Arbeitsmarkt

VW in der Krise: So viele Jobs fallen in Niedersachsen weg

VW-Chef Herbert Diess soll in einer Aufsichtsratssitzung Ende September von 30.000 Entlassungen gesprochen haben. Inzwischen rudert der Konzern wieder zurück.

Wolfsburg – Die Ansprache durch den Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG, Herbert Diess während einer Aufsichtsratssitzung im September hallt immer noch nach – und zwar bundesweit. Denn bei der Sitzung soll Heikles verkündet worden sein, obwohl eigentlich nicht wirklich etwas Relevantes auf der Tagesordnung des Aufsichtsgremiums gestanden hatte. So soll Konzernchef Diess in der Sitzung angekündigt haben, dass Volkswagen 30.000 Arbeitsplätze abbauen will. Doch plötzlich will keiner mehr davon etwas wissen.

Unternehmen:Volkswagen AG
Gründung:28. Mai 1937 in Berlin
Hauptsitz:Wolfsburg
Leitung:Vorstandsvorsitzender Herbert Diess
Mitarbeiter:662.600 (Stand: 2020)
Umsatz:222,88 Milliarden Euro (Geschäftsjahr: 2020)

Diesen Mittwoch hieß es nun auf einmal aus Kreisen der Konzernspitze um den Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess: „Ein Abbau von 30.000 Stellen ist kein Thema!“ Derzeit gebe es keine konkreten Pläne für erhebliche Kürzungen am Stammsitz in Wolfsburg. Ein Insider behauptet allerdings: „Diess spielt bewusst mit diesem Gespenst*!“

VW-Chef Diess will 30.000 Stellen streichen: „Kein unmittelbares Szenario drohender Arbeitsplatzverluste“

Allerdings soll Diess nach Informationen aus Unternehmenskreisen bei einer Aufsichtsratssitzung im September über die Zahl von 30.000 Stellen gesprochen haben. Doch sei es dabei nicht um ein etwaiges, unmittelbares Szenario drohender Arbeitsplatzverluste gegangen, betont der Autobauer VW nun.

Wohl aber sei es nötig, Themen wie die Kostenlage und Auslastung von Standorten intensiv zu diskutieren: „Es steht außer Frage, dass wir uns angesichts der neuen Marktteilnehmer mit der Wettbewerbsfähigkeit unseres Werks in Wolfsburg befassen müssen.“ Es geht dabei vor allem um den US-Rivalen Tesla und dessen neues deutsches Werk bei Berlin.

Während einer Aufsichtsratssitzung im September soll VW-Konzernchef Herbert Diess über den Abbau von bis zu 30.000 Stellen im Unternehmen gesprochen haben. (kreiszeitung.de-Montage)

VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo* wandte sich im Intranet an die Belegschaft: „Die Schlagzeilen vom heutigen Vormittag haben bei vielen von euch zu Recht Fragen und zum Teil leider auch Sorgen ausgelöst.“ Ein Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen wäre „absurd“, schrieb sie. Man habe sich auch eine klare Stellungnahme der Unternehmensseite zu diesem Thema gewünscht.

VW-Chef Diess will 30.000 Stellen streichen: Langzeit-Szenario falls sich Halbleiter-Krise weiter zieht

Zuvor hatte bereits eine andere Quelle berichtet, Diess habe ein mögliches Langfrist-Szenario vorgetragen, was passieren könnte, falls die Lieferkrise bei Mikrochips anhalten sollte oder die Terminierung von VW-Zukunftsprojekten überdacht werden müsse. In dem Zusammenhang habe er dann auch die Lage am Hauptsitz offensiv thematisiert – zur Überraschung der Kontrolleure. Das „Handelsblatt“ beschrieb auch einen neuen „Eklat“ mit den Aufsehern. Von einem Streit dieser Größenordnung war laut anderen Stimmen zunächst nicht die Rede.

