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Brasilien: Schicksalswahl für das Klima

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Von: Lisa Kuner

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Das Foto eines entwaldeten Gebietes für den Anbau von Soja zeigt die Brisanz der Klima-Wahl in Brasilien.
Das Foto eines entwaldeten Gebietes für den Anbau von Soja zeigt die Brisanz der Klima-Wahl in Brasilien. © Imago

Die Brasilien-Wahl wird in vielen Aspekten richtungsweisend sein. Einer davon ist, wie es mit dem Klimaschutz weiter geht – nicht nur im Amazonasgebiet. 

Mato Grosso/Brasilien – Riesige Waldbrände, die sich rasend schnell ausbreiten und schwarze Rauchschwaden am Himmel: Seit vier Jahren sehen wir diese Bilder aus dem brasilianischen Amazonasgebiet häufig im Fernsehen. 2021 erreichten sie das höchste Level der vergangenen 15 Jahre – 2022 hat es in den ersten neun Monaten schon mehr Feuer gegeben als im ganzen Jahr 2021.

Unter dem aktuellen rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro ist die Entwaldung in Brasilien stark angestiegen. Am Sonntag wählen die Brasilianer und Brasilianerinnen – Spitzenkandidaten sind Bolsonaro und der ehemalige Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva. Ob Bolsonaro wieder- oder abgewählt wird, hat große Auswirkungen auf Klima und Umwelt. Vermutlich würde er in einer neuen Amtszeit genauso weiter machen wie bisher. Das Ausmaß der Zerstörung wäre weiterhin gigantisch.

Brasilien: Intensive Landwirtschaft und Monokultur

Ortswechsel: Der brasilianische Bundestaat Mato Grosso (deutsch: großer Wald) ist fast dreimal so groß wie Deutschland. Im Norden von Mato Grosso erstrecken sich die südlichen Ausläufer des Amazonas-Regenwalds, südlicher schließen sich das artenreiche Savannengebiet Cerrado an, dann das Biodiversitätsreservat Pantanal. Hier kann man sehen, was mit dem ehemals bewaldeten Gebiet passiert. Das Cerrado wurde bereits zu mehr als 50 Prozent entwaldet. Auf riesigen Plantagen werden im Jahr zwei verschiedene Feldfrüchte angebaut. Für die eine Ernte in der trockeneren Jahreshälfte sind das meist Mais oder Baumwolle, in der zweiten Jahreshälfte dann das Hauptprodukt Soja.

Ende September liegen die Flächen brach, die nächste Sojaaussaat beginnt in ein paar Wochen mit der einsetzenden Regenzeit. Die Probleme, die durch diese riesigen Plantagen entstehen, sind vielfältig. Zum einen ist der Verlust der Bewaldung eine Bedrohung für Artenreichtum und Klima, zum anderen gedeihen diese Monokulturen nur durch den Einsatz von großen Mengen an Pestiziden und Dünger.

Brasilien: Pestizide in sensiblem Ökosystem

Riesige Sojaplantagen gibt es nicht erst, seit der aktuelle Präsident Jair Bolsonaro regiert. Unter ihm aber haben sie sprunghaft zugenommen. Der brasilianische Präsident ist bekannt dafür, Politik für das Agrobusiness zu machen, und für die Wünsche, der großen Landwirte immer ein Ohr offen zu haben. So wurden beispielsweise auch Rekordzahlen an neuen Pestiziden zugelassen.

In Cáceres, einer Stadt am Anfang des Pantanals und in der Nähe der bolivianischen Grenze, lebt und arbeitet die Wissenschaftlerin und Aktivistin Solange Ideka. „Dieses Ökosystem hier ist sehr sensibel“, erklärt sie im Gespräch mit Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Die vielen landwirtschaftlichen Aktivitäten und der Einsatz von Pestiziden in der Nähe des Ursprungs der Flussläufe des Pantanals bringen das aus ihrer Sicht in Gefahr. „Trotzdem gibt es hier mehr und mehr großes Agrobusiness“, erklärt sie. Und die Sojafelder rücken immer näher ans Pantanal.

