Journalismus

Stress im Job: „Ich habe mir jeden Tag vorgestellt, zu sterben“ 

Was es bedeutet, wenn der Beruf zu viel wird, muss Journalistin Lara am eigenen Leib erfahren. Durch Druck und fehlende Auszeiten landet sie am Ende sogar im Krankenhaus.

Die Ausbildung ist beendet, der erste richtige Job geht los. Für viele junge Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger ist das ein wichtiger Meilenstein in der Karriere. So auch für Lara Schmid, deren Namen wir geändert haben, weil sie anonym bleiben will. Sie leidet unter Depressionen. Die 30-Jährige glaubt, dass ihr stressiger Beruf dazu beigetragen hat.

„Ich möchte einmal vorwegsagen, dass eine psychische Erkrankung natürlich nie nur die eine Ursache hat“, sagt die junge Journalistin. „Ich war jetzt lange genug in Therapie, um zu wissen, dass es da schon bestimmte Voraussetzungen geben muss, damit man überhaupt in so eine Lage kommt.“ Ein stressiger Job allein könne nicht zu so einer ausgeprägten Depression führen, sagt sie. „Aber ich glaube schon, dass die Arbeitskultur im Journalismus bei mir einen großen Teil dazu beigetragen hat.“

Lara leidet unter schweren Depressionen. Die 30-Jährige glaubt, dass ihr stressiger Beruf im Journalismus dazu beigetragen hat.

Als Lara ihren ersten Job in einer Redaktion eines großen deutschen Medienhauses beginnt, merkt sie schnell, welcher Wind dort herrscht. „Niemand hat jemals pünktlich Feierabend gemacht. Wenn doch mal jemand um 18 Uhr ging, gab es direkt hochgezogene Augenbrauen.“ Keine Mittagspause, das Essen stattdessen mit vor den Laptop zu nehmen – das habe in dieser Redaktion an der Tagesordnung gestanden.

„Wenn es eine besondere journalistische Lage gab, wurde erwartet, dass man Überstunden machte, bis die Lage vorüber war“, erinnert sie sich. Manche Kollegen melden sich auch aus dem Feierabend, schreiben „über Nacht“ Artikel, sitzen jeden Abend bis Mitternacht da. „Es gab auch keinen Feierabend, keinen Urlaub und kein ‚krank‘, wenn irgendwer aus dem Team was wollte, wurde man zu jeder Tageszeit auch auf privaten Kanälen kontaktiert“, sagt die junge Journalistin. 

Überlastung im Journalismus: „Wer sich nicht aufreibt, spät in der Nacht für eine Geschichte aufsteht und das Privatleben hinten anstellt, ist kein echter Journalist.“

Das Bild vom Journalismus-Beruf, was in dem Medienhaus vermittelt wird, ist in ihren Augen ganz klar: „Der Job geht vor, wer sich nicht aufreibt, nicht spät in der Nacht für eine Geschichte aufsteht und das Privatleben hinten anstellt, ist kein echter Journalist“.

Dabei ist der Beruf von Journalistinnen und Journalisten auch ohne internen Druck schon durchaus stressig: Alles muss schnell gehen, der eigene Beitrag ist von Bedeutung, auf Kritik muss sofort reagiert werden. Gleichzeitig spielt die soziale Dynamik eine große Rolle: „Es geht darum, dass man seine Kolleginnen und Kollegen nicht im Stich lassen soll, dass alle ein eingeschworenes Team sind und voneinander abhängen, weil sie gemeinsam für eine wichtige Sache kämpfen“, schätzt Lara das Redaktionsgefüge zusammen, in dem sie gearbeitet hat.

Ich habe versucht, immer mehr Leistung aus mir herauszupressen, wie aus einer leeren Zahnpastatube.

Lara Schmid, Journalistin

Neben diesen Bedingungen wird die Arbeit immer mehr, die Ansprüche immer höher. „Die Geschäftsführung hatte ständig neue Erfolgsziele, alles auf Wachstum. Außer der Belegschaft, natürlich“, sagt die 30-Jährige. Lara setzt sich selbst immer mehr unter Druck, will den Ansprüchen ihrer Vorgesetzten entsprechen. „Ich hatte Angst. Ich dachte: Wenn ich mich über den Stress beschwere, könnten mich meine Kollegen als ungeeignet für den Journalismus halten. Ich dachte, es liegt an mir, dass ich einfach zu schwach oder zu faul bin und das alles nicht genug will.“ Ihren Kolleginnen und Kollegen steht Lara damals zum Teil sehr nah, sie will niemanden enttäuschen.

