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China und Indien: Beziehung zwischen den beiden Atommächten weiter „nicht normal“

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Von: Sven Hauberg

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Der chinesische Präsident Xi Jinping und der indische Premierminister Narendra Modi setzen ihr informelles Treffen in Chennai, Indien, am 12. Oktober 2019 fort.
Der Blick geht raus aus den Indischen Ozean: der indische Premierminister Modi und der chinesische Präsident Xi im Oktober 2019 in Chennai. © Ju Peng/Xinhua/Imago

Die Außenminister Chinas und Indiens haben in Neu-Delhi betont, dass sie normale Beziehungen zwischen ihren Ländern wünschen. Dem steht allerdings ein ungelöster Grenzkonflikt entgegen.

Update vom 26. März 2022, 13.44 Uhr: Nach dem Treffen zwischen dem chinesischen Außenminister Wang Yi und seinem indischen Amtskollegen Subrahmanyam Jaishankar in Neu-Delhi herrscht Ernüchterung. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten seien weiter „nicht normal“ und könnten dies auch nicht sein, solange die Lage an der Grenze zwischen China und Indien weiter abnormal sei. Das sagte Jaishankar am Freitag. Um die angespannten Beziehungen zu normalisieren, brauche es zunächst weitere Gespräche zur Truppenreduktion an der Grenze.

Peking hat sich noch nicht zu dem Treffen geäußert. Jaishankar sagte aber, dass Wang Yi einen Wunsch nach normalen Beziehungen zum Ausdruck gebracht habe. Bezüglich der Ukraine würden es beide Länder wichtig finden, dass es einen sofortigen Waffenstillstand gebe und eine Rückkehr zu Diplomatie und Dialog. Es war das erste Treffen hochrangiger Vertreter der beiden Nachbarstaaten seit einer tödlichen Eskalation im indisch-chinesischen Grenzgebiet.

Beziehungen zwischen China und Indien: Grenzkonflikt schwelt weiter

Erstmeldung vom 25. März 2022: München/Neu-Delhi – Wenn die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt aufeinander losgehen, dann erwartet man kaum, dass das mit Stöcken und Steinen passiert. Zumal sowohl Indien als auch China* hochgerüstete Atommächte sind. Vor knapp zwei Jahren aber, im Frühling 2020, geschah genau das: Im umstrittenen Grenzgebiet zwischen den beiden Ländern im Himalaya prügelten Soldaten mit Knüppeln und Eisenstangen aufeinander ein* und bewarfen sich mit Felsbrocken. Dabei sollen, je nach Quelle, bis zu 60 Menschen ums Leben gekommen sein.

Auch wenn derzeit keine Steine fliegen zwischen China und Indien*, ist der Grenzkonflikt alles andere als gelöst. Zumal es in den vergangenen Jahren keine hochrangigen Treffen gab zwischen Vertretern der beiden Staaten. Das soll sich am Freitag (25. März) allerdings ändern, wenn der chinesische Außenminister Wang Yi in Neu-Delhi zu Gesprächen mit seinem indischen Amtskollegen Subrahmanyam Jaishankar und Indiens Nationalem Sicherheitsberater Ajit Doval zusammenkommt. Über das Treffen hatten die Nachrichtenagentur Reuters und indische Medien erst am Mittwoch berichtet. Eine offizielle Bestätigung gibt es allerdings immer noch nicht. Auch das Außenministerium in China teilte lediglich mit, es könne sich dazu derzeit nicht äußern. Unklar ist ebenfalls, ob Wang auch mit Indiens Premierminister Narendra Modi sprechen wird.

China und Indien: 3500 Kilometer Grenze und viele Streitpunkte

Zu bereden gäbe es jedenfalls eine Menge. Da wäre zunächst der erwähnte Grenzkonflikt, der seit Jahrzehnten nicht beigelegt ist. Indien und China teilen eine rund 3500 Kilometer lange Grenze, um deren Verlauf 1962 gar ein mehrwöchiger Krieg geführt worden war. Erst Anfang der Neunziger Jahre einigten sich beide Seiten darauf, den Status quo so lange nicht anzutasten, bis eine endgültige Lösung gefunden werde. Das Problem ist jedoch, dass China und Indien jeweils andere Vorstellungen davon haben, wo diese „Line of Control“ (LAC) genannte De-facto-Grenze eigentlich verläuft.

„Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen den Auffassungen der beiden Länder darüber, wo die LAC liegt“, schreibt die Analystin Shibani Mehta von der Denkfabrik Carnegie India. Das führe dazu, „dass indische und chinesische Grenzsoldaten bei ihren Patrouillen in dem Gebiet, das sie als ihr Territorium betrachten, miteinander in Kontakt geraten“. Genau so war es eben vor zwei Jahren, als die Lage in einer abgelegenen Himalaya-Region eskalierte. Jede Seite erkläre das Gebiet, das sie militärisch halten könne, zum eigenen Territorium – und könne so den genauen Verlauf der LAC jederzeit mit militärischen Mitteln verändern, so Mehta. „Je länger die LAC ungeklärt bleibt, desto größer wird die Belastung für die sich bereits verschlechternden Beziehungen zwischen Indien und China.“

