Chaos in Ägypten: Schüsse, Brandsätze, Tote

Kairo - Die Lage auf dem Tahrir-Platz in Kairo hat sich in der Nacht weiter zugespitzt. Vier Menschen sollen durch Schüsse ums Leben gekommen sein.

Das berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija unter Berufung auf Helfer und Augenzeugen. Nach Angaben des Senders CNN sprach auch das ägyptische Gesundheitsministerium am Donnerstag von vier Toten. Zunächst war aber unklar, ob es sich dabei um die Opfer seit Mittwoch handelte oder um die Zahlen der Nacht.

Bei CNN hieß es, in der Nacht seien auch Schüsse aus Maschinengewehren abgefeuert worden. Überall gebe es Verwundete. Ein CNN-Reporter berichtete, Ärzte behandelten Verletzte direkt auf der Straße, nähten ihre Wunden. Mehrere Rettungswagen fuhren auf den Platz.

Generalstaatsanwalt untersagt Regimevertretern Ausreise

Der ägyptische Generalstaatsanwalt hat Ausreiseverbote gegen drei ehemalige Minister verhängt und ihre Bankkonten eingefroren. Das berichtete am Donnerstag die staatliche Nachrichtenagentur MENA. Unter den drei Politikern, die am Wochenende von Präsident Husni Mubarak entlassen wurden, ist auch der für die Polizei verantwortliche Innenminister. Die gleichen Sanktionen seien gegen einen Funktionär der Regierungspartei NDP verhängt worden, teilte der Generalstaatsanwalt mit. 

Im Zentrum von Kairo haben sich Gegner und Anhänger Mubaraks am Donnerstag erneut heftige Straßenschlachten geliefert. Beide Seiten bewarfen sich am Tahrir-Platz gegenseitig mit Steinen, und es wurden Schüsse in die Luft abgefeuert. Dabei schienen die Gegner Mubaraks die Oberhand zu gewinnen. Die Streitkräfte, die am Vormittag zwischen den verfeindeten Lagern in Stellung gegangen waren, schritten zunächst nicht ein. Auf dem Platz der Befreiung hatte es am frühen

Panzer trennen verfeindete Gruppen

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Nach Ende der Ausgangssperre am Morgen waren wieder Hunderte Menschen auf dem Platz. Panzer der ägyptischen Streitkräfte sind am Donnerstag auf dem Tahrir-Platz in Kairo in Stellung gegangen, offenbar um dort das Lager der Gegner von Staatspräsident Husni Mubarak zu schützen. Nur Stunden zuvor waren auf dem Platz Schüsse aus Schnellfeuerwaffen zu hören. Ein Panzer fuhr auf eine Brücke und drängte junge Männer zurück, die Steine auf die Demonstranten geworfen hatten. Vier andere Panzer bezogen Stellung zwischen den beiden größten Gruppen der verfeindeten Lager am Nordende des Platzes in der Nähe des Ägyptischen Museums.

Ägypten: Schüsse, Brandsätze, Tote

Ägypten: Schüsse, Brandsätze, Tote

Vorher waren auf Fernsehbildern Demonstranten zu erkennen, die sich mit Molotow-Cocktails, Steinen und anderen Gegenständen bewarfen. In einem Gebäude in der Nähe des Ägyptischen Museums auf dem Tahrir-Platz waren Flammen zu sehen, berichtete CNN am frühen Donnerstag.

Flughafen Kairo: Viele Ausländer reisen aus

Der Strom der aus Kairo ausreisenden Ausländer reißt nicht ab. Viele Ausländer, die in Ägypten arbeiten und zunächst geplant hatten, trotz der Unruhen zu bleiben, flogen am Donnerstag aus, auch mit der deutschen Lufthansa. Zahlreiche Staaten organisierten Evakuierungsflüge, darunter auch die Türkei. Diplomaten aus Österreich und der Schweiz warteten ebenfalls am Flughafen Kairo auf ihre Landsleute. Die Warteschlangen waren im neuen Terminal nicht mehr so lang wie an den Tagen zuvor.

Am Mittwoch waren bei blutigen Zusammenstößen mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 1500 Verletzte soll es laut Medienberichten gegeben haben. Das Gesundheitsministerium nannte die Zahl von 639 Verletzten.