„Irgendwann verschwand meine Energie und meine Freude bei der Arbeit komplett. Aber ich habe versucht, immer mehr Leistung aus mir herauszupressen, wie aus einer leeren Zahnpastatube“, sagt Lara. Ihre Arbeit nimmt sie mit nach Hause, arbeitet am Wochenende, um das Pensum überhaupt zu schaffen. „Ich bin jeden Morgen ein bis zwei Stunden früher ins Büro gegangen, um schon vorzuarbeiten.“ Auf keinen Fall soll jemand merken, dass sie überfordert und ihr das Arbeitspensum zu viel ist. Lara schläft kaum noch. „Und wenn, hatte ich Alpträume, die sich komplett in der Arbeitswelt abspielten. Entweder habe ich etwas vergessen oder etwas falsch gemacht, bis mich mein Chef wütend angerufen hat.“

Ein Fünftel der Medienschaffenden leiden unter „hohem Burnout“

In einer 2019 veröffentlichten Umfrage des Reuters-Institutes gaben 62 Prozent der Teamleitungen in Medienunternehmen an, dass Burnout in ihren Teams für sie ein präsentes und wichtiges Thema sei. Unterschiedliche Studien zeigen außerdem, dass etwa ein Fünftel der Medienschaffenden unter „hohem Burnout“ leiden.

Das weiß auch Psychoanalytiker Karl-Heinz Bomberg. Viele seiner Patientinnen und Patienten arbeiten im journalistischen Bereich. Auch diese Berufsgruppe leidet unter viel Stress. „Dass Journalistinnen und Journalisten überlastet sind, kommt sehr häufig vor“, erklärt der Psychoanalytiker und Facharzt für psychosomatische Medizin. Die Berufsgruppe sei einer speziellen Belastung ausgesetzt. „Einerseits gibt es viel Termindruck, hinzu kommt ein hoher Anspruch von innen und außen und damit verbunden auch Überstunden. Darüber hinaus plagen die Menschen Existenz- und Zukunftsängste“, erklärt er. Karl-Heinz Bomberg hat mit kreiszeitung.de darüber gesprochen, wie sich betroffene Personen vor Überlastung im Job schützen * können.

Panikattacken im Büro und blutige gekratzte Beine

Ein Privatleben hat Lara in dieser Zeit nicht mehr. „Ich habe für meine Freunde Ausreden erfunden, warum ich nicht kann. Ich habe auch kaum mehr gegessen, einkaufen zu gehen und zu kochen hätte zu viel Zeit und Energie gekostet.“ Doch dieser Zustand ist auf Dauer nicht aushaltbar. Ihre Arbeit wird immer schlechter. Weil sie so übermüdet ist, macht sie Fehler – „was meinen Zustand wiederum noch weiter verschlechterte“, sagt die Journalistin. Inzwischen hat sie im Büro regelmäßig Panikattacken. „Im Laufe der Zeit wusste ich, auf welchen Klos am wenigsten Betrieb ist, sodass ich da in Ruhe heulen konnte.“ Wenn sie merkt, dass die Angst wieder kommt, schließt sie sich dort ein und wartet, bis es vorbei ist. „Ich habe mir jeden Tag vorgestellt, zu sterben, weil es mir im Vergleich zu meinem Leben wie eine Erleichterung vorkam.“ 

„Ich dachte zwar, dass ich unauffällig bin, aber im Nachhinein war ich es wahrscheinlich überhaupt nicht. Dass ich völlig übermüdet und angespannt war, dürften im Büro so ziemlich alle mitbekommen haben.“ Aber ihre Vorgesetzten interessierte das erst einmal wenig, solang sie ihre Aufgaben erledigte. „Manchmal habe ich mir vor Stress die Beine blutig gekratzt, ohne es zu merken“, erinnert sie sich.

Kommentar von Autorin Maria Sandig

Wie es in der Medienbranche läuft, habe ich auch schon früh erfahren müssen. Unbezahlte Überstunden, Druck, rollende Augen bei pünktlichem Feierabend. Doch ich habe auch früh gemerkt, dass es in meiner Hand liegt, ob ich dieses Spiel mitspiele oder meinen eigenen Weg gehe. Trotzdem gehören zu einem Lernprozess auch Hürden. Auch ich habe mich stressen lassen, 14-Stunden-Tage hinter mich gebracht, mir fiese Sprüche von Kolleginnen und Kollegen zu Herzen genommen. Meine mentale Gesundheit hat darunter gelitten, weshalb ich angefangen habe, mich dagegen zu wehren. Denn gute Arbeit hängt nicht von diesen Faktoren ab. In meinen Augen können Strukturen wie diese nur aufrechterhalten werden, wenn alle dieses Spiel mitspielen. Meine Figur ist raus.

„Zu der Zeit habe ich dann eine Therapeutin gefunden. Die hat mir eigentlich ziemlich sofort gesagt, dass ich einen stationären Aufenthalt brauche, und dass mit einer Stunde die Woche nichts getan ist“, erklärt Lara. Die Therapeutin sagt ihr, dass sie sich sofort aus dieser Arbeitsumgebung rausbewegen muss. „Aber das war für mich unvorstellbar. Allen sagen, dass ich in die „Klapse“ muss? In einem Job, in dem man schnell, clever und belastbar sein muss, kam mir das wie ein kompletter Schuss ins berufliche Aus vor.“

Alles spitzt sich zu, als Lara für eine Beförderung vorgeschlagen wird. Diese will sie unbedingt – und denkt: „Jetzt kann ich erst recht keine Schwäche zeigen, sonst bekomme ich die Stelle niemals.“ Ihre Rettung, wie sie selbst sagt, ist ein Führungswechsel. Ihre neue Vorgesetzte ist sehr aufmerksam in Bezug auf die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Sie suchte das Gespräch und redete richtig Klartext. Sie merke, dass es mir total schlecht geht, dass ich was tun muss. Und zwar für mich selbst, nicht für den Job. Sie sagte, kein Job der Welt ist es wert, dass man sich selbst dafür kaputt macht.“ Das Team würde auch ohne Lara klarkommen.

Psychiatrie als letzter Ausweg

„Das hat dann bei mir den Schalter umgelegt.“ Lara meldet sich bei einer Klinik, die ihre Therapeutin vorgeschlagen hat. Dort bekommt sie innerhalb einer Woche einen Platz. „Dort war ich dann für sechs Wochen, die auf ihre Art auch noch mal krass waren. Aber ehrlich gesagt möchte ich mir nicht vorstellen, wo ich heute wäre, wenn ich das nicht gemacht hätte“, sagt die 30-Jährige reflektiert.

Wirklich viel ändert sich durch den Klinikaufenthalt nicht. Als Lara aus der Klinik kommt, beginnt das Spiel von vorn: „Ich habe am nächsten Tag direkt wieder gearbeitet, und zwar Vollzeit.“ Dabei schlägt der Personalchef von sich aus eine Wiedereingliederung an, bei der sich die Journalistin langsam auf ihre Stunden hocharbeiten könnte. „Natürlich hatten das die Therapeut:innen in der Klinik auch ausdrücklich empfohlen und mir das Versprechen abgenommen“, sagt sie.

Wie kann ich mich im Job abgrenzen?

„Aber ich war in der Zwischenzeit tatsächlich befördert worden, und mit 15 Wochenstunden in eine Führungsposition zu starten, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Außerdem dachte ich, bei einer Eingliederung ist jedem sofort klar, dass es was Psychisches ist. Im Nachhinein wirklich völliger Wahnsinn – aber ich wollte das eben unbedingt gut machen.“

Grenzen sind für Lara nun ein wichtiges Stichwort. „Die eigenen Grenzen zu kennen und zu verteidigen zu lernen, war die zentrale Lektion, die ich zu lernen hatte“, weiß sie heute. Heute, zwei Jahre später, tariert sie immernoch ihre eigenen Belastungsgrenzen aus, mit sich selbst und ihren Vorgesetzten. „Ich bekomme es einigermaßen hin“, sagt die 30-Jährige. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Fabian Sommer/ dpa

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