Kirchen dienen als Krankenlager

Kiew: „Es ist wie im Krieg“

+
Nach den Gewaltexzessen der Nacht gehen die Straßenkämpfe am Mittwoch in Kiew und anderen ukrainischen Städten weiter.

Kiew - Erschütternde Berichte aus der ukrainischen Haupstadt Kiew zeugen von den kriegsähnlichen Verhältnissen, die dort mittlerweile herrschen. Die Kämpfe drohen am Donnerstag wieder aufzuflammen. Europa reagiert schockiert.

Ein großes Rotes Kreuz, das Erkennungszeichen für Sanitätsdienste, hängt seit Dienstag an der Katherinenkirche gleich beim Präsidentenresidenz in Kiew. Pfarrer Ralf Haska brachte es an seinem evangelischen Gotteshaus an, weil hier nun Ärzte rund zehn Schwerverletzte behandeln. Das Zeichen solle vor Angriffen schützen und zugleich Verwundeten signalisieren, dass sie hier Hilfe bekommen, sagt der aus Brandenburg stammende Geistliche.

Haska selbst war am Dienstag von einem Gummigeschoss am Finger getroffen worden. „Ich stand in einer Reihe von friedlichen Demonstranten und filmte“, erzählt der 47-jährige Pfarrer. Kurz nachdem Protestierende Steine geworfen hätten, habe offenbar von einem Dach ein Polizist auf ihn geschossen. Haska kam mit einem blauen Finger davon. Wer Auslöser der schwersten Krise der Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit 1991 ist, steht für ihn fest: „An der Eskalation sind die Leute in der Regierung schuld.“ Und er betont: „Die Kirchen stehen auf der Seite derjenigen, die sich für ein gerechtes Land ohne Korruption einsetzen.“

Mindestens 26 Todesopfer

Mindestens 26 Menschen kamen nach Angaben der Regierung in Kiew seit Dienstagnachmittag bei Straßenschlachten zwischen Sicherheitskräften und Regierungsgegnern ums Leben. Darunter seien neun Polizisten und ein Journalist. Von rund 1.000 Verletzten ist die Rede. Spezialeinheiten stürmten in der Nacht zum Mittwoch den Unabhängigkeitsplatz (Maidan), den zentralen Ort des Protests gegen die Regierung, und räumten ihn zum Großteil.

Auch eine der zwei Zeltkapellen auf dem Maidan ging in Flammen auf. Die Spezialtruppe „Berkut“ der Polizei habe sie angezündet, teilte die griechisch-katholische Kirche am Mittwoch unter Berufung auf Aktivisten mit. Die Kapelle hatten Priester der mit Rom verbundenen Kirche zur Unterstützung der Demonstranten vor vielen Wochen direkt unter der Denkmalsäule errichtet. Orthodoxe, griechisch-katholische und römisch-katholische Priester teilten sich das Zelt und nutzten es abwechselnd für Gottesdienste.

Krankenstation in der Kirche

Wie eine schwarze Ruine ragt über dem Platz das ausgebrannte Gewerkschaftshaus, das einstige Hauptquartier der Opposition. Es sei von der Spezialeinheit „Berkut“ in Brand gesetzt worden, meint die Caritas-Ärztin Dzwinka Tschaikiwska, die bis Dienstagnachmittag im dortigen Krankenstation arbeitete. „Das Feuer brach in den oberen Stockwerken aus, und auf dem Dach des Gebäudes waren “Berkut„-Polizisten“, so die ehemalige Chefin eines Krankenhauses im westukrainischen Lviv (Lemberg). Sie hätten Brandsätze durch die Fenster geworfen.

Die Krankenstation musste deshalb in das orthodoxe Michaelskloster verlegt werden. Die dortige Arbeit erinnert Tschaikiwska an ihren Noteinsatz bei der Organgenen Revolution 2004. „Aber damals gab es nicht so viele Verletzte und so furchbare Wunden“, erzählt die Ärztin. „Jetzt ist es wie im Krieg.“ Viele Regierungsgegner seien von Granaten oder Kugeln getroffen worden. „Ein junger Mann verlor seinen Arm. Andere erlitten schwerste Verletzungen am Gehirn oder der Lunge.“

Neue Zusammenstöße am Mittwoch

In Kiew reißt die Gewalt auch am Tag nach den schweren Straßenschlachten nicht ab. Auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz (Maidan) setzten am Mittwoch starke Polizeikräfte Wasserwerfer gegen verbarrikadierte Demonstranten ein. Die Regierungsgegner schleuderten immer wieder Steine, Feuerwerkskörper und Brandsätze auf die Sicherheitskräfte. Die ukrainische Führung zeigt sich kompromisslos.

Der geschäftsführende Regierungschef Sergej Arbusow warf der Opposition einen versuchten Staatsstreich vor. Wegen dieses Vorwurfs leitete der Geheimdienst SBU Ermittlungen gegen „einzelne Politiker“ ein. Namen nannte der SBU zunächst nicht. Präsident Viktor Janukowitsch verteidigte den Einsatz von Gewalt. Die Opposition habe die „Grenzen überschritten“, als sie ihre Anhänger auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew „zu den Waffen gerufen“ habe.

Das Außenministerium forderte die internationale Gemeinschaft zu „maximaler Objektivität“ bei der Einschätzung der Lage auf. Die Proteste hatten im November begonnen, nachdem Janukowitsch ein unterschriftsreifes Abkommen mit der Europäischen Union auf Eis gelegt und sich Russland zugewandt hatte. Moskau gewährte dem finanziell klammen Nachbarn Milliardenkredite.

Lesen Sie auch:

Ukraine: Merkel und Hollande für Sanktionen

Regierungsgegner rüsten sich für neue Zusammenstöße  

Radikale Regierungsgegner rüsteten sich für neue Zusammenstöße. Von der Bühne auf dem Maidan riefen Redner dazu auf, die Barrikaden zu verstärken. Die meisten Zelte der Regierungsgegner auf dem symbolisch wichtigen Platz brannten ab. Über dem Maidan standen große, giftige Rauchwolken. Die Untergrundbahn der Millionenstadt war weiter komplett gesperrt. Etwa 60 Kindergärten und Schulen im Zentrum blieben aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Die Zahl der Toten bei den blutigen Straßenkämpfen in Kiew stieg nach offiziellen Angaben auf 26. Mindestens zehn Polizisten seien bei den Ausschreitungen ums Leben gekommen, teilte das Innenministerium der Ex-Sowjetrepublik mit. Das Gesundheitsministerium sprach von mehr als einem Dutzend getöteter Demonstranten. Ein Journalist der Kiewer Tageszeitung „Westi“ wurde von unbekannten Maskierten erschossen. Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld für die Eskalation.

Janukowitsch erklärt landesweiten Tag der Trauer

Präsident Janukowitsch erklärte diesen Donnerstag (20. Februar) zum landesweiten Tag der Trauer. Zum Gedenken an die Toten sollten an allen staatlichen Gebäuden die Fahnen auf Halbmast gesenkt werden, ordnete Janukowitsch an. Zudem sollten Konzerte und Sportveranstaltungen abgesagt werden. Fernseh- und Radiosender wurden aufgefordert, ihr Programm „angemessen“ zu ändern.

Am Dienstag war ein Protestzug radikaler Demonstranten zum Parlament eskaliert. Tausende Menschen forderten eine Verfassungsänderung, um die Vollmachten des Präsidenten zugunsten der Regierung zu beschneiden.

Klitschko: Janukowitsch reagiert unpassend

Der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko zeigte sich enttäuscht über den ergebnislosen Verlauf eines nächtlichen Krisentreffens mit dem Präsidenten. Janukowitsch  reagiere unpassend auf die Lage. Der prorussische Staatschef müsse die Einheiten sofort zurückziehen. Klitschkos Sprecherin betonte, dass neue Gespräche zunächst nicht geplant seien.

Janukowitsch warf den Regierungsgegnern seinerseits den Versuch einer gewaltsamen Machtübernahme vor. Sollten sich die Oppositionsführer nicht von radikalen Kräften distanzieren, werde er „andere Töne anschlagen“, drohte der Präsident. Die Demonstranten seien „Kriminelle, die vor Gericht gehören“.

Eskalation der Gewalt in Kiew

Eskalation der Gewalt in Kiew

Der kommissarische Verteidigungsminister Pawel Lebedew ordnete an, Luftlandetruppen zur Verstärkung nach Kiew zu verlegen. Die Soldaten der 25. Brigade aus der Großstadt Dnjepropetrowsk sollten Waffen- und Munitionsdepots sichern, sagte Lebedew.

Am Morgen kamen aus dem antirussisch geprägten Westen des Landes Busse mit weiteren Demonstranten in Kiew an. Im Osten des Landes gingen hingegen mehrere Büros von Oppositionsparteien in Flammen auf. Vertreter des russischen Außenministeriums wollten in der ukrainischen Hauptstadt Gespräche über einen Ausweg aus der Krise führen.

kna/dpa/js

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare