Patriarchale Gewalt

Wenn das Verhalten des Partners in der Beziehung toxisch ist

Wenn Drohungen und Beleidigungen der Alltag in einer Beziehung sind, sollten betroffene Personen reagieren. Das musste Anna Maqua selbst erfahren. Was sich erst unharmonisch anfühlt, entwickelt sich für sie zu einem Alptraum.

Jede vierte Frau in Deutschland hat schon einmal physische oder psychische Gewalt durch den eigenen Partner und Ex-Partner erfahren. Anna Maqua ist eine von ihnen, die sich eben diese Partnerschaftsgewalt zu spüren bekam. Acht Jahre lang hing sie in einer toxischen Beziehung fest, in der ihr damaliger Freund psychischen Druck auf sie ausübte.

Patriarchale Gewalt: Toxische Beziehung zeichnet sich zu Beginn durch krankhafte Eifersucht ab

Anna ist noch minderjährig, als sie ihn kennenlernt. „Anfangs war alles normal. Doch relativ schnell merkte ich, dass es nicht richtig harmonisch mit ihm ist“, erinnert sie sich. Seine krankhafte Eifersucht bringt sie an ihre Grenzen. Wenn sie sich mit Freunden und Freundinnen trifft oder abends tanzen gehen will, ist Ärger vorprogrammiert.

Anna kämpfte lange mit der Entscheidung, sich aus der Beziehung zu lösen.

Sie zieht sie sich zurück. Um dem Ärger mit ihm aus dem Weg zu gehen, trifft Anna ihre Freunde kaum noch. „Er meinte immer, er mag meinen Freundeskreis nicht“, sagt sie. „Ich hatte das Gefühl, dass er mich für sich allein haben will. Ich habe mich extrem eingeengt gefühlt. Er wollte mich jeden Tag sehen, hat mir ständig unterstellt, dass ich Geheimnisse vor ihm habe.“

Toxische Beziehung: Ihr Partner liest ihr Nachrichten bei WhatsApp, Facebook und Instagram

2013 fängt Anna an, Geografie in Aachen zu studieren, wohnt aber nach wie vor nicht weit entfernt bei ihren Eltern in Alsdorf. „Auch für meine Entscheidung, zu studieren, hat er mir Vorwürfe gemacht. Die Eifersucht entwickelte sich immer extremer.“ Er misstraut ihr, liest ihre Nachrichten bei WhatsApp, Facebook und Instagram, ändert sogar ihre Zugangsdaten. Wenn sie ihn trifft, nimmt sie ihr Handy bewusst nicht mit oder mit auf die Toilette, damit er es nicht heimlich kontrollieren kann.

Psychische Gewalt in der Partnerschaft: Fette Qualle, Schlampe, Sau – Beleidigungen gehören zum Alltag

Kontrolle versucht er auch auszuüben, wenn sie sich nicht sehen: „Sobald ich online war, fragte er mich aus, was ich mache.“ Es führt so weit, dass er ihre Accounts löscht. Er beleidigt sie, sobald er verärgert ist. Fette Qualle, Schlampe, Sau – diese Worte haben sich in das Gedächtnis der 28-Jährigen gebrannt.

Es war zu viel, ich war dauerhaft angespannt und gestresst.

Anna Maqua

Doch Anna schafft es, sich aus der Beziehung zu lösen. „Es hat mir einfach gereicht. Es war zu viel, ich war dauerhaft angespannt und gestresst. Er hat mir alles mies gemacht. Ich hatte keine Lust mehr auf die ständigen Streitereien und Diskussionen. Es war eine Kurzschlussreaktion.“

Partnerschaftsgewalt: Nach der Trennung kommen die Drohungen und blaue Flecken

Doch der Ärger und Stress lassen auch durch die Trennung nicht nach. Als sie mit ihm Schluss macht, will er nicht gehen und sie nicht gehen lassen. „Weil ich wusste, dass er extrem reagieren wird, habe ich mir einen Tag ausgesucht, an dem meine Eltern nicht da waren, nur meine Schwester war da.“

Er hält sie fest, drängt sie in eine Ecke. „Ich mach dich fertig“, sagt er zu ihr. Damals ist sie 23, er ein Jahr älter. Ihre Schwester ruft die Polizei. „Mir war das so peinlich und hatte gleichzeitig Angst. Er hat einen Platzverweis bekommen.“ Und Anna blaue Flecke vom Festhalten.

