Weniger Gläubige - Kirchen füllen sich mit Urnen

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Ein Mann geht in Hannover im Kolumbarium Hl. Herz Jesu an einer gläsernen Himmelsleiter vorbei, die Platz für 56 Urnengräber bietet.

Von Michael Evers und Elmar Stephan - Hannover/Osnabrück - Angesichts einer sinkenden Zahl an Kirchgängern und schrumpfenden Finanzen müssen sich viele Bistümer in Deutschland schweren Herzens von Kirchengebäuden trennen. Statt Abriss oder Verkauf hat die katholische Kirche in Hannover am Wochenende eine ungewöhnliche Umwandlung gewagt: In der Herz-Jesu-Kirche werden künftig die Urnen von bis zu 3000 Verstorbenen aufbewahrt.

Nach Aachen, Marl und Erfurt ist es das vierte sogenannte Kolumbarium, ein weiteres soll bis zum Sommer in Osnabrück entstehen. Die Kirche reagiert damit auch auf den Trend, dass entgegen früherer Tradition inzwischen auch viele Katholiken eine Feuerbestattung statt einer Beerdigung wählen.

„Himmelsleiter“ wurde das Projekt in Hannover getauft, bei dem in den Seitenschiffen der Kirche an dünnen Stangen lichtdurchlässige Hüllen aus Glas von der Erde Richtung Himmel reichen. In diesen Hüllen ist Platz für die Urnen, die durch getrübtes Glas nur umrisshaft erkennbar sind. Erst die Frontplatte aus klarem Glas gibt die Sicht auf die Urne frei und dort wird auch der Name des Toten eingraviert.

Das Mittelschiff der Kirche bleibt für Gottesdienste fast wie gewohnt erhalten. „Und die Verstorbenen sind mitten im Leben“, sagt Pfarrer Bernd Galluschke. „Das ist doch ein wirklich tröstlicher Gedanke, dass der Himmel für uns offen steht.“

Früher hatten die Kirchen quasi ein „Monopol“ beim Beerdigen, sagt der Osnabrücker Generalvikar Theo Paul. Mittlerweile seien sie aber ein „Anbieter“ unter vielen. Während früher Erdbestattungen die Regel gewesen seien, machten heute vor allem in Städten Feuerbestattungen mehr als die Hälfte der Beisetzungen aus. Dort wollten viele sich auch anonym beisetzen lassen. In breiten Teilen der Bevölkerung sei der Bezug zur christlichen Auferstehungshoffnung verloren gegangen.

Ein Handwerker bringt in Hannover eine der Sprüchetafeln in dem Kolumbarium Hl. Herz Jesu an, die Sprüchetafeln dienen als Abgrenzung vom Friedhofsteil zum Altarraum.

Daher will das Bistum unter Bischof Franz-Josef Bode künftig auch der Urnenbestattung einen Raum geben und ein Kolumbarium einrichten. In Osnabrück wird das Kolumbarium in der Kirche „Heilige Familie“ im Stadtteil Schölerberg eingerichtet. Das Gebäude wurde Anfang der 1960er Jahre gebaut und ist die einzige „Rundkirche“ der Diözese. Geplant sind nach Angaben eines Bistumssprechers Plätze für bis zu 1.200 Urnen. Es soll aber nur der mittlere Bereich für Urnen-Beisetzungen benutzt werden, ansonsten soll die Kirche weiterhin für Gottesdienste genutzt werden. Dabei verringert sich die Zahl der Sitzplätze von derzeit 320 auf 100.

Am 28. Februar feiert die Gemeinde ihren letzten Gottesdienst vor den Umbauarbeiten. Der Bischof will die Kolumbariumskirche am 26. August wiedereröffnen.

Aus Sicht des Bistums bietet das Kolumbarium der kleiner werdenden Gemeinde eine Zukunftsperspektive. „Wir möchten als Bistum Kirchengebäude erhalten. Deshalb suchen wir nach neuen pastoralen Aufgabenfeldern, die wir in eine Kirche integrieren können. Dazu gehört auch der „Dienst an den Toten“ mit der Einrichtung eines Kolumbariums.“

Für Daniela Engelhard, der Leiterin des Osnabrücker Seelsorgeamtes, ist ein Kolumbarium so etwas wie „ein Dach für Trauernde“. Menschen müssten Räume für ihre Trauer haben. Im Kolumbarium hätten Menschen die Chance, mit Menschen in Kontakt zu kommen - beispielsweise in der Trauerbegleitung, bei der Vorbereitung von Andachten oder bei der Ausrichtung von Beerdigungskaffees.

Das Konzept der Kolumbariumskirche scheint bei den Gläubigen anzukommen. „Die ersten Urnenbeisetzungen sind schon lange terminiert“, sagt Geschäftsführer Johannes Kollenda in Hannover. „Es gibt auch schon viele Anfragen für den Erwerb von Nutzungsrechten an Urnenschreinen zu Lebzeiten.“ Den ersten 100 Kunden winkt dabei Rabatt.

www.kolumbarium-hannover.de

dpa

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