1. az-online.de
  2. Niedersachsen

Brutal gegen Gehbehinderte: Polizei schleift Rollstuhlfahrerin aus ICE

Erstellt:

Von: Johannes Nuß

Kommentare

Wie barrierefrei ist die Deutsche Bahn? Das bekam eine Rollstuhlfahrerin am eigenen Leib zu spüren. Sie wurde unter Schmerzen aus dem Zug geworfen.

Update vom 9. Juli 2022, 15:32 Uhr: Im Zuge einer Polizeiaktion am Bahnhof in Göttingen musste am Montag, 1. August 2022, eine Frau aus einem ICE entfernt werden. Inzwischen hat sich die Polizei gegenüber kreiszeitung.de geäußert. „Gemäß Aussage der Zugchefin lag Frau Lecomte im Ruhewagen auf dem Boden und wollte weder aufstehen noch ihren Rollstuhl, der den Laufweg versperrte, zur Seite nehmen. Auch auf den angebotenen Behindertenplatz wollte sie nicht wechseln. Sie wurde mehrfach freundlich angesprochen. Frau Lecomte war laut Zugchefin völlig unkooperativ und schrie Parolen gegen die Deutsche Bahn. Reisende beschwerten sich über ihr Benehmen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der Bundespolizeiinspektion Hannover.

Bundespolizei berichtet über völlig unangemessenes und uneinsichtiges Verhalten der Umweltaktivistin

Wegen des völlig unangemessenen und uneinsichtigen Verhaltens der Umweltaktivistin, einhergehend mit mehrfachen Verstößen gegen die Beförderungsrichtlinien, habe die Zugchefin letztlich einen Beförderungsausschluss in Göttingen ausgesprochen, heißt es in der Stellungnahme weiter.

Auch die hinzugerufenen Bundespolizisten hätten mit freundlicher Ansprache nichts erreichen können und seien ebenfalls nur angeschrien worden. „Nachdem Frau Lecomte für kein Gespräch und keinen Vorschlag zur Entspannung der Situation zugänglich war, wurde sie mehrfach darauf hingewiesen, sie notfalls gegen ihren Willen aus dem Zug zu entfernen. Hilfsangebote der Beamten lehnte sie ab und blieb liegen“, so die Beamten in ihrer Stellungnahme weiter.

Ihr Begleiter sei ebenfalls nicht gewillt gewesen, der Frau zu helfen, sondern vielmehr lediglich darauf konzentriert, möglichst alles mit dem Smartphone zu filmen. Die zwangsweise Durchsetzung des Platzverweises habe die Aktivistin letztlich durch ihr Verhalten selber herbeigeführt, um entsprechende Videos für ihre Kampagne zu bekommen, worauf sie auch mehrfach hingewiesen habe.

Bei polizeilicher Maßnahme handelt es sich um rechtmäßige Anwendung einfacher körperlicher Gewalt

„Bei der Maßnahmen der Beamten handelte es sich um die rechtmäßige Anwendung einfacher körperlicher Gewalt zur Durchsetzung eines Platzverweises.“ Dieser sogenannte „Unmittelbare Zwang“ werde eingesetzt, wenn die erforderliche Einsicht fehle, gute Worte nicht mehr helfen und andere Maßnahmen nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Jeder habe immer die Möglichkeit, einfach den Anweisungen der Polizisten rechtzeitig zu folgen.

Abschließend heißt es in der Stellungnahme der Bundespolizei: „Zu keinem Zeitpunkt, weder während noch nach der polizeilichen Maßnahme, klagte Frau Lecomte über Schmerzen. Nach Beendigung der polizeilichen Maßnahmen beruhigte sie sich sehr schnell. Die im Netz durch Frau Lecomte und ihren Begleiter veröffentlichten Videos enthalten nur einen kleinen Teil der Gesamtsituation und geben den Gesamtkontext nur einseitig und nicht vollumfänglich wieder.“

Erstmeldung vom 9. August 2022, 11:32 Uhr: Hannover/Göttingen – Viel von der eigentlichen Situation ist auf dem Video nicht zu sehen. Aber es wirft zumindest die Frage auf: Wie wird in Niedersachsen und Deutschland mit Behinderten umgegangen? Die Umweltaktivistin Cécile Lecomte hat auf YouTube ein Video veröffentlicht, auf dem zu sehen ist, wie Bundespolizisten sie am Bahnhof Göttingen unter Schmerzen aus einem ICE schleifen, dabei ist die Frau auf einen Rollstuhl angewiesen. Diesen hatten die Beamten laut Angaben bereits zuvor aus dem Zug entfernt, wie die taz berichtet. Das Ganze ist nach Angaben der Aktivistin bereits am vergangenen Montag, 1. August 2022, geschehen.

Brutal gegen Gehbehinderte: Polizei schleift Rollstuhlfahrerin aus ICE

In dem Video, dass die Aktivistin auf YouTube veröffentlicht hat, ist zu Beginn ein kurzer Text zu sehen, der die ganze Situation einordnet. Dann schwenkt die Kamera um und zu erkennen ist, wie Cécile Lecomte auf dem Boden liegt. Daneben stehen zwei Bundespolizisten, die die Frau auffordern, zu kooperieren, aufzustehen und den Zug zu verlassen. Fraglich bleibt dabei, wie die Frau aufstehen soll, schließlich hatten die Beamten nur wenige Minuten zuvor den Rollstuhl der schwerbehinderten Frau hinausgetragen. Sie müssten sich also eigentlich bewusst sein, dass die Frau nicht in der Lage ist zu laufen.

Zwei Bundespolizisten entfernen eine Person aus einem Zug.
Unter Anwendung von Gewalt entfernten Bundespolizisten die schwerstbehinderte Umweltaktivistin Cécile Lecomte aus einem ICE. © Privat

Im Hintergrund ist eine Stimme zu hören, offensichtlich der Begleiter von Lecomte und Kameramann, die die Polizisten lautstark darauf hinweist, dass die Person nicht selbständig in der Lage dazu ist, den Zug zu verlassen. Schließlich packen die beiden Polizisten die Frau nicht gerade zimperlich an ihren Armen und schleifen sie unter Schmerzen und Schreien aus dem Zug.

Während die Polizisten die Frau über die Treppen hinaus schleifen, schlagen ihre Füße bei jedem Absatz hart auf den Stufen des ICE auf und schließlich auch noch auf der Bahnsteigkante. Sichtlich ruppig packen die Beamten Lecomte in ihren Rollstuhl und lassen die Frau halb sitzend, halb liegend zurück. Dann bricht das Video ab. Während der ganzen Polizeiaktion schreit Lecomte vor Schmerzen und weist die Beamten mehrfach auf ihre Einschränkung hin. Dies scheint die Polizisten nicht im Geringsten zu interessieren.

Polizei nimmt keinerlei Rücksicht auf Schmerzen der schwerstbehinderten Frau beim Rausschmiss

Im Gespräch mit der Tageszeitung taz kritisiert Lecomte, dass die Polizisten keinerlei Rücksicht auf ihre Schmerzen genommen hätten, die krankheitsbedingt gewesen seien. Auch die Bahn habe aus ihrer Sicht unverhältnismäßig reagiert. Weiter kritisierte Lecomte die Bedingungen für Menschen mit Behinderungen, die im Zuge einer Reise auf die Mobilitätsservice-Zentrale (MVZ) der Deutschen Bahn angewiesen sind. Diese sei oft nicht verfügbar oder zugesagte Hilfen würden nicht eingehalten.

Dies sei auch bei dieser Reise der Fall gewesen. Sie habe den Zug mit ihrem Rollstuhl ohne Hilfe der MVZ erreichen müssen. Glücklicherweise hatte Lecomte eine Begleitperson dabei, die den Einstieg betreute und sich auf der weiteren Fahrt um die Frau kümmerte. Aber am Bahnhof in Göttingen war schließlich Schluss und die Reise vorerst beendet.

Wie es in dem Bericht der taz heißt, habe die Bahn zwar seit dem Jahr 2011 vier Programme für Menschen mit Behinderungen aufgelegt, damit diesen Menschen das Reisen leichter fällt, laut der Interessenvertretung „Selbstbestimmt Leben in Deutschland“ sei dies aber bei weitem nicht ausreichend und mit großen Defiziten behaftet. „Es gibt zu wenig Personal, zu wenige Rollstuhlplätze und es fehlt ein Wunsch- und Wahlrecht“, zitiert die Zeitung Alexander Ahrens von der Interessenvertretung.

Die Deutsche Bahn hat ein heftiges Problem, was die Beförderung von behinderten Menschen angeht

Durch den Fall von Lecomte wird dies nun wieder einmal sehr offensichtlich: Die Deutsche Bahn hat ein heftiges Problem, was die Beförderung von behinderten Menschen angeht. Und das nicht erst seit gestern. Immer wieder gibt es Berichte, die davon zeugen, dass gehbehinderte oder sonstige eingeschränkte Personen, die auf die MVZ der Bahn angewiesen sind, häufig im Regen stehen gelassen werden.

Oft sind es Terminprobleme beim MVZ oder kaputte Aufzüge in den Bahnhöfen, die die Betroffenen enorm einschränken. Dies war wohl auch im vorliegenden Fall das Problem. Lecomte hatte eine Fahrkarte und auch die MVZ drei Tage vor Reiseantritt kontaktiert, nach eigener Aussage erfolglos.

Der eigentliche Grund für den Rausschmiss liegt darin begründet, weil Lecomte den Rollstuhlplatz im ICE nach eigener Aussage nicht habe nutzen können, weil dieser zu schmal gewesen sei. Außerdem sei der Platz im Ruhebereich des ICEs gewesen und andere Fahrgäste hätten sich an Gesprächen zwischen ihr und der Begleitperson gestört.

Rollstuhlfahrerin fühlt sich diskriminiert, weil sie im Ruhebereich des ICEs habe nicht sprechen dürfen

Die Bahn schildert den Vorfall etwas anders, dort heißt es, dass sich Lecomte laut einer Zeugin lautstark über die Bahn beschwert habe. Rollstuhlfahrer müssten der Bahn einmal zeigen, „wo der Hammer hängt“. Einen sich darüber beschwerenden Fahrgast habe Lecomte wüst beschimpft. Lecomte fühlt sich diskriminiert, weil sie als Rollstuhlfahrerin im Ruhebereich habe sitzen müssen und sich dort nicht unterhalten konnte.

Eskaliert ist die Situation schließlich, als eine Frau mit einem Doppelkinderwagen zugestiegen sei, die ebenfalls auf den einzigen im Zug vorhandenen Rollstuhlplatz verwiesen wurde. Da hatte Lecomte aber bereits ihren Rollstuhl vor einer Toilette abgestellt und sich auf den Boden gelegt, um ihre Schmerzen zu lindern. Als die Frau mit dem Kinderwagen vorbeiwollte, weigerte Lecomte sich, aufzustehen, weil sie „die Probleme der Bahn, insbesondere der mangelnden Barrierefreiheit nicht ausbaden“ wolle. Wie es im Bericht der taz heißt, sei Lecomte an dieser Stelle total ausgerastet. Schließlich habe die Frau mit Kinderwagen einen Platz im Fahrradabteil gefunden.

Eigentlich sollte man meinen, dass an dieser Stelle sich die Gemüter wieder beruhigt haben sollten. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Schaffnerin des ICE hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Bundespolizei gerufen, die Lecomte schließlich in Göttingen aus dem Zug beförderte.

Auch interessant

Kommentare