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Missbrauchsopfer schimpft in ARD-Talk über Papst-Rede - Anne Will muss Peinlichkeit zugeben

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Anne Will am Sonntagabend.

Zahlreiche Missbrauchsfälle wurden in der Vergangenheit vertuscht, um die Täter und den Ruf der Kirche zu schützen. Der Vatikan sprach darüber, nun diskutierte auch Anne Will mit ihren Gästen.

München - Nicht Merkel, Brexit oder Trump: Anne Will diskutierte am Sonntagabend mit ihren Gästen in der ARD über die Katholische Kirche. Thema: „Krisengipfel im Vatikan - wie entschlossen kämpft die Kirche gegen Missbrauch?“ Und das war - vorab gesagt - auch richtig so.

Thema bei Anne Will: Der Anti-Missbrauchsgipfel der Kirche im Vatikan

Papst Franziskus hatte in der Abschlussrede des Anti-Missbrauchsgipfels im Vatikan von seinen Bischöfen gefordert, Verantwortung zu übernehmen und die Kirche zum kompromisslosen Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen aufgerufen. „Kein Missbrauch darf jemals mehr vertuscht werden, wie dies in der Vergangenheit üblich war.“ Das Vertuschen fördere die Ausbreitung dieses Übels und schaffe eine neue Skandalebene, betonte der Papst. Er forderte die Bischöfe, Ordensoberen und vatikanischen Behördenchefs auf, neue Ansätze zur Vorbeugung gegen Missbrauch auf allen Ebenen der Kirche zu entwickeln.

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Doch vielen Opfern geht das nicht weit genug. „Die Rede des Papstes ist der schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen“, twitterte Matthias Katsch vom deutschen Opferschutzverband „Eckiger Tisch“, bereits vor der Sendung Anne Wills, ehe er später im Talk saß. Mit ihm in der Runde waren Bischof Stephan Ackermann (Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes), Johannes-Wilhelm Rörig (Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung), Agnes Wich (Sozialpädagogin und Betroffene von sexualisierter Gewalt durch einen katholischen Priester) sowie Heribert Prantl (Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung").

„Papst-Rede hat mich wütend gemacht“ - Missbrauch-Opfer schimpft bei Anne Will über Kirchenoberhaupt

Katsch, der als Schüler im Canisius-Kolleg in Berlin von zwei Padres sexuell missbraucht worden war, legte sogleich bei Anne Will nach. „Warum sollte ich den Worten glauben, wenn seit 30 Jahren keine Taten folgen. Der Papst ist zu kurz gesprungen. Die Rede hat mich wütend gemacht. Von den Forderungen die auf dem Tisch liegen, Gesetze der Kirche zu ändern, Null-Toleranz, Regeln für Aufarbeitung und Entschädigung festzulegen - nichts davon ist in dieser Woche geschehen.“

Bischof Ackermann verteidigte, der Papst habe Gesetze und Normen sehr wohl verschärft. Er bezeichnete den Gipfel als Erfolg, sah jedoch auch, dass konkrete Dinge in der Schlussansprache des Papstes fehlten. „Was machen wir? Gibt es eine To-Do-Liste? Das hätte ich mir auch stärker erwartet.“

Insgesamt aber, so Ackermann weiter, seien bei dem viertägigen Treffen viele wichtige Themen klar und offen angesprochen worden. Papst Franziskus sei es vor allem darum gegangen, die Bischöfe aus aller Welt auf denselben Stand zu bringen, was das Bewusstsein für den Umgang mit Missbrauch angehe. Und das sei sicher gelungen.