Die Außenminister Indiens und Chinas, Subrahmanyam Jaishankar und Wang Yi, trafen sich im August 2019 in Peking.
Die Außenminister Indiens und Chinas, Subrahmanyam Jaishankar und Wang Yi, trafen sich im August 2019 in Peking. © Di Jianlan/Xinhua/Imago

China und Indien: Konkurrenten im Himalaya und im Indischen Ozean

Eine Lösung in dieser komplexen Frage wird der Besuch von Wang Yi in Neu-Delhi kaum bringen. Zumal der chinesische Außenminister, der sich derzeit auf einer ausgedehnten Tour durch die Region befindet, erst am Dienstag für Unmut innerhalb der indischen Regierung sorgte. Auf einem Treffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIZ) in Pakistan sagte Wang, China teile in Bezug auf Kaschmir „dieselben Hoffnungen“ wie die islamischen Länder. Das vor allem von Muslimen bewohnte Kaschmir wird zur Hälfte von Indien kontrolliert, und zu einem Drittel von Pakistan. Den Rest kontrolliert China. Während Indien seit Jahrzehnten bewaffnete Aufstände in der Region militärisch unterdrückt, betonte die OIZ immer wieder das Recht der Bewohner auf Selbstbestimmung. Man weise Wangs „unangebrachte“ Bemerkung zurück, erklärte am Mittwoch das indische Außenministerium.

Auch viele hundert Kilometer entfernt von den schneebedeckten Himalaya-Gipfeln, im Indischen Ozean, brodelt es zwischen den beiden Staaten. Indien betrachtet das riesige Gebiet als seinen Hinterhof. Davon unbeeindruckt, lässt China dort seit Jahren Kriegsschiffe patrouillieren. Durch den Indischen Ozean verlaufen einige der wichtigsten Handelsrouten der Welt, Chinas Containerschiffe fahren von hier in Richtung Europa, und Öltanker transportieren ihre Ladung von den Golfstaaten in Richtung Osten.

Anders als im Südchinesischen Meer, wo Peking knallharte Machtinteressen verfolgt, geht es China im Indischen Ozean* vor allem um die Sicherung der Seehandelswege. Dazu hat das Land entlang der Küsten von Myanmar, Sri Lanka und Pakistan Häfen gebaut, die Indien als Bedrohung betrachtet. Indien wiederum betreibt auf den Agalega-Inseln nördlich von Madagaskar einen Militärstützpunkt. In Washington sieht man Indiens Bestrebungen, ein Gegengewicht zu China aufzubauen, mit Genugtuung. Das Land ist zudem neben den USA*, Japan* und Australien Mitglied des Vierer-Bündnisses Quad, das sich implizit gegen die Vormacht-Ansprüche Chinas richtet. Doch noch ist Indien dem großen Rivalen China militärisch deutlich unterlegen.

China und Indien: Geopolitische Rivalität mit Konsequenzen für die Wirtschaftsbeziehungen

Die geopolitische Rivalität zwischen Peking und Neu-Delhi wirkt sich längst auch auf die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen aus. Nach der Eskalation im indisch-chinesischen Grenzgebiet verbot die Regierung des Subkontinents Dutzende chinesische Apps, darunter solche von großen Anbietern wie Tencent* und Alibaba*. Generell aber werden die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen beiden Ländern enger: Wurden 2020 noch Waren im Wert von rund 88 Milliarden US-Dollar gehandelt, stieg die Zahl im vergangenen Jahr um mehr als 43 Prozent auf knapp 126 Milliarden Dollar.

Dabei importiert Indien deutlich mehr aus China, als es von dort importiert. Für indische Unternehmen sei es sehr schwer, in China Fuß zu fassen, sagte Vijay Gokhale, der frühere indische Botschafter in Peking, unlängst in einem Interview mit der Hindu Times. Peking baue Handelsschranken auf, „mit denen China den indischen Unternehmen die Möglichkeit nimmt, auf diesem Markt zu konkurrieren.“ Auch dieses Thema dürfte beim Treffen der Außenminister in Neu-Delhi auf dem Tisch liegen.

Ukraine-Krieg: Weder China noch Indien verurteilen den russischen Einmarsch

Einigkeit zwischen China und Indien herrscht hingegen bei der Bewertung des Ukraine-Kriegs. So haben weder Peking noch Neu-Delhi den russischen Einmarsch bislang explizit verurteilt. China betont seit Wochen einerseits seine „felsenfeste“ Freundschaft zum Kreml*, gleichzeitig aber die Souveränität der Ukraine. Und Indiens Premier Modi rief zwar zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts auf*; als die UN-Generalversammlung Ende Februar den russischen Angriff aber verurteilte, enthielt sich Indien ebenso wie China.

Zusammen mit Russland, Brasilien und Südafrika sind die beiden Länder Teil des BRICS-Bündnisses, einer Vereinigung der fünf aufstrebende. Volkswirtschaften. Neu-Delhi schätzt Russland* vor allem als strategischen Partner, der dem Land einen Großteil seiner Waffen liefert. Und all die U-Boote und Panzer aus russischer Produktion braucht das Land dringend – nicht zuletzt, um sich gegen den übermächtigen Nachbarn China zur Wehr zu setzen. (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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