Prozess soll Schlussstrich unter Transrapid-Unglück sein

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Die Bilder des zertrümmerten Transrapid im Emsland gingen im September 2006 um die Welt

Osnabrück - Von Elmar Stephan - Die Bilder des zertrümmerten Transrapid im Emsland gingen im September 2006 um die Welt. Jetzt endlich müssen sich die beiden diensthabenden Fahrdienstleiter der Teststrecke vor Gericht verantworten.

Keiner, der dabei war, wird die Eindrücke je vergessen: Der aufgerissene Transrapid, Wrackteile an der Strecke, der Geruch von verschmortem Gummi. Zwischen den Helfern, die nach Überlebenden suchen, sind auch Leichenspürhunde unterwegs. Am Abend des 22. September 2006 dann die schreckliche Gewissheit: 23 Menschen sind an diesem Spätsommertag in dem Magnetzug ums Leben gekommen. Elf Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Jetzt, rund viereinhalb Jahre nach der Katastrophe, stehen die beiden diensthabenden Fahrdienstleiter der Transrapidstrecke im Emsland vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft hält sie für die Hauptverantwortlichen. Sie gaben dem Hochgeschwindigkeitszug an jenem Morgen um kurz vor zehn Uhr die Startfreigabe. Was sie übersahen: Der tonnenschwere Wartungswagen stand noch auf der Strecke in Höhe der Stütze 120. Bevor der Magnetzug seine täglichen Runden drehen konnte, fuhr jeden Morgen dieser mit zwei Mann besetzte Wagen die Strecke für eine Kontrollfahrt ab. Diese „Besenfahrt“ sollte der Sicherheit dienen. Nur wenige Sekunden später raste der Magnetzug mit Tempo 170 in das scheunentorgroße Hindernis. Der Lokführer hätte bremsen können, aber er vertraute im wahrsten Sinn des Wortes blind seinen Leitstand-Kollegen und schaute nicht aus der Windschutzscheibe. Auch er gehört zu den Toten.

Bereits 2008 mussten sich zwei frühere Betriebsleiter der Anlage vor Gericht verantworten. Sie wurden für Organisationsmängel zu Geldstrafen von 20.000 und 24.000 Euro verurteilt. Damals stellte das Gericht fest: Die Katastrophe hätte mit einem Schalterdruck verhindert werden können. Die Fahrdienstleiter hätten eine elektronische Sperre einlegen müssen, solange der Werkstattwagen auf der Strecke war. Obwohl der Hersteller der Leitstandtechnik dieses Verfahren eindeutig in seiner Betriebsanleitung forderte, gab es keine eindeutige Dienstanweisung für die Mitarbeiter. Für dieses Versäumnis machte das Osnabrücker Landgericht die Ex-Chefs verantwortlich.

An diesem Donnerstag geht es um die beiden Fahrdienstleiter. Ein Prozess war unter anderem bislang nicht möglich, weil sie nach dem Unglück als selbstmordgefährdet galten. Schon in dem ersten Verfahren wurde klar, dass einer der beiden bei der Fahrtfreigabe den Werkstattwagen schlicht vergessen haben muss - obwohl vor ihm das Protokollbuch lag, in dem er selbst zwar die Ausfahrt, nicht aber die Einfahrt des Wagens vermerkt hatte. Sein Kollege sollte ihn überwachen, und hat darin offensichtlich auch versagt. Was die beiden Männer in den kritischen Minuten vor der Fahrtfreigabe ablenkte, weiß bislang niemand.

„Die Angehörigen erhoffen sich jetzt Klarheit darüber, was tatsächlich im Leitstand passiert ist“, sagt der Papenburger Anwalt Ralf Molzahn, der gut 20 Angehörige und Hinterbliebene als Nebenkläger in dem Verfahren vertritt. Zu wissen, was passiert ist, das sei für die Betroffenen wichtig, um endlich einen Schlussstrich ziehen zu können.

Vielleicht geht am Donnerstag auch alles ganz schnell im Osnabrücker Landgericht . Der Vorsitzende Richter habe nur einen Verhandlungstag eingeplant, sagt Gerichtssprecher Holger Janssen. Ein Urteil schon am Donnerstagmittag halte er für möglich. Wichtig für die Opfer und Hinterbliebenen sei es auf jeden Fall, dass sich die beiden Angeklagten auch äußern, betont Molzahn: „Das erwarte ich, und nicht, dass sie von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.“ Für die Opfer wäre das „ganz schlimm“.

Quelle: kreiszeitung.de

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