Bolsonaro-Regierung in Brasilien: Strukturelle Zerstörung von Umweltpolitik

„Rückschritt, Zerstörung und Inkompetenz – das sind die drei Dinge, die die Regierung Bolsonaro uns in Sachen Klimapolitik hinterlässt“, sagt Izabella Teixeira im Gespräch. Sie war in einer der früheren Regierungen von Lula und unter Dilma Rousseff Umweltministerin, heute berät sie verschiedene Akteure der Klimapolitik. Aktuell arbeitet sie am Wahlkampfprogramm von Lula mit. Bolsonaro hat aus ihrer Sicht strukturell alle Mechanismen zum Klima- und Umweltschutz ausgeschaltet. Zum einen habe die Regierung sowohl wissenschaftliche Institutionen geschwächt, als auch deren Erkenntnisse angezweifelt. Universitäten wurden Forschungsgelder gestrichen, Bolsonaro und andere Regierungsmitglieder zweifelten regelmäßig den menschengemachten Klimawandel an.

Zusätzlich sei die Zivilgesellschaft aus vielen klimapolitischen Prozessen ausgeschlossen worden. Das ist grundsätzlich problematisch, aber besonders schlimm sei, dass auch indigene Gemeinschaften nicht mehr mit einbezogen würden. Außerdem hat sich Brasilien unter Bolsonaro aus der Sicht von Izabella Teixeira immer stärker aus der internationalen Klimazusammenarbeit zurückgezogen.

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Abholzung stoppen

Adriana Abdenur ist Gründerin und Geschäftsführerin des Thinktanks Instituto Cipó, das zu internationaler Klimapolitik forscht. Sie macht noch auf einen anderen Punkt aufmerksam. Unter der Regierung Bolsonaro seien auch öffentliche Umweltschutzorgane geschwächt wurden. Sie nennt als Beispiele die Umweltschutzbehörde IBAMA, die Indigenschutzorganisation Funai und das Institut Chico Mendes, das eigentlich für Biodiversitätskonversation zuständig ist. Diese öffentlichen Organe hätten inzwischen so wenige Ressourcen, dass sie kaum noch richtig arbeiten können. „Mit all dem hat Brasilien seine internationale Glaubwürdigkeit in Sachen Klimaschutz völlig verloren“, meint Abdenur. Die müsse in den kommenden Jahren wieder aufgebaut werden. In einer möglichen Regierung von Lula müsste aus der Sicht von Abdenur Klima- und Umweltpolitik eine führende Rolle spielen.

Grüneres Wahlprogramm

Sowohl Abdenur als auch Teixeira haben Hoffnung, dass eine Regierung unter einem möglichen Präsident Lula in der Lage ist, die Herausforderungen für Klima- und Umweltkriese anzugehen. „Lula ist ein erfahrener Politiker“, sagt Teixeira. Er habe erkannt, wie wichtig besonders der Schutz des Amazonasgebiets sei. Außerdem wächst auch der Druck auf ihn: In den letzten Wochen des Wahlkampfs hatte Lula auch von Marina Silva, ebenfalls einer ehemaligen Umweltministerin, Unterstützung bekommen. Ihre Bedingung dafür, Lula zu unterstützen, waren Nachbesserungen in dessen Umweltprogramm. So enthält sein Wahlprogramm nun beispielsweise deutlich stärkere Bekenntnisse zu Landwirtschaft mit geringeren Emissionen und der Auszeichnung von indigenen Gebieten.

Solange Ideka aus Cáceres hofft, dass mit einem neuen Präsidenten wenigstens wieder ein konstruktiver Dialog möglich ist. Und dass er, anders als Bolsonaro, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht leugnet oder infrage stellt. Aus ihrer Sicht wäre schon das ein großer Fortschritt.

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