Aus dem Umfeld der Arbeitnehmervertreter verlautete, der Topmanager habe bei seinen Gedanken offensichtlich auch eine Parallele zu den hohen Überkapazitäten in den 1990er Jahren gezogen. Damals hatte der Umstieg auf eine Vier-Tage-Woche ermöglicht, dass gut 30.000 VW-Jobs gerettet werden konnten. Aktuell gebe es eine ganz andere Situation.

Gleichwohl ist Volkswagen unter Druck. Vor allem in Wolfsburg hat das Unternehmen gerade erheblichen Leerlauf. Mehrfach musste Kurzarbeit für Zehntausende Beschäftigte verlängert werden, weil hier – wie bei anderen Anbietern und auch Automobilzulieferern – wichtige Halbleiter fehlen. Derzeit stehen bei VW rund 130.000 Autos auf dem Hof, die einfach nicht fertig gebaut werden können. Unabhängig von diesen akuten Engpässen gibt es in Teilen der Belegschaft Sorgen um eine ausreichende Werksbelegung in der bevorstehenden Zeit. Ein anderes Beispiel aus der Branche: Bei Mercedes in Bremen stehen derzeit die Bänder still.

VW-Chef Diess will 30.000 Stellen streichen: Betriebsrat fordert Produktionsverlagerung nach Wolfsburg

Der Betriebsrat forderte etwa bereits, neben „Trinity“ mindestens ein weiteres Elektromodell in der Konzernzentrale anzusiedeln. Außerdem wird es darauf ankommen, ob andere Großvorhaben wie der geplante „Tesla-Fighter“ in Hannover, die Erweiterung der Mobilitätsdienste und der Ausbau der konzerneigenen Software-Sparte Cariad zünden.

Möglicherweise werden bis Mitte November zudem Eckdaten genannt, wo genau weitere angekündigte Batteriezellwerke entstehen. Dabei rechnen sich auch Niedersachsen und Sachsen Chancen aus, der Betriebsrat hatte zumindest eine zusätzliche Zellfabrik in Deutschland gefordert.

Grundsätzlich haben Belegschaftsvertretung und Firmenleitung in vielen Punkten dasselbe Ziel. Möglichst bald sollen weitere E-Modelle mit zunehmend selbst entwickelter Vernetzungstechnik folgen. Einen offenen Machtkampf wie Mitte 2020, als Diess Aufsichtsratsmitglieder wegen Indiskretionen eines kriminellen Verhaltens bezichtigt hatte, gibt es nach dpa-Informationen nicht. Der VW-Chef soll damals nur dank einer internen Entschuldigung seinen Rauswurf verhindert haben.

VW-Chef Diess will 30.000 Stellen streichen: Diess mit neuem Vertrag bis Herbst 2025

Diess ist bekannt dafür, dass er seine Überlegungen in Sitzungen oft spontan und – für den Geschmack der Gewerkschaftsseite – recht provokant einbringt. Mit dem langjährigen Betriebsratschef Bernd Osterloh, der inzwischen Personalvorstand der VW-Nutzfahrzeug-Holding Traton ist, lieferte er sich mehrfach einen heftigen Schlagabtausch.

Osterlohs Nachfolgerin Cavallo hatte erklärt, einen ruhigen Ton zu bevorzugen. In der Sache wolle sie allerdings ebenso hart für die Belegschaftsinteressen kämpfen. Cavallo sitzt – wie die Vertreter der Familien Porsche/Piëch und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) – im mächtigen Präsidium des Volkswagen-Aufsichtsrats.

Diess erhielt gerade im Sommer einen Anschlussvertrag bis zum Herbst 2025*. Er legte inzwischen auch eine neue Konzernstrategie vor. Bei der genauen Umsetzung der Elektrifizierung und Digitalisierung sei der Ball nun in seinem Feld, hieß es aus Eigentümerkreisen. (mit Material der dpa) * kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Swen Pförtner/dpa & Julian Stratenschulte/dpa

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