Gärtner versprüht Unkrautkiller und stirbt plötzlich / Witwe fordert Klärung

Todesursache ungeklärt

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Bis zuletzt ein kerngesunder Mann – warum starb Thomas Basting?

Niedersachsen - Von Martin SommerBRAUNSCHWEIG · Jedes Mal, wenn Thomas Basting Pestizide versprüht hat, sind seine Augen stark gerötet, die Nase ist verstopft. Auch an diesem heiteren Tag ist der Braunschweiger Stadtgärtner wieder mit dem Spritzgerät im Einsatz, als es geschieht: Während einer Pause sackt der 50-Jährige vornüber auf das Lenkrad seines Dienstfahrzeugs und ist tot. Hinter seinem Sitz stapeln sich die Chemikalien.

Seine Witwe Susanne Basting mag nicht glauben, dass ihr Mann an einem Herzinfarkt gestorben ist. Eine Obduktion hätte der 49-jährigen Mutter Gewissheit geben können, doch die Staatsanwaltschaft Braunschweig lehnt eine eingehendere Klärung ab. „Meine Kinder und ich hätten noch sehr, sehr viele Fragen, die unbeantwortet sind und uns leiden lassen, da wir nicht genau wissen, woran mein Mann gestorben ist“, so Susanne Basting.

Auch der Notarzt, der an diesem heißen Julitag am Fundort eintrifft, sieht noch Klärungsbedarf. In der Todesbescheinigung vom 20. Juli 2011 kreuzt er die Rubrik „Todesart ungeklärt“ mit Ja an und unterstreicht das Wort „ungeklärt“ mehrfach.

Tags darauf hat sich die Braunschweiger Polizei ein eigenes medizinisches Gutachten erstellt: Im Todesermittlungsbericht Nummer 2011 00 929 822 heißt es, „dass Herr Basting mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einem akuten Myokardinfarkt erlegen sein dürfte“. Wohlgemerkt: Hier diagnostiziert nicht etwa ein Arzt, sondern ein Kriminaloberkommissar. Auf Nachfrage argumentiert Polizei-Pressesprecher Joachim Grande zunächst zwar mit der Erfahrung des Ermittlungsbeamten, bekennt dann aber: „Im Grunde ist die Feststellung eigentlich nicht nötig.“

Aber die Todesdiagnose ist nicht die einzige Ungereimtheit. Der Todesermittlungsbericht ist widersprüchlich und fehlerhaft: „Laut später befragter Ehefrau hätte ihr Ehemann vor einigen Wochen über Druckschmerzen in der Brust geklagt“, heißt es an einer Stelle. „Das habe ich nie gesagt“, entgegnet Susanne Basting. Weiter heißt es im Polizeibericht: „Da der Verstorbene zu Lebzeiten keinen Hausarzt hatte, entfällt auch eine ärztliche Befragung.“

Das ist falsch. „Ich bin Hausärztin von Herrn Basting“, schreibt die Medizinerin Friederike Speitling sechs Tage nach dem Tod ihres Patienten an den zuständigen Kriminaloberkommissar. Die Einschätzung der Fachärztin für Allgemeinmedizin über die Verfassung ihres Patienten fällt eindeutig aus. „Ich habe ihn im Oktober 2010 und Mai 2011 untersucht. Herr Basting schien körperlich, geistig und seelisch gesund, kein Nikotin, kein Alkohol, keine Tabletten.“ Friederike Speitling, die auch Diplom-Biologin ist, zeigt sich wenig begeistert davon, dass die Akte in Windeseile geschlossen werden könnte: „Als Hausärztin bin ich der Meinung, dass plötzliche Todesfälle beim Umgang mit hochtoxischen Substanzen besonders untersucht werden müssen.“