Prantl schimpft bei Anne Will (ARD): So hat sich die Kirche schuldig gemacht

Journalist Heribert Prantl wurde deutlicher: „Man muss wirklich sagen, die Kirche steckt in einer Jahrtausendkrise. Dafür braucht man Jahrtausendreformen. Ich habe mich über die Rede geärgert. Das reicht wirklich nicht. Was er gesagt hat, war eine Ansammlung von Selbstverständlichkeiten. Herr Bischof, ich bitte Sie“, flehte Prantl fast in Richtung Ackermann. „Sich der Justiz stellen, dass man nichts mehr vertuscht - wo sind wir denn?“, wütete er. Das, was die Kirche gemacht habe, sei Strafvereitelung, erklärte Rechtsexperte Prantl und bekam dafür nicht den letzten Applaus an diesem Abend.

Der SZ-Journalist schimpfte, dass Aufklärer jahrelang nicht an Akten herangelassen wurden. „Ich wünsche mir die Öffnung der Akten und Archive und eine Verschärfung des Kirchenrechts.“ Dann stellte er klar: „Vergewaltigungen sind Gewalttaten, die massiv bestraft gehören, solche Priester müssen entlassen werden!“ Jahrelang habe die Kirche diese Priester einfach in eine andere Pfarrei geschickt. Auf diese Weise habe sich die Kirche schuldig gemacht. Prantl hob auch die Fallhöhe der Kirche hervor, schließlich nehme die katholische Kirche als Institution für sich in Anspruch, den Allmächtigen auf Erden zu vertreten.

Missbrauchsopfer Wich springt Papst und Bischof bei Anne Will zur Seite

Weiter geht es: Warum dauert die Aufklärung so lange? Sogar Bischof Ackermann muss zugeben: „Ohne den äußeren Druck wären wir nicht an dem Punkt, an dem wir heute sind.“ Auch er verteidigt die Langsamkeit der kirchlichen Mühlen, wo immer es um den sexuellen Missbrauch durch Würdenträger geht, nur sehr matt: „Die Uhren laufen langsam“, sagt er. Und er verweist auf ein „anderes Empfinden“ seiner Kirche in der Frage, „was ist schnell, was ist langsam?“

Überraschend springt die selbst missbrauchte Katholikin Wich dem Bischof zur Seite. „Der Papst ist dabei, Klarheit zu entwickeln“, lobt sie. „Zum ersten Mal hat die Kirche den Mut, in ihre dunklen Abgründe zu schauen, auf ihre eigenen Verbrechen zu blicken.“

Peinlich für ARD-Talk Anne Will: Nur eine Frau in der Kirchenrunde

Thema ist dann auch die Rolle der Frau innerhalb der katholischen Kirche. Frauen dürfen noch immer keine Weiheämter ausüben, sind also etwa vom Priesteramt ausgeschlossen. Prantl macht noch mal Druck auf Bischof Ackermann: „Sie können doch auch nicht zufrieden sein damit, dass Frauen von den entscheidenden Positionen ausgeschlossen sind“, fährt er ihn an. „Sie sind sozusagen Christen zweiter Klasse.“

„Da möchte ich als Frau was dazu sagen“, meldet sich Frau Wich. Da bemerkt Anne Will: „Peinlich genug, dass nur eine Frau diese Woche in der Runde sitzt“, sagt sie schnell und erklärte die Gästeauswahl damit, dass man zwar viele Frauen angefragt habe, es letztlich aber nicht geklappt habe.

ARD-Talk bei Anne Will: Rörig fordert Fahrplan von Kirche

Der Bundesbeauftragte Rörig schaut nach vorne: „Jetzt kommt es darauf an, was in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten an Entscheidungen getroffen wird.“ Denn, so Rörig: „Ich kann die Wut jedes einzelnen Betroffenen verstehen, der erwartet hat, dass sofort Beschlüsse getroffen werden. Aber jetzt geht es darum, dass ein Fahrplan aufgestellt wird: Täter bestrafen, Prävention verbessern, und auch bei verjährten Fällen muss das Unrecht anerkannt werden.“ Ein ernster wie wichtiger Talk bei Anne Will, der gerade den Opfern Gehör verschafft haben dürfte.

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