Inmitten der Krise suchen die USA weiter Einfluss auf die Regierung in Kairo zu nehmen. Am Mittwoch (Ortszeit) telefonierte US-Außenministerin Hillary Clinton mit dem neuen ägyptischen Vizepräsidenten Omar Suleiman. Clinton habe von Suleiman eine Untersuchung der Übergriffe in Kairo verlangt.

Offenbar haben in Kairo Anhänger von Präsident Husni Mubarak Gegner des Präsidenten beschossen.

Die Außenministerin habe dabei abermals die Gewalt verurteilt und die ägyptische Regierung aufgefordert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, sagte Außenamtssprecher Philip Crowley. Er wiederholte den Standpunkt der US-Regierung, wonach der politische Übergangsprozess sofort beginnen müsse. “Morgen ist nicht gut genug“, sagte Crowley. Es müssten “sobald wie möglich“ Wahlen stattfinden. “Wir wollen einen glaubwürdigen Prozess sehen, der zu freien, fairen und legitimen Wahlen führt“, erklärte Crowley weiter.

Bereitschaft zu nationalem Dialog

Das ägyptische Staatsfernsehen meldete am Donnerstag, zwölf Oppositionsparteien hätten ihre Bereitschaft “zu einem nationalen Dialog“ erklärt. Das Fernsehen meldete auch, überall in Kairo sei wieder die Polizei auf den Straßen. Augenzeugen berichteten jedoch, in mehreren Vierteln eines Bezirkes sei am Morgen kein einziger Polizist zu sehen gewesen.

Angesichts der Exzesse forderte Oppositions-Vertreter Mohammed el Baradei die Armee auf, weitere Angriffe der Mubarak-Anhänger auf die Demonstranten zu unterbinden. Die Armee müsse eingreifen, um das Leben ägyptischer Bürger zu schützen, sagte El Baradei in einem Interview des Senders Al-Dschasira. “Es gibt eindeutige Beweise, dass die Polizei ihre Männer in Zivilkleidung auf die Demonstranten gehetzt hat“, sagte der Friedensnobelpreisträger.

Blutige Massenproteste in Ägypten

Blutige Massenproteste in Ägypten

Auch Außenminister Guido Westerwelle forderte die ägyptische Regierung zu einem friedlichen Dialog auf und kritisierte die Eskalation der Gewalt. Demonstranten mit Gewalt niederzuknüppeln, sei unter keinen Umständen akzeptabel, sagte Westerwelle der “Passauer Neuen Presse“ (Donnerstagausgabe). “Ägypten erlebt einen historischen Moment, und dieser muss sich nach innen und nach außen friedlich vollziehen“, sagte der FDP-Vorsitzende. Die ägyptische Regierung müsse bereit sein, den Dialog mit denen zu führen, die für Wandel und Freiheit demonstrieren.

Westerwelle betonte im ARD-“Morgenmagazin“, wichtig sei in dieser Situation, dass die europäische Staatengemeinschaft geschlossen auftrete und sich eng mit den USA abstimme. Nur so gebe es eine Chance, dass sich in Ägypten etwas ändere. Er appelliere an die dortige Regierung, “jetzt sofort“ zu einem friedlichen Dialog mit der Opposition zurückzukehren.

“Denn wir wollen nicht, dass Fundamentalisten, Extremisten und religiöse Radikale am Ende die Profiteure der Freiheitsbewegung in Ägypten werden“, sagte der Minister der Zeitung. “Das werden sie aber, wenn man die Demonstranten mit Gewalt unterdrückt.“

UN-Mitarbeiter aus Ägypten nach Zypern geflogen

Die Vereinten Nationen haben Hunderte ihrer Mitarbeiter am Donnerstag aus Ägypten nach Zypern in Sicherheit gebracht. “Es ist eine kleine Luftbrücke von Ägypten nach Zypern gebildet worden“, sagte der Sprecher der zwei zyprischen Flughäfen Larnaka und Pafos, Adamos Aspris, im zyprischen Fernsehen (RIK).

Insgesamt sollten bis Donnerstagabend mit vier Flügen jeweils 148 UN-Mitarbeiter nach Zypern geflogen werden, hieß es. Die zyprische Regierung hatte unmittelbar nach Ausbruch der Krise in Ägypten die zwei Flughäfen für Evakuierungsflüge zur Verfügung gestellt. Die Vereinigten Staaten sowie Kanada und Australien hätten entsprechende Anträge gestellt. Zypern war bereits 2006 Drehscheibe der Evakuierung von Ausländern aus dem Libanon gewesen.

dpa/dapd

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