Notwehr oder Totschlag?

Rentner schießt auf 16-jährigen Räuber

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Der wegen Totschlags Angeklagte steht mit einem seiner zwei Anwälte, Michael Helwig (r), im Verhandlungssaal des Landgerichtes in Stade (Niedersachsen) und hält sich einen Ordner vor sein Gesicht.

Stade/Sittensen. War es Notwehr oder Totschlag? Ein Rentner schießt nach einem Überfall auf sein Anwesen auf die flüchtenden Räuber, ein 16-Jähriger stirbt. Nach langem juristischen Hin und Her steht der 80-Jährige nun vor Gericht - doch ob die Anklage verlesen wird, ist fraglich.

Der Angeklagte hält sich einen Aktenordner vor sein Gesicht, als er den Verhandlungssaal im Landgericht Stade betritt. Kameras sind auf ihn gerichtet, Fotoapparate blitzen. Nach den tödlichen Schüssen auf einen jungen Räuber muss sich der 80-Jährige dort seit Mittwoch wegen Totschlags verantworten. Die Anklage wirft dem Rentner vor, 2010 einen 16-Jährigen erschossen zu haben, der ihn mit anderen jungen Männern in seinem Haus in Sittensen überfallen hatte. Das Gericht soll nun prüfen, ob die Tat als Notwehr oder als Totschlag zu werten ist. Der 80 Jahre alte Rentner wirkt beim Prozessauftakt sichtlich angeschlagen. Das Stehen fällt ihm schwer, er stützt sich auf seinen Stock.

Zu Beginn des Prozess beantragt die Verteidigung, das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten bis auf weiteres auszusetzen. Die Anklage ist da noch gar nicht verlesen worden. Als einer der Rechtsanwälte auf den Gesundheitszustand des 80-Jährigen zu sprechen kommt, bricht der Angeklagte in Tränen aus, sein Gesicht läuft rot an. Der Anwalt verweist zur Begründung auf ein ärztliches Attest des Hausarztes: Danach drohe dem 80-jährigen die Gefahr eines erneuten psychischen Zusammenbruchs, wenn er dem Stress einer öffentlichen Verhandlung ausgesetzt werde. Schon in den Tagen zuvor habe der Rentner unter Weinkrämpfen gelitten, berichtet der Verteidiger.

Die 2. Große Strafkammer des Landgericht Stade zieht sich zur Beratung zurück und beschließt, die Verhandlung bis zum Mittag zu unterbrechen. In dieser Zeit soll ein eilends herbeigerufener Sachverständiger den 80-Jährigen persönlich begutachten. Die Vertreterin der Nebenklage schlägt vor, bei dem Verfahren eventuell die Öffentlichkeit auszuschließen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Rentner vor, im Dezember 2010 einen 16 Jahre alten Jugendlichen aus Neumünster erschossen zu haben, als dieser ihn gemeinsam mit anderen Männern in seinem Anwesen in Sittensen überfiel. Als die Täter flüchteten, schoss der Angeklagte ihnen hinterher, der 16-Jährige starb.

Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen den Rentner 2011 zunächst eingestellt, weil sie davon ausging, dass er in Notwehr handelte. Dagegen hatte die Familie des Getöteten aber Beschwerde eingelegt. Die Staatsanwaltschaft klagte den Schützen daraufhin wegen Totschlags an, doch das Landgericht Stade lehnte die Eröffnung einer Hauptverhandlung ab. Die Angehörigen legten dagegen erneut Widerspruch ein und das Oberlandesgericht in Celle entschied schließlich: Es muss verhandelt werden, weil Fall könne nicht nach Aktenlage beurteilt werden.

Für den Überfall waren die Komplizen des Erschossenen, junge Männer im Alter von knapp über 20, von einer anderen Strafkammer des Stader Landgerichts bereits zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Eine 21 Jahre alte Frau wurde wegen Anstiftung zu der Tat zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Angehörigen des getöteten 16-jährigen Jugendlichen nehmen am Prozess gegen den Rentner mit ihren Nebenklage-Vertretern teil - sie waren am Mittwoch in großer Zahl im Gerichtssaal erschienen.

Update 13.30 Uhr

Das Landgericht Stade hat den Prozess gegen einen 80-jährigen Rentner wegen tödlicher Schüsse auf einen jungen Räuber unterbrochen. Ein Sachverständiger soll nun bis nächste Woche klären, ob der Angeklagte verhandlungsfähig ist. Der Gutachter sagte am Mittwoch nach einer ersten Untersuchung, er könne noch nicht abschließend beurteilen, ob der Angeklagte den Belastungen der Verhandlung gewachsen sei. Der Vorsitzende Richter erklärte, wenn dies nicht der Fall sei, werde der Prozess ausgesetzt. Das hatte der Verteidiger beantragt.

Stichwort: Notwehr

In Notwehr handelt ein Mensch, wenn er einen Angriff auf sich selbst oder auf einen anderen abwehrt. Geregelt ist das unter anderem in Paragraf 32 des Strafgesetzbuches. Dort heißt es: „Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig.“ Außerdem wird in Paragraf 33 festgehalten: „Überschreitet der Täter die Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken, so wird er nicht bestraft.“ In Paragraf 227 des Bürgerlichen Gesetzbuches wird Notwehr definiert als „diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden“.

dpa

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