Sprachinseln im platten Land

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Johanna Evers will die Sprache ihrer Heimat retten. Die Lehrerin setzt sich für zweisprachigen Unterricht ein. Die Weltliteratur ist bereits angekommen im Saterfriesischen - in Person des "Kleinen Prinzen"

Saterland - Von Michael Krüger. Es ist ja nicht so, dass ihn niemand verstehen würde. Schon damals, vor mehr als 40 Jahren, als der fremde, groß gewachsene Mann in der ostfriesischen Provinz auftauchte, war sein Anliegen klar. Auch wenn nur noch wenige die Sprache des Mannes aus Massachusetts sprachen.

„Ein pechschwarzer Heini“ sei angekommen, raunten sich die Bewohner des Saterlandes zu. Was noch nicht angesprochen wurde: Marron C. Fort ist vor allem eines – ein begeisterter Ostfriese. Und er rettet den größten Kulturschatz der Region im Kreis Cloppenburg: die saterfriesische Sprache.

„Der Professor“, wie Fort in dem über Jahrhunderte isolierten Landstrich des Saterlandes heute genannt wird, sitzt daheim in Leer auf der Couch und reicht Tee. Neben der rustikalen Schrankwand hängen Urkunden: Ehrenmitglied in der Partei „Die Friesen“, Ehrenmitglied im Heimatverein „Seelter Bund“, Ehrenbürger der Gemeinde Saterland. Nur ein etwas zu groß geratener Flachbildfernseher lässt die Herkunft des pensionierten Akademischen Oberrates der Uni Oldenburg erahnen.

Der 71-Jährige ist unter den Saterländern kein Exot mehr. Er ist einer von ihnen. Fort will den Menschen, bei denen er heimisch geworden ist, die Wurzeln retten. Seit 1991 steht das Saterland als kleinste Sprachinsel Europas im Guinness-Buch der Rekorde. Optimisten schätzen, dass noch 2.000 der rund 13.000 Einwohner der Gemeindedörfer Scharrel, Strücklingen, Ramsloh und Sedelsberg Saterfriesisch beherrschen. Tendenz sinkend. Fort ist Realist: „Wir haben heute die Welt des Computers, nicht mehr die Welt des Torfs. Die Sprache stirbt aus.“

Der Region zwischen Leer, Oldenburg und Cloppenburg bot für Sprachforscher wie Fort einst optimale Bedingungen. Durch die umliegenden Moore nahezu abgeschirmt von der Außenwelt, erhielt sich das Saterfriesische in seiner reinen Form. Auf der Flucht vor den großen Sturmfluten des Mittelalters suchten Friesen aus der Region zwischen Lauwers und Ems (heute Provinz Groningen) Schutz im Saterland. Der Urbevölkerung, der westfälischen Minderheit, zwangen sie ihre Sprache auf. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es kaum Landwege ins Saterland, im Winter erreichten Reisende die Region nur über das zugefrorene Moor. Die einzigen Verbindungen waren Torfgräben und der kleine Fluss Sater-Ems. Doch mit den im 17. Jahrhundert rekatholisierten Saterfriesen wollten die Protestanten des Umlands sowieso lieber nichts zu tun haben. „Saterland, liegst abgeschlossen von der Welt ganz vergessen / Doch dein Moor hat uns auch gehalten frei von Feinden, Krieg und Not“, heißt es im „Saterlied“.

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„Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, durch den Zuzug von Flüchtlingen und die verbesserte Infrastruktur, wurde dieses geschlossene Sprachgebiet aufgebrochen“, sagt die Linguistin Christel Stolz von der Universität Bremen. Lehrer rieten Eltern davon ab, mit ihren Kindern weiter Saterfriesisch zu sprechen – Hochdeutsch wurde zum Maß der Dinge. Marron C. Fort: „Die Heimatsprache des Saterlandes wurde zur Dorf- und Bauernsprache degradiert.“ Eine Sichtweise, die heute überholt ist. Dennoch kämpfen wenige für ihren Erhalt. „Nach Generationen außerhalb der alten Heimat sprechen Juden in Toronto Jiddisch und Hebräisch, Kubaner in Miami Spanisch, Franzosen in Québec und auf Guadeloupe Französisch. Warum können die Ostfriesen, seit 2.000 Jahren und länger auf eigenem Grund und Boden ansässig, ihr Plattdeutsch nicht behalten?“, fragt Fort. Nie käme ein Bayer auf die Idee, sein Bayerisch aufzugeben.

Was ist modern? „Globalisierung richtet sich gegen die Heimat; sie trivialisiert unsere Wurzeln, unsere Traditionen, unsere Bräuche“, sagt Germanist Fort. Global bedeute eben auch „nicht detailliert, oberflächlich“. Fort: „Der letzte Rest des Ur-Ostfriesischen stirbt aus. Und niemanden kümmert es. Ein Charakterzug der Friesen ist eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Stammessprache.“ In vielleicht einer handvoll Familien werde die Sprache überhaupt noch im Alltag gesprochen.

Bei Johanna Evers wird sogar saterfriesisch geschrieben. Es geht also doch: E-Mails in einer aussterbenden Sprache. Wenn sich Marie-Christin, die Tochter der 56-Jährigen, meldet und vom Studium in Kiel berichtet, tut sie das auf Saterfriesisch. Die Umgangssprache daheim in Strücklingen: Saterfriesisch. Für die Lehrerin ist das eine Selbstverständlichkeit. Und sie glaubt fest daran, dass die Zweisprachigkeit zu Hause für ihre Kinder viele Vorteile gebracht hat: „Sprachliche Förderung schult die Intelligenz.“ Kinder lernten spielerisch, es überfordere sie nicht. Und wenn dann in der Grundschule noch Englisch dazu käme, stelle auch das kein Problem dar. „Wir trauen unseren Kindern zu wenig zu.“

Evers fordert Saterfriesisch als Unterrichtssprache. Wer sie unterrichten soll, bleibt allerdings fraglich: Nur drei von rund 45 Kollegen im Schulzentrum Saterland sprechen noch die Heimatsprache. Für Evers’ Wahlpflichtkurs an der Realschule haben sich zehn Schüler angemeldet. Auch die Arbeitsgruppen an den vier Grundschulen finden wenig Anklang. Englisch geht vor: Saterfriesisch in der sechsten Stunde ist wenig attraktiv, wenn die anderen Kinder schon nach Hause gehen können. „Unter diesen Bedingungen ist die Sprache nicht zu retten“, bedauert Evers. Immerhin hat ein Arbeitskreis erste Unterrichtsmaterialien entworfen. Ein Saterfriesisch-Lehrplan wurde erstellt, Liederbücher und Bildgeschichten sind vorhanden, gemeinsam mit der Uni Bremen wird ein Multimedia-Sprachlehrgang für daheim entwickelt. Eine erste Kindergartengruppe in Scharrel wird von einer Saterfriesisch sprechenden Erzieherin betreut.

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Quelle: kreiszeitung.de

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