Toxische Männlichkeit: Nach der Trennung kommen die Drohungen per Mail – „Ich steche dich ab“

Er lügt nicht. Das kommende Jahr entwickelt sich zu einem Alptraum. Hunderte Mails schickt er ihr täglich. „Ich steche dich ab. Ich vernichte dich. Ich mache dir dein Leben zur Hölle.“ Auch ihre Eltern ruft er an, bis in die Nacht. „Ich hatte Angst vor ihm“, sagt sie. „Jeden Tag stand er mit seinem Auto in unserer Straße, um zu schauen, ob ich da bin.“

Der Psycho-Terror nimmt kein Ende. Auf der Lernplattform ihrer Universität lädt er in ihrem Namen Dokumente hoch. „Darin stand, dass ich ein Schwein bin, eine Lügnerin. Ich habe mich so geschämt.“ Er schreckt auch nicht davor zurück, ein falsches Profil von ihr auf einer Dating-Seite anzulegen.

Gewalt in Partnerschaften: Daten der Polizei zeigen einen Anstieg von elf Prozent seit 2015

Seit 2015 erhebt die Polizei Daten zu Gewalt in Partnerschaften. Die Opferzahl hat seither um elf Prozent zugenommen. Allerdings werden die meisten Straftaten in diesem Bereich wohl gar nicht angezeigt*.

Die Anzahl der Opfer partnerschaftlicher Gewaltdelikte steigt nach wie vor an.

Sie fühlt sich nicht nur verfolgt, er verfolgt sie. Er verfolgt sich tatsächlich. Ihr letzter Ausweg ist eine Anzeige bei der Polizei. „Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen. Die Polizei wies ihn dann auf sein Fehlverhalten hin.“ Doch selbst das hält ihn nicht davon ab, Anna aufzulauern und psychisch unter Druck zu setzen. Acht Monate hält dieser Zustand an.

„Ich habe seine Nachrichten ignoriert, dadurch ist es irgendwann abgeflacht.“ Vor etwa drei Jahren sah sie ihn, sitzend im Auto. „Ich war mit meinem neuen Freund unterwegs. Er stand an der Ampel in seinem Auto hinter uns, hat sich nicht sonderlich auffällig verhalten. Danach hat er Vollgas gegeben und ist uns dicht aufgefahren.“

Hier bekommen Frauen Hilfe, die Gewalt in der Beziehung erleben oder erlebt haben:

Auch die niedersächsische Sozialministerin Behrens macht auf Hilfsangebote in Niedersachsen* aufmerksam.

Drohungen und Beleidigungen: „Es war die Angst, die mich so lange in der Beziehung gehalten hat“

Irgendwann entdeckte Anna eine Mail von ihm: „2018 hat er mir E-Mails geschickt, als er mitbekam, dass ich in einer neuen Beziehung bin.“ Was für ein „hässlicher Vogel“ ihr neuer Freund sei und dass sie die Trennung von ihm bis an ihr Lebensende bereuen werde. Das waren seine letzten Worte an sie. Beleidigungen und Drohungen.

Anna lebt mittlerweile in einer gesunden Partnerschaft.

„Es war die Angst, die mich so lange in der Beziehung gehalten hat. Ich hatte Angst vor seiner Reaktion, dass er seine Drohungen ernst meint.“ Rückblickend weiß Anna, dass die Beziehung ihr Wesen damals verändert hat.

Gewalt in der Partnerschaft: „Ich habe mich selbst nicht mehr wiedererkannt“

„Ich habe mich selbst nicht mehr wiedererkannt. Einmal habe ich ihn bespuckt, um aus einer Situation herauszukommen. Normalerweise würde ich so etwas nie tun“, erinnert sie sich. Auch da habe er sie nicht gehen lassen wollen. „Es war, als würde er gegen mich arbeiten. Er hat mich nie unterstützt. Ich hatte nie das Gefühl, in der Beziehung angekommen zu sein.“

Seit Ende 2017 ist Anna mit ihrem jetzigen Freund zusammen, die beiden führen eine harmonische Beziehung. „Wir haben uns in der ganzen Zeit vielleicht zweimal gestritten. Durch ihn fühle ich mich gestärkt. Es ist sehr entspannt. Es ist ok, wenn ich alleine unterwegs bin. Wir treffen uns auch gemeinsam mit Freunden.“ In seiner Gegenwart könne sie sich entspannen und müsse nichts verstecken. „Das war früher gar nicht denkbar“, erinnert sie sich.

Die Spuren aus der toxischen Beziehung bleiben – „nicht einfach, sich aus einer Beziehung wie dieser zu lösen“

Doch die Spuren bleiben. „Einmal wollte er mich trösten und in den Arm nehmen. Aber ich wollte das nicht. Ich habe mich sofort an früher erinnert und eingeengt gefühlt.“ Weil es viele Artikel über das Thema gäbe, aber kaum Frauen, die offen darüber sprechen, geht sie offen mit ihren Erfahrungen um. Sie will damit auch andere Frauen ermutigen, nicht mehr zu schweigen. „Die wenigsten Menschen wissen, was es bedeutet. Viele denken, dass es einfach ist, sich aus einer Beziehung wie dieser zu lösen. Doch das ist es nicht.“

Das weiß auch Lena Mußlick vom Landesverband Frauenberatung Schleswig- Holstein (LFSH), ein Dachverband von 33 feministischen Frauenberatungsstellen und Frauennotrufen. Diese beraten von Gewalt betroffene Frauen und deren Angehörige, sowohl akut und auch noch nach Jahren, wenn sie unter den Folgen leiden.

Interview mit Lena Mußlick vom Landesverband Frauenberatung Schleswig- Holstein (LFSH)

Was bedeutet psychische Gewalt?
Unter psychischer Gewalt versteht sich die systematische emotionale Schädigung einer Person in einer Beziehung. Es gibt unterschiedliche Dimensionen. Es fängt langsam an, oft mit Eifersucht, die als große Liebe missverstanden wird. Nach und nach stellt sich raus, dass die Eifersucht extrem ist. Es geht um Macht und Kontrolle der Partnerin.
Was macht patriarchale Gewalt aus?
Das Ziel in einer patriarchalen Beziehung ist es, die Frau in ihrem Selbstwertgefühl zu schwächen und ihre Autonomie zu begrenzen. Sobald die Partnerin selbstbestimmt handeln will, wird das Streben nach Dominanz massiver. Deshalb sind Trennungsphasen besonders schlimm. Wenn sie sich der Situation entzieht, merkt er, dass er die Kontrolle über sie verliert. Durch Stalking versucht er, diese wiederzubekommen. Die Art der Unterdrückung der Frau hat sich modernisiert. Aber das Ungleichgewicht des Machtgefüges schwingt weiterhin mit. Auch, wenn es große feministische Fortschritte gibt.
Wie bewerten sie Anna‘s Umgang mit der Situation?
Es erfordert viel Kraft, sich aus einer solchen Beziehung zu lösen. Es ist sehr mutig, dass sie sich getrennt hat und darüber hinaus offen über das Thema spricht.
Welchen Frauen leiden besonders oft unter psychischer Gewalt?
Gewalt in einer Beziehung gegen Frauen zieht sich durch alle Schichten. Verschiedene Studien zeigen, dass kein Zusammenhang mit dem Bildungsstand oder dem kulturellen Background und der Anwendung von Gewalt besteht.
Bei welchem Verhalten sollten Frauen vorsichtig sein?
Frühwarnsignale sind vermeintlich harmlose Kontrolle und Besitzansprüche, die am Anfang als liebevoll verstanden werden, sich aber mit der Zeit steigern. Sticheleien und Abwertungen gehen damit einher. Auch der Versuch, das Selbstwertgefühl schwächen und Kontakte einzuschränken. Frauen sollten sich fragen, ob es ihnen im Laufe der Beziehung immer schlechter geht, sie Angst vor dem Partner und vor seinen Reaktionen haben. Die Angst vor einer Trennung ist häufig begründet.
Wie können Angehörige helfen?
Anzeichen für Angehörige können Rückzug oder Veränderungen im Auftreten der Frau sein. Auch Verletzungen, für die es seltsame Erklärungen gibt. Scham spielt eine große Rolle. Wichtig ist es, zu signalisieren: „Ich bin da und nehme dich ernst.“ Denkbar ist es, Hilfe anzubieten, vorsichtig einen Verdacht zu äußern und der betroffenen Frau die Nummer eines Hilfe-Telefons zu geben.

Auch Trans*Personen und nicht-binäre Menschen sind im besonderen Maße von Gewalt betroffen. Leider gibt es keine Studien, die diese Geschlechtsidentitäten berücksichtigen. Lediglich der Verein Les Migras hat in einer Studie Gewalt und Diskriminierung gegenüber lesbischen und bisexuellen Frauen sowie Trans*Personen in Deutschland thematisiert. Mehr als 29 Prozent der Befragten gaben an, innerhalb der Familie, von Verwandten, Partnerinnen oder Partnern sowie Freundinnen und Freunden beschimpft oder beleidigt worden zu sein. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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