Tatsächlich sind es nicht irgendwelche Mittelchen, die Thomas Basting versprüht hat – den Sicherheitshinweisen gemäß mit Handschuhen, aber ohne Atemschutz. Der Unkrautkiller „Roundup“ des US-Konzerns Monsanto ist umstritten. So haben Forscher der französischen Universität Caen festgestellt, dass „Roundup“ Zellen aus menschlichen Nabelschnurvenen binnen 24 Stunden tötet. Ein Team der Universität im amerikanischen Pittsburgh fand in Versuchen mit Amphibien heraus, dass die Chemikalie, die ja eigentlich entwickelt wurde, um Pflanzen zu töten, „innerhalb von drei Wochen 98 Prozent aller Kaulquappen und innerhalb von einem Tag 79 Prozent aller Frösche tötete“. Monsanto wendet dagegen ein, dass sich Versuche mit isolierten Zellen kaum auf komplexe lebende Organismen wie Menschen übertragen lassen, und dass die Amphibien-Studie nicht unter „realistischen“ Bedingungen erfolgt sei. „Zur nachhaltigen, vertretbaren Nutzung eines jeden Pflanzenschutzmittels gehört die bestimmungsgemäße Anwendung. Bei deren Einhaltung ist die Anwendersicherheit bei der Anwendung auch von Roundup-Produkten gewährleistet“, sagt Holger Ophoff, Produkteinführungs-Manager beim Monsanto-Konzern.

Ob der Unkrautkiller tatsächlich etwas mit Thomas Bastings Tod zu tun hat, weiß niemand. Das könnte nur eine Obduktion zweifelsfrei klären, die seine Hausärztin erreichen möchte. Immerhin zeigt ihre Intervention Wirkung – wenn auch nur vorübergehend. Die Akte landet bei der Staatsanwaltschaft, die den Antrag der Witwe auf Obduktion abschmettert: „Letztlich wird durch eine Obduktion der Nachweis, dass ein Dritter am Tod des Verstorbenen strafrechtliche Verantwortung trägt, nicht erbracht werden können. Sie soll daher unterbleiben.“ Nicht die Frage nach der Todesursache steht also im Fokus, sondern nach der Schuld. Dabei kann die Schuldfrage doch eigentlich erst gestellt werden, wenn die Todesursache klar ist.

Eines jedenfalls ist klar: Ein Todesfall in Folge des Umgangs mit Unkrautkillern hätte weitreichende Folgen – für Kommunen, den Handel, Versicherer.

„Wir prüfen Todesfälle immer darauf, ob Fremdverschulden Dritter vorliegen“, sagt Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe, Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Und: „Wir richten uns nach dem, was die Polizei schreibt.“ Doch wenn der Polizeibericht fehlerhaft ist? Wenn es fälschlicherweise heißt, der Verstorbene habe keinen Hausarzt gehabt? „Welche Bedeutung hat dieser Satz für den Fall?“, empört sich Klaus Ziehe. Gegenfrage: Wird eine falsche Tatsachenbehauptung dadurch korrekt, dass sie vermeintlich unbedeutend ist? Erst die widersprüchlichen Behauptungen im Polizeibericht rücken den Todesfall in ein scheinbar klares Licht: Da verstirbt ein Mann, der sich zu Lebzeiten nicht um seine Gesundheit geschert haben soll. Kurz vor seinem Tod klagt er angeblich über Druckschmerzen in der Brust. Klarer Fall: akuter Herzinfarkt. Das klingt so toll, das muss die Staatsanwaltschaft einfach glauben.

Doch es könnte auch anders gewesen sein: Laut Polizeibericht herrschten am Todestag sommerliche 28 Grad. Eine Hitze, die Verdunstung begünstigt. Deshalb hätte ein defekter Kanister-Verschluss genügt, um toxische Dämpfe im Fahrzeug freizusetzen. Ob es tatsächlich so war, lässt sich nicht sagen. Denn niemand hat es untersucht.

Susanne Basting jedenfalls nimmt die Wahrheitsfindung nun selbst in die Hand. Mit anwaltlicher Hilfe will sie versuchen, eine Exhumierung zu erzwingen. „Ich möchte endlich Gewissheit haben. Ich möchte endlich meine Ruhe finden.“

Quelle: kreiszeitung.de

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