Ermittlungen gegen Polizei eingestellt

Delmenhorst, Tod von Qosay K. bleibt ungeklärt: Schwere Vorwürfe gegen Staatsanwaltschaft

Im Fall um Qosay K. hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Polizei eingestellt. Warum fragen sich Familie und Anwältin des Verstorbenen.

Delmenhorst - Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat ihre Ermittlungen um den Todesfall von Qosay K. aus Delmenhorst gegen Beamte und Beamtinnen der Polizei nach nicht einmal drei Monaten bereits wieder eingestellt. Die Todesursache bleibt weiterhin ungeklärt. Wie kam es also zu der verhältnismäßig schnellen Beendigung des Verfahrens? Laut Staatsanwaltschaft Oldenburg könne den beteiligten Beamten kein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten zur Last gelegt werden. Doch Widersprüche werden laut.

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Laut der Anwältin von der Familie von Qosay K., Lea Voigt, hätten die Angehörigen bislang kein umfassendes rechtliches Gehör bei der Staatsanwaltschaft gefunden. Der Anwältin sei keine ausreichende Akteneinsicht gewährt worden und die letzten Untersuchungsergebnisse, auf die in der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Bezug genommen wird, würden nicht mal den Rechtsanwältinnen vorliegen. Eine ausdrücklich angekündigte Stellungnahme der Anwälte habe die Staatsanwaltschaft ebenfalls nicht abgewartet.

Anwältin: Kein trifftiger Grund für Polizeigewahrsam

„Nach allem, was wir wissen, ist die Entscheidung der Staatsanwaltschaft auch inhaltlich schwer nachzuvollziehen“, so Lea Voigt. Aus juristischer Sicht habe es keinen triftigen Grund gegeben, Qosay K. mit auf die Polizeiwache zu nehmen. Eine Blutentnahme bei einem Tatvorwurf ohne Bezug zum Straßenverkehr anzuordnen, ist zudem äußerst unüblich. Auch dass es noch keine Todesursache festgestellt wurde, mache eine Einstellung des Verfahrens äußerst fragwürdig. Die Staatsanwaltschaft räumte ein, dass zudem völlig unklar sei, wo die in seinem Magen festgestellten Substanzen herkamen und wie sie zum Mageninhalt gelangten.

Nachdem der 19-jährige Qosay K. in Delmenhorst in Polizeigewahrsam war, verstarb er im Krankenhaus aus noch ungeklärten Gründen.

Zudem hätten die Beamten Qosay K. laut Anwältin Voigt nicht von der Wirkung des Pfeffersprays befreit, sondern ihn bewusst den Symptomen ausgesetzt. Auch Wasser sei ihm von der Polizei verweigert worden, obwohl es mehrere Möglichkeiten dafür gegeben hätte - unter anderem habe die Polizei mit einer Anwohnerin vor Ort geredet und auch dort kein Wasser besorgt, obwohl er darum ausdrücklich gebeten hätte. Als Qosay in der Zelle kollabierte, hätten die Beamten keine angemessene erste Hilfe geleistet.

Keine konkrete Todesursache laut Staatsanwaltschaft

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben Untersuchungen ergeben, dass der Mann im Magen-Darm-Trakt Rückstände von Polyacrylamid und Natriumpolyacrylat hatte - Substanzen, die große Mengen Wasser binden. Die Substanzen könnten erklären, warum der Mann schwere Schäden im Magen-Darm-Trakt hatte und bei der Festnahme nach Wasser verlangte. „Konkretere Feststellungen zur Todesursache konnten indes auch bei nachträglichem Abgleich sämtlicher Untersuchungsergebnisse nicht getroffen werden“, hieß es. Stattdessen ist das Verfahren gegen die Polizei nun eingestellt.

Lea Voigt, Anwältin der Familie, fordert eine restlose Aufklärung.

Qosay K. sei bei einer Drogenkontrolle am 5. März vor zwei Zivilpolizisten zunächst geflüchtet und kurz danach gestellt worden. Dabei soll es laut Polizei zu einem Handgemenge gekommen sein. Die Beamten setzten dabei auch Pfefferspray ein. Anschließend wurde er auf die Delmenhorster Polizeiwache gebracht, wo er kollabierte. Der Notarzt ordnete dann den Transport in ein Krankenhaus in Oldenburg an. Dort starb der junge Mann am nächsten Tag. Die Polizei äußerte sich kurz nach dem Vorfall, dass der 19-Jährige Qosay eine Behandlung durch Rettungskräfte verweigert hätte. Die Staatsanwaltschaft verweist nun jedoch auch darauf, dass der Mann untersucht wurden sei.

Familie erfährt Verfahrens-Einstellung über Medien

Von der Einstellung des Verfahrens gegen die Polizei habe die Familie von Qosay K. nicht etwa persönlich, sondern über die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft erfahren, erklärt Voigt und ergänzt: „Unsere Mandanten haben großes Vertrauen in die Arbeit der Staatsanwaltschaft gesetzt. Dass sie nun aus einer Pressemitteilung erfahren, dass das Verfahren eingestellt wurde, ist in jeder Hinsicht eine herbe Enttäuschung.“ Diese Frage müsse laut Voigt stattdessen mit sachverständiger Unterstützung aufgeklärt werden: „Die Eltern des Verstorbenen werden mit allen juristischen Mitteln gegen die Verfahrenseinstellung vorgehen“.  

An dieser Parkbank in Delmenhorst trafen die Beamten auf Qosay K.

Polizei wittert „beispiellose Hetzkampagne“

Für die Polizei hingegen scheint der Fall erledigt zu sein: „Mit der Entscheidung der Staatsanwaltschaft ist jetzt geklärt, dass die Ursache für den Tod von Qosay nicht im Verhalten der eingesetzten Polizeibeamten liegt. Ich hoffe, dass nun für sie die Zeit der Belastung aufgrund der eingeleiteten Strafverfahren sowie der beispiellosen Hetzkampagne in den sozialen Netzwerken zu Ende ist“, sagte Polizeipräsident Johann Kühme.

In diesem Zusammenhang kritisiert die Polizeidirektion Oldenburg unter anderem öffentliche Äußerungen, die von Beginn an und während des laufenden Verfahrens die Polizei für den Tod des 19-Jährigen verantwortlich zu machen versuchten. Den Vorwurf der Voreingenommenheit weist die Polizeidirektion Oldenburg - die aus Gründen der „Neutralität“ die Ermittlungen im Fall um Qosay K. geführt hatte - in aller Deutlichkeit zurück.

Rubriklistenbild: © dpa/Peter Endig

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