV angewiesen. (Symbolbild)
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Menschen in systemrelevanten Berufen sind häufiger zusätzlich auf Hartz-IV angewiesen. (Symbolbild)
  • VonFelix Busjaeger
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Hartz IV trotz Arbeit: Das betrifft in Deutschland fast eine halbe Million Arbeitnehmer. Laut eines Regierungsschreibens sind auch mehr systemrelevante Berufe betroffen.

Berlin/Gütersloh – Einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen und trotzdem auf Hartz IV angewiesen sein: Was auf den ersten Blick vielleicht abwegig klingt, ist für Hunderttausende Arbeitnehmer in Deutschland alltägliche Realität. Auffällig dabei: Auch wenn systemrelevante Berufe in der Corona-Pandemie einer breiten Öffentlichkeit sichtbarer geworden sind, findet sich in dieser Berufsgruppe eine Vielzahl von Aufstockern.

Finanzielle Hilfe für Arbeitslose:Arbeitslosengeld II (genannt Hartz 4)
Eingeführt:1. Januar 2005
Gesetzliche Grundlage:\tZweites Buch der Sozialgesetzgebung

Vor einem Jahr im Dezember 2020 waren etwa 475.500 sozialversicherungspflichtige Erwerbstätige auf zusätzliche Arbeitslosengeldzahlungen angewiesen. Tausende von ihnen arbeiteten in der Pflege oder im Gesundheitswesen. Die Ampelregierung plant derweil einen Bonus für Hartz-IV-Empfänger, um hohe Stromkosten* auszugleichen. Für einige Arbeitnehmer wird im Zuge der Corona-Pandemie ein Corona-Bonus* ausgeschüttet. Allerdings profitieren nicht alle Arbeitnehmer von der Sonderzahlung.

Einkommen mit Hartz IV aufstocken: besonders Beschäftigte in der Altenpflege betroffen

Wie unter anderem die Zeitungen der Funkemediengruppe berichteten, mussten im Dezember vergangenen Jahres 10.862 Beschäftigte in der Altenpflege und 8.249 Beschäftigte in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie bei Rettungsdiensten und in der Geburtshilfe ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken. Hinzu kamen 44.258 Beschäftigte in der Lagerwirtschaft, Post und Zustellung und beim Güterumschlag sowie 36.515 Verkäufer. Um für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen, plant die neue Ampel-Regierung derweil die Einführung eines Bürgergeldes, das Hartz IV* ersetzen soll. Ungeimpfte Pflegekräfte erhalten indes auch keinen Corona-Bonus*.

Als „Gipfel der Heuchelei“ betitelte Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion, den Zustand und forderte in einem Twitterpost höhere Löhne für Menschen in systemrelevanten Berufen. „Die Helden des Alltags stehen vielfach Schlange im Sozialamt“, schrieb der Politiker. Auch wenn der Anteil an Hartz-IV-Aufstockern, in den vergangenen Monaten wurde der Ruf nach stark steigenden Hartz-IV-Bezügen* laut, unter Arbeitnehmern in Deutschland im Jahresvergleich von 1,6 Prozent (2019) auf 1,4 Prozent (2020) fiel, zeigt sich den Informationen nach eine dramatische Entwicklung im Detail: Zwar verdienten Beschäftigte in Gesundheitsberufen im Schnitt mehr, allerdings sank der Medianverdienst bei Berufen für Post- und Zustelldiensten um zehn Euro.

Aufstocker mit Hartz IV: Etwa 860.000 Erwerbstätige beziehen Sozialleistungen

Wie aus einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht, waren zuletzt Aufstocker, die Hartz IV beziehen, meist zu Niedriglöhnen und sehr häufig in einem Minijob* tätig. Den Zahlen der Stiftung nach stockten im Juni 2021 etwa 860.000 Erwerbstätige in Deutschland ihren Lohn mit Sozialleistungen auf – dem gegenüber stehen 2.614.000 Arbeitslose, die im Juni 2021 Hartz IV bezogen. Der Regelsatz für Hartz IV steigt zum Jahresbeginn 2022 um drei Euro*. Dies sorgt für Kritik, unter anderem bei Verdi.

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Eine Erkenntnis der durchgeführten Langzeitanalyse: Mehr als dreiviertel der erwerbstätigen Grundsicherungsempfänger arbeiten zu einem Niedriglohn von weniger als zwei Dritteln des jährlichen mittleren Stundenlohns. Nach Planen der Ampel soll der Mindestlohn bereits im kommenden Jahr auf zwölf Euro* steigen. 46 Prozent aller Aufstocker haben einen Minijob. Zudem haben Alleinerziehende das höchste Risiko, zum Aufstocker zu werden. Bei Haushalten mit Kindern war das Risiko, trotz Arbeit Sozialleistungen beziehen zu müssen, grundsätzlich höher als bei Singles oder Kinderlosen.

Hartz-IV-Aufstocker: Anteil während Corona-Pandemie gesunken

„Alleinerziehende haben eine hohe Motivation, erwerbstätig zu sein. Doch für sie ist es besonders schwer, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren“, sagte Anette Stein, Expertin für Familienpolitik bei der Bertelsmann-Stiftung, in einer Mitteilung vom 15. Dezember. Es sei erschreckend, dass ein so hoher Anteil der Alleinerziehenden trotz Arbeit auf Transferleistungen angewiesen ist, um das Existenzminimum zu sichern. Um Kinderarmut effektiver begegnen zu können, soll in der laufenden Legislaturperiode eine Kindergrundsicherung* eingeführt werden. Durch die Kindergrundsicherung sollen Kinder bessere Startchancen* unabhängig von der sozialen Lage der Eltern bekommen.

Auffällig sei, dass im Zuge der Corona-Pandemie der Anteil der Hartz-IV-Aufstocker zurückgegangen ist. Lag er 2019 noch bei über 26 Prozent, machen sie unter den Sozialhilfeempfängern gegenwärtig 22 Prozent aus. Eine mögliche Ursache hierfür könnte den Experten nach der Wegfall tausender Jobs in vielen Dienstleistungsbereichen, etwa der Gastronomie, sein, in denen viele Geringfügigbeschäftigte arbeiteten. Zudem sei die Vereinbarkeit von Arbeit und Kinderbetreuung infolge der Corona-Auswirkungen zu einem noch größeren Problem für Alleinerziehende geworden, erklärte Stein die Entwicklungen. (MIt Material der dpa) *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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