Opfer-Vater geht die Mord-Anklage im „Fall Dennis“ nicht weit genug

„Es spricht vieles dafür, dass er noch mehr getan hat“

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Martin N. im Gerichtssaal. Der „Maskenmann“ versteckt sich hinter einer roten Mappe.

Niedersachsen - Von Michael KrügerSTADE · Um 10.15 Uhr herrscht im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Stade absolute Stille. Martin N. tritt ein. Einen roten Aktenordner vor dem Gesicht, Fesseln um die Handgelenke. Justizbeamte, Zuschauer, Anwälte, dutzende Pressevertreter: Alle starren auf den Mann, der wenigstens drei Jungen umgebracht haben soll.

Auch Ulrich Jahr will in das Gesicht schauen, das die Jungen nie zu sehen bekamen. Martin N. misshandelte und vergewaltigte, er tötete, das scheint allen klar. Er schlich sich in Schullandheime, Zeltlager und Privatwohnungen, stets im Schutze der Dunkelheit, verborgen hinter einer Sturmhaube. Martin N. ist der „Maskenmann“, der „schwarze Mann“, der über Jahre gesucht wurde und der auch den Sohn von Ulrich Jahr auf dem Gewissen haben soll. Am 31. März 1992 verschwand der damals 13-jährige Junge aus dem Internat der Eichenschule in Scheeßel (Kreis Rotenburg). Martin N. hat ihn, so heißt es jetzt in der Anklage, aus dem Schlafraum entführt, ihn immer wieder im Genitalbereich angefasst und dann nach wenigen Stunden in seinem Fiat Panda auf einem Waldweg erwürgt. N. habe Angst gehabt, entdeckt zu werden, führt Staatsanwalt Johannes Kiers aus. In erster Linie sei es ihm darum gegangenen, seine Lust an dem Jungen auszuleben. Das Töten sei eine Notwendigkeit gewesen, um das Doppelleben eines sozial integrierten Pädogogen nicht auffliegen zu lassen. Fünf Wochen nach seinem Verschwinden wurde Stefan in den Verdener Dünen gefunden. Ohne Hose, gefesselt, verscharrt im Sand.

Ulrich Jahr will wissen, warum das geschehen musste. Gemeinsam mit seiner Frau Petra und Stefans jüngerem Bruder Oliver sitzt er als Nebenkläger im Schwurgerichtssaal. Oliver, so sagt er später, will herausfinden, „warum ich als Einzelkind aufwachsen musste“. Vater Ulrich geht weiter, ging immer schon etwas weiter, überzog dabei die Grenzen des Erlaubten ein ums andere Mal. 19 quälend lange Jahre musste er warten, bis der mutmaßliche Mörder seines Sohnes gefasst wurde. Jahre, in denen er auch Lehrer verdächtigte, die Polizei angriff, Verschwörungstheorien aufwarf. Und nun geht ihm die Anklage nicht weit genug. „Er hat aus Mordlust getötet“, sagt Jahr über den Angeklagten, dem er dann doch nicht ins Gesicht blicken kann an diesem trüben Montagmorgen. Denn N. blickt auch nicht auf, als die Kameras aus dem Gerichtssaal verschwunden sind. Er schaut nicht auf die andere Seite des Raumes, wo die Familie Jahr sitzt, wo der Vater von Dennis Rostel, dem zweiten Opfer, den Prozess verfolgt, wo als Nebenkläger auch Martin Wichmann sitzt, den N. im Herbst 1995 in dessen Elternhaus missbraucht haben soll. „Der sagt ja nichts, der Pimpf“, beschwert sich Michael Rostel, der 1995 seinen Sohn an den Täter verlor. Für ihn sei der Fall nicht abgeschlossen, „es ist ein Alptraum“, sagt er im Regen vor dem Gerichtsgebäude und zündet sich die nächste Selbstgedrehte an.

Der 40-jährige, gebürtige Bremer Martin N. soll seinem Sohn das Leben genommen und das der Familie zerstört haben. 25 Minuten listet Staatsanwalt Kiers die Verbrechen auf, die N. begangen haben soll: Schilderungen von Missbrauch in 20 Fällen, drei Morde – bei jedem neuen Anklagepunkt, in allen Details vorgetragen, zucken Angehörige der Opferfamilien zusammen. Wie konnte dieser Mann, der sich mittlerweile hinter einem dichten Vollbart zu verstecken versucht, das alles tun?

Aber es war noch mehr. Das wird Ulrich Jahr nicht müde, zu betonen. Zu den drei angeklagten Morden kommen noch zwei Morde in Holland und Frankreich aus den Jahren 1998 und 2004 hinzu, so Jahr. Auch die Staatsanwaltschaft prüft das. Jahr ist bereits zu seinem Urteil gekommen: „Es spricht vieles dafür, dass er auch diese Jungen umgebracht hat.“ Zudem befürchtet Jahr, trotz seines beständigen Drängens nicht alles erfahren zu haben. „Er hat sich möglicherweise auch noch an den Leichen der Jungen vergangen.“

Was sich wirklich in den Aktenbergen, die sich mittlerweile auf 29 Umzugskartons verteilen, zu dem Fall noch verbirgt, sollen die kommenden zehn Verhandlungstage aufzeigen. Für den 7. Dezember wird das Urteil erwartet. Und das kann, da scheinen sich Staatsanwaltschaft und Opfer-Eltern einig zu sein, nur auf eine lebenslängliche Strafe mit anschließender Sicherungsverwahrung lauten. „Er darf nie wieder rauskommen“, fordert Michael Rostel. Der Münchner forensische Psychiater Norbert Nedopil, einer der angesehensten Experten in Deutschland, hat N. in seinem Gutachten volle Schuldfähigkeit attestiert. N. hat die drei Morde bei der Polizei eingeräumt. Für den 26. Oktober haben die Verteidiger eine Erklärung angekündigt. „Es liegt alles auf dem Tisch“, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Und selbst Ulrich Jahr zeigt sich zufrieden mit dem Verfahren: „Ich habe endlich einen Teil meiner Ruhewiedergefunden.“

Quelle: kreiszeitung.de

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