Wohin zum Sterben? Palliativmedizin in Niedersachsen

+
Wohin zum Sterben?

Hannover - Von Peer Körner - Wenn todkranke Menschen nicht im Krankenhaus sterben wollen, muss rechtzeitig ein Platz im Hospiz oder eine gute Betreuung daheim organisiert werden. Das ist nicht einfach. Niedersachsen hat zwar viel bewegt, aber das System hat noch Lücken.

„Es war unwürdig, wie meine sterbende Mutter hin- und hergeschoben wurde“, sagt Mark Castens. „Das hatte mit einer menschlichen und würdevollen Sterbebegleitung nichts zu tun.“ Der Verwaltungsangestellte aus Ovelgönne hat vor zwei Jahren seine Mutter durch Krebs verloren. Erst drei Wochen vor ihrem Tod bekam die 62-Jährige einen Hospizplatz.

„Sie wurde mehrfach zwischen den Krankenhäusern und dem eigenen Haus bei Pflegestufe 1 hin- und hergeschoben, während ich mich um die Sicherstellung der sozialen Leistungen kümmern musste“, erinnert sich der 38-Jährige. „Das ist eine Odyssee, die die Angehörigen in so einem Fall durchlaufen müssen.“ Am Freitag wird sich der Landtag in Hannover mit dem Thema befassen - das ist auch Castens Verdienst.

Seine leidvollen Erfahrungen haben Castens aktiv werden lassen - mit Erfolg: „Ich bin deshalb im März vom Petitionsausschuss des Bundestages öffentlich gehört worden. Zwei Wochen später war ich in der bremischen Bürgerschaft und habe dann die Thematik in den niedersächsischen Landtag gebracht.“ Vorhandene Strukturen sollen ausgebaut und besser vernetzt werden, heißt es im Antrag der Koalitionsfraktionen von CDU und FDP, um den es im Landtag geht.

Dabei sieht es in Niedersachsen besser aus, als in den meisten anderen Bundesländern. Außer den knapp 20 stationären Hospizen gibt es mehr als 40 stationäre Palliativeinrichtungen an Krankenhäusern sowie rund 130 ambulante Hospizdienste. Landesweit sind 34 Teams im Einsatz, die auf ambulante Palliativversorgung spezialisiert sind. „Diese Versorgung ermöglicht unheilbar kranken Menschen in ihrer letzen Lebensphase ein weitgehend schmerzfreies, begleitetes und würdevolles Abschiednehmen“, heißt es im Gesundheitsministerium.

„Aus wirtschaftlichen Gründen bieten die Palliativstützpunkte ihre Dienste aber nicht in allen Gemeinden an“, moniert Castens. „Ohnehin haben wir immer noch weiße Flecken bei der Palliativversorgung: so gibt es immer noch auch in Niedersachsen ganze Landkreise, wo es keine entsprechenden Stützpunkte oder Hospize gibt.“

Die niedersächsische Koordinierungs- und Beratungsstelle für Hospizarbeit und Palliativversorgung hat im Januar 2009 ihre Arbeit aufgenommen. Bereits seit Mitte 2006 hatte die Landesregierung den flächendeckenden Ausbau der Palliativstützpunkte als Netzwerk vor Ort gefördert. Damit sei Niedersachsen bundesweit Vorreiter gewesen, betont der Leiter Prof. Winfried Hardinghaus. „Regionale Lücken gibt es immer noch in Diepholz, Verden, Helmstedt und der Wesermarsch“, bestätigt er.

„Wir müssen die bestehenden Strukturen vor Ort noch besser vernetzen - da bieten wir unsere Hilfe an“, sagt Hardinghaus. „Wir brauchen für eine Professionalisierung unbedingt mehr finanzielle Hilfe vom Land, bislang ist unsere Arbeit ausschließlich ehrenamtlich.“ Eine zentrale Koordinierungsstelle sei unerlässlich - auch als erste Anlaufstelle. Dafür sei die Telefon-Hotline der beste Weg. „Der Bedarf steigt bei immer mehr älteren Menschen mit immer mehr Krankheiten“, warnt Hardinghaus. „Mark Castens hat unterm Strich einiges bewegt“, sagt er anerkennend. dpa

Quelle: kreiszeitung.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare