Auch ohne Gorleben bleibt Niedersachsen Atomland

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Auch ohne Gorleben bietet Niedersachsen viele potenzielle Standorte für ein Atommüll-Endlager. Gerade die Tonvorkommen und Salzstöcke geraten dabei ins Blickfeld. Eine überirdische Lagerung wäre in alten Kernkraftwerken sowieso möglich.

Gorleben - Von Michael Krüger - Deutschland sucht ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Mit dem gestrigen Spitzengespräch im Berliner Umweltministerium sollten die Weichen gestellt werden für ein ergebnisoffenes Auswahlverfahren. Knackpunkt dabei: Was passiert mit dem Salzstock Gorleben?

Hält die bislang einzige Option den Kriterien noch stand? Niedersachsen wäre jedenfalls auch ohne Gorleben weiter ein Standort-Kandidat.

Überparteiliche Einigkeit gibt es in der niedersächsischen Landespolitik, dass man nach den Erfahrungen mit dem einsturzgefährdeten, jahrzehntelang als „Forschunsgbergwerk“ deklarierten De-facto-Endlager Asse II alle bisherigen technischen Ansätze überprüfen sollte. Sind Salzstöcke wirklich am besten geeignet für eine dauerhafte Atommüll-Lagerung? Kommen nicht auch Ton-, Granit- oder andere Gesteinsformationen infrage? Und wenn es in Deutschland gar keine geeigneten Stollen gibt, muss dann über eine überirdische Bunker-Lösung nachgedacht werden?

Bislang wurde der Salzstock Gorleben offiziell nur „erkundet“. Kritiker sagen: Es wurden Fakten geschaffen.

Wie auch immer entschieden wird: Niedersachsen ist durch seine Gesteinsformationen auch bei einer möglichen Entscheidung gegen den Lager-Standort Gorleben nicht aus dem Rennen. Der Salzstock Wahn im Emsland sowie Tonvorkommen im Osnabrücker Raum sind nur zwei von mehreren denkbaren Lagerstätten im Norden. Ex-Landesumweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) sagte noch im September: „Es wäre unredlich zu behaupten, wir wären dann außen vor.“ Er favorisierte die oberirdische Lagerung von Atommüll auf stillgelegten Militäranlagen oder in alten Kernkraftwerken. Sein Nachfolger Stefan Birkner ist da vorsichtiger: „Wir dürfen von vornherein keinen Standort politisch ausschließen, sonst werden andere potenzielle Endlager-Stätten sofort hierher verweisen und zu Recht fragen, warum wir so entschieden haben. Gorleben darf nur aus geologischen Gründen ausscheiden.“

Ministerpräsident David McAllister, der gestern Abend beim Spitzentreffen auch für die Landesinteressen eingetreten ist, hat sich in der Vergangenheit stets der CDU-Parteilinie entsprechend zur Atommüll-Debatte geäußert. Aber er fordert auch mehr Engagement der Nachbarn, sollte Gorleben „beerdigt“ werden: „Dann sind insbesondere die anderen Bundesländer in der Pflicht, da Niedersachsen bereits für etwa 90 Prozent des Atommülls die Verantwortung tragen muss, die im Endlager Schacht Konrad eingelagert werden sollen.“ Der Bevölkerung im Land könne kaum noch vermittelt werden, wieso der Norden weiter im Topf bliebe: „Niedersachsen trägt bei der Endlagerung von schwach-, mittel- und hochradioaktivem Müll gegenwärtig die gesamte nationale Verantwortung. Dazu kommen noch die Altlast Asse und die Castortransporte. Eine weitere Belastung halte ich für ausgeschlossen.“

SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil geht indes weiter – für ihn ist Gorleben erledigt und dürfe gar nicht mehr im Auswahlverfahren berücksichtigt werden: „Hier wurde viel getrickst und geschummelt und die Menschen für dumm verkauft. Aus niedersächsischer Sicht muss Gorleben aus dem Topf möglicher Endlager herausgenommen werden.“ Und dann? Mögliche andere Endlagerregionen gibt es in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Andere Nationen sind bereits weiter. Frankreich und die Schweiz haben sich zum Beispiel für Ton als Wirtsgestein für die Lagerung entschieden. Finnland und Schweden setzen auf Granit. Bislang gibt es trotz der 440 Atomkraftwerke weltweit aber noch kein einziges betriebsbereites Endlager. Geologen halten deutsche Salzstöcke grundsätzlich für gut geeignet zur Sicherung hoch radioaktiver Abfälle. Es ist Konsens, den stark strahlenden Atommüll in tiefen Schichten zu lagern – in Gorleben wäre es in 860 Metern Tiefe. Salz hat den Vorteil größerer Hitzebeständigkeit. Abgebrannte Brennstäbe müssen nicht so weit auseinander gelagert werden.

Für die Atomindustrie ist der Standort Gorleben sowieso eine klare Sache. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, sagte gestern im ARD-Morgenmagazin: „Es gibt keine technisch begründeten Argumente, die gegen Gorleben sprechen.“ Und aus Branchensicht wohl auch keine finanziellen: Die Industrie hat bereits 1,6 Milliarden Euro in die Gorleben-„Erkundung“ gesteckt.

Quelle: kreiszeitung.de

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