Alles nur Kopfsache?

Corona-Studie: Nocebo-Effekt ist für viele Impfreaktionen verantwortlich

  • Bjarne Kommnick
    VonBjarne Kommnick
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Wer sich impfen lässt, spürt danach nicht selten eine Impfreaktion. Eine Studie zeigt, dass der Nocebo-Effekt dafür verantwortlich sein kann. Was steckt dahinter?

Cambridge – Eine Impfreaktion nach der Spritze ist nichts Ungewöhnliches. Bei dem einen scheinen sie nur minimal auszufallen, andere fallen deshalb sogar mehrere Tage aus. Nur in seltenen Fällen kommt es zu ernsthaft schwerwiegenden Komplikationen. Doch besonders seitdem gegen das Coronavirus geimpft wird, gehören Krankentage nach Impfungen zum ständigen Alltag unserer Gesellschaft.

UniversitätHarvard University
StandortCambridge, MA, Vereinigte Staaten
Studentenzahl22.947
Aufnahmequote5%

Jedoch soll die Ursache für Impfreaktionen in den meisten Fällen nicht in der Impfung selbst liegen. Wie eine Studie unter anderem von der Harvard Medical School in Boston und der Philipps-Universität in Marburg nun zeigt, soll der sogenannte Nocebo-Effekt für einen Großteil aller Impfreaktionen verantwortlich sein.

Placebo in negativ: Nocebo-Effekt verursacht Impfreaktionen

Der Nocebo-Effekt ist das Gegenteil vom geläufigeren Placebo-Effekt, bei dem ein Betroffener beispielsweise ein vermeintliches Arzneimittel zu sich nimmt, das eigentlich keine Wirkung hat. Dennoch lasse sich eine physische Auswirkung erkennen. Beim Placebo-Effekt ist die Auswirkung eine positive. In diesem Fall denkt der Patient beispielsweise Medizin zu sich zu nehmen und trotz fehlendem Wirkstoff bessert sich sein Zustand.

Beim Nocebo-Effekt ist es umgekehrt, die Auswirkung ist negativ. Einer der Hauptgründe dafür sei die psychische Angst. So soll es laut der Studie auch bei Corona-Impfungen dazu kommen, dass Patientinnen und Patienten Nebenwirkungen spüren. Das könnte auch für bekennende Impfgegner interessant werden, denn ein erster Entwurf der Ampelregierung für eine Impfpflicht liegt bereits vor*.

Der Necebo-Effekt soll einer Studie nach für einen Großteil aller Impfreaktionen verantwortlich sein.

Je größer also die Angst vor der Spritze, desto größer soll auch der Nocebo-Effekt sein. Denn weder beim Placebo- noch beim Nocebo-Effekt handelt es sich nur um eine Einbildung der Symptome. Bei beