Zwei Jahre nach der Loveparade

Untergang in der Menschenmenge

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Bei der Loveparade 2010 in Duisburg kommt es zu einer Massenpanik. 21 Menschen sterben, mehr als 500 werden verletzt.

Syke / Duisburg / Jülich - Von Felix Gutschmidt - Schreie im Karl-Lehr-Tunnel. Schockwellen zucken durch die Menge. Menschen drängen ins Freie. Sie fallen. Sie klettern übereinander. Sie wollen nur noch raus. Duisburg am 24. Juli 2010: Bei der Loveparade kommt es zu einer Massenpanik. 21 Menschen sterben, mehr als 500 werden verletzt.

Dass Großveranstaltungen Gefahren bergen, ist lange bekannt. Vor rund 2 000 Jahren schrieb Cäsar-Biograph Sueton zu den Spielen im Kolosseum in Rom: „Zu all diesen Schauspielen strömte von überall her eine ungeheure Menschenmenge zusammen. (...) Ferner wurden im Gedränge häufig sehr viele Menschen erdrückt und erstickt.“

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Die systematische Erforschung dieser verhängnisvollen Menschenstaus ist vergleichsweise jung. „Die Literatur dazu, wie solche Personenströme laufen und welche Charakteristiken sie haben, ist rar“, sagt Armin Seyfried vom Forschungszentrum (FZ) Jülich. Zusammen mit seinen Kollegen versucht der Physikprofessor seit etwa vier Jahren, das Verhalten von Menschenmassen bei Großevents mit einem Computer-Programm zu simulieren.

Auf dem Bildschirm werden Menschen zu Punkten. Von zwei Seiten strömen sie dem Ausgang entgegen. Ovale Farbflächen zeigen den Abstand der Punkte zueinander an. Dort, wo die Punkte besonders dicht beieinander stehen, verformen sich die Linsen zu engen Kreisen und verfärben sich rot – an diesen Stellen kann es gefährlich werden.

Simulation von Besucherströmen und Festivals

Simulation von Besucherströmen und Festivals

Für die ersten Simulationen verwendeten die Wissenschaftler Modelle, die urspünglich entwickelt worden waren, „um die Bewegung von Molekülen in Flüssigkeiten und Gasen zu beschreiben“, sagt der beteiligte Physiker Andreas Schadschneider.

Zum Abgleich mit der Realität zeichnete die Forschergruppe über mehrere Monate Besucherströme im Düsseldorfer Fußballstadion auf. In 200 Experimenten mit teilweise mehr als 400 Teilnehmern untersuchten die Wissenschaftler außerdem, wie Menschengruppen auf Hindernisse oder Entgegenkommende reagieren. Mit den gesammelten Informationen verfeinerten sie ihre Simulation.

Das System soll in der Lage sein, die Laufwege zehntausender Besucher bis zu 15 Minuten im Voraus zu berechnen und die Sicherheitskräfte zu warnen, bevor es zu einem gefährlichen Gedränge kommt. Es trägt den Namen Hermes, Schutzgott des Verkehrs.

Ein abschließender Test des Systems im Düsseldorfer Stadion im September 2011 verlief nach Angaben der Jülicher Simulationswissenschaftler erfolgreich. Die Besucher verhielten sich so, wie die Forscher es vorausgesagt hatten. Doch einsatzbereit ist Hermes noch lange nicht. Für den Test wurden etwa 100 Spezial-Kameras im Stadion installiert. Damit wurde nur ein Viertel des Zuschauerraums abgedeckt. Zur Verarbeitung der Daten kam ein Computer mit 208 Prozessoren zum Einsatz. Dieser Aufwand ist in der Praxis keinem Veranstalter zumutbar. Nach Angaben eines Sprechers des FZ Jülich sei es auch nie geplant gewesen, Hermes zu einem marktreifen Produkt zu entwickeln.

Jetzt soll aus dem Laborkind ein praktisches Werkzeug werden. Seit März dieses Jahres arbeiten Wissenschaftler des FZ Jülich mit Universitäten, Polizei und Feuerwehr sowie Dienstleistern aus der Sicherheitsbranche an dem Hermes-Nachfolger „BaSiGo“. Ebenfalls mit an Bord: das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

„BaSiGo“ steht für „Bausteine für die Sicherheit von Großveranstaltungen“. Bis 2017 will der Forschungsverbund ein Frühwarnsystem für Kommunen, Sicherheitsorgane und Veranstalter entwickeln. Mit „BaSiGo“ sollen sie Engpässe bereits im Vorfeld von Veranstaltungen erkennen und so gefährliche Menschenstaus verhindern können. Dabei kommt der Simulation von Menschenmassen eine zentrale Bedeutung zu.

Die Analyse von Besucherströmen am Computer soll helfen, Verkehrskonzepte zu erstellen und zu prüfen, wie Massen am besten gelenkt werden können. Es gilt die Maxime: Je vorhersehbarer ein Großereignis ist, umso besser können sich die beteiligten Akteure vorbereiten.

Tödliche Fehlerkette

Die Ursachen des Unglücks bei der Loveparade 2010 sind bis heute nicht abschließend geklärt. Dirk Helbing und Pratik Mukerji von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich haben die Ereignisse vom 24. Juli in dem Artikel „Crowd Disasters as Systematic Failures“ analysiert. Sie sagen, dass es keinen Hauptverantwortlichen gibt. Eine Fehlerkette soll Ursache des Unglücks gewesen sein:

  • Ein- und Ausgänge sind nicht getrennt. Es gibt keine Extra-Wege für Rettungswagen. Alles konzentriert sich auf eine Rampe, die vom Karl-Lehr-Tunnel auf das Gelände führt.
  • Besucher treffen später als erwartet ein. Viele verlassen das Gelände früher als erwartet. Es kommt zu gegenläufigen Strömen im Tunnel und auf der Rampe.
  • Ordnungskräften gelingt es nicht, die Masse zu kontrollieren. Weil Menschen das Gelände nicht verlassen können, ohne dass neue Zuschauer hineinströmen, ist eine Evakuierung unmöglich.
  • Als die Absperrungen geöffnet werden, um einen Krankenwagen durchzulassen, stoßen hunderte Besucher durch die Lücke.
  • Tunnel und Rampe sind überfüllt. Es kommt zur Massenpanik. Rettungskräfte können nicht rechtzeitig eingreifen und den Verletzten helfen. guf

Quelle: kreiszeitung.de

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