Rassismus-Skandal

Fußballer Karembeu klagt Hagenbeck an: Ahne als „Kannibale“ ausgestellt

  • VonUlrike Hagen
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Fußballweltmeister Karembeu erhebt schwere rassistische Vorwürfe gegen den Tierpark Hagenbeck: Sein Urgroßvater wurde dort als Kannibale ausgestellt.

Hamburg – Es ist eine Riesen-Herausforderung für die Abteilung „Öffentlichkeitsarbeit“ des Tierparks Hagenbeck. Und es wird sicher heftiger als für den Europapark Rust, der seine „Dschungel-Floßfahrt“ nach Rassismus-Vorwürfen einfach umbaut. Der bundesweit bekannte und beliebte Hamburger Zoo muss sich mit einem dunklen Kapitel seiner Geschichte auseinandersetzen. Der ehemalige französische Nationalspieler und Weltmeister Christian Karembeu (50) erhebt schwere rassistische Vorwürfe: 1931 wurde sein Urgroßvater in einer „Völkerschau“ von Hagenbecks Tierpark als „Kannibale“ präsentiert. Der Fußballer erwartet eine Entschuldigung.

Zoo:Tierpark Hagenbeck
Eröffnung:7. Mai 1907
Größe:25 Hektar
Tierarten:210 im Tierpark, 300 im Tropen-Aquarium
Besucher:1,9 Millionen (2019)

Fußballer Karembeu klagt Tierpark Hagenbeck an: Urgroßvater wurde als „Kannibale“ ausgestellt

Wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bereits 1998 berichtete, wurde der aus Neukaledonien – einer Inselgruppe im Süd-Pazifik – stammende französische Weltklassekicker durch den Roman „Cannibale“  des Schriftstellers Didier Daeninckx auf das Schicksal seines Urgroßvaters Willy aufmerksam. Uropa Karembeu wurde mit über 100 Frauen, Männern und Kindern vom Volk der Kanak, der Ureinwohner Neukaledoniens, nach Paris gebracht. Angeblich, so der Urenkel gegenüber „Panorama 3“, um dort die Heimat bei einer Kolonialausstellung zu repräsentieren: „Sie dachten, sie sollten dort Vertreter der Regierung treffen“.

Fußball-Weltmeister Christian Karembeu klagt den Tierpark Hagenbeck in Hamburg. (24hamburg.de-Montage)

Hagenbeck stellte in rassistischer „Völkerschau“ Menschen wie Tiere aus – Fußballer Karembeu mit schweren Vorwürfen

In Wahrheit heuerte man sie für den Vergnügungszoo im Bois de Boulogne an. Und statt zu diplomatischen Treffen ging es direkt in den Pariser Freizeitpark, wo sie als „Kannibalen“ zur Schau gestellt wurden, wilde Schreie ausstoßen und die Zähne fletschen sollten: „Alle Besucher sollten Angst haben“, so Christian Karembeu nach den NDR-Berichten. Kurz darauf wurden 30 Personen nach Hamburg geschickt, um bei Hagenbeck neben den Tieren ausgestellt „Die letzten Kannibalen der Südsee“ zu geben, so auch der Karembeu-Urgroßvater.

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Karembeu über seinen Urgroßvater als „Kannibale“ bei Hagenbeck: „Sie fühlten sich wie Sklaven“

Die Gruppe aus Männern, Frauen und Kindern musste auf sogenannten „Völkerschauen“ täglich für Besucher Speere schwingen und Einbäume bauen, mit denen sie die Tierparkgäste auf einem Teich spazieren fahren sollten und: Sie mussten tanzen. Barfuß und nahezu nackt. Selbst bei Regen sollen die Kanak viele Stunden am Tag tanzen, berichten sie später. „Sie fühlten sich wie Sklaven. Es war hart für sie“, erklärt Fußball-Weltmeister Karembeu, Urenkel des Betroffenen gegenüber „Panorama 3“. Irgendwann sind die Menschen so verzweifelt, dass die den französischen Kolonialminister anschreiben: „Wir möchten nicht länger hierbleiben“..

Rassistische „Völkerschau“ wird in Frankreich zum Skandal: Karembeus Urgroßvater aus Hagenbecks Tierpark befreit

Als die Angelegenheit in Frankreich öffentlich wird, gerät sie zum Skandal. „Die letzten Kannibalen der Südsee“ rund um Willy Karembeu kommen endlich von Hamburg nach Frankreich zurück und von dort in ihre Heimat. Sein Urgroßvater hätten diese traumatischen Erfahrungen bis zu seinem Tod nicht losgelassen, erzählt Christian Karembeu.

Christian Karembeu wünscht sich eine kritische Aufarbeitung von rassistischer Vergangenheit

Der Fußballstar, inzwischen strategischer Berater beim griechischen Fußballclub Olympiakos Piräus, hat in Frankreich schon vor Jahren auf die dunkle Vergangenheit der in Europa damals verbreiteten „Völkerschauen“ mit ihren kolonialistischen Stereotypen und Menschenbildern aufmerksam gemacht. Nun wünscht er sich auch in Deutschland eine kritische Aufarbeitung des Themas.

Seit den weltweiten Rassismus-Debatten, die unter anderem dazu führten, dass Food-Experten die Umbenennung des Begriffes „Curry“ fordern, viele Vögel nach Rassismus-Vorwürfen neuen Namen bekamen, oder Kaffeehersteller Julius Meinl nach rassistischen Vorwürfen das Mohren-Logo änderte, wird auch in Hamburg immer wieder über die Vergangenheit des Tierparks Hagenbeck und dessen Gründer Carl Hagenbeck diskutiert.

Hagenbeck leugnet rassistische Völkerschauen nicht – arbeitet sie aber auch nicht auf

Hagenbeck äußerte auf Anfrage von 24hamburg.de, dass der Tierpark sich bereits seit „seit längerer Zeit und umfassend mit seiner historischen Vergangenheit“ befasse und verschiedene Ansätze für eine angemessene Aufarbeitung diskutiert. In Abstimmung mit dem Museumsreferat der Bildungsbehörde und verschiedenen Museen sei dies aber ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen sei.

In einem Statement heißt es: „Carl Hagenbeck war nicht der Erfinder der Völkerschauen. Zahlreiche Völkerschauen (...) reisten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. Jahrhundert durch die europäischen Großstädte. Völkerschauen in Hamburg (...) fanden auf dem weihnachtlichen Jahrmarkt und im Panoptikum, in Bierhallen und Vergnügungslokalen auf St. Pauli statt. Carl Hagenbeck veranstaltete sie zunächst am Neuen Pferdemarkt.“. Und weiter: „Die Völkerschauen sind ein Bestandteil der Hagenbeck-Historie, den wir nicht verleugnen.“

Das jedoch reicht Christian Karembeu nicht: „Wir können erst unseren Frieden finden, wenn wir alle Informationen haben, die ganze Geschichte erzählen“, sagte er dazu dem NDR. * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Federico Pestellini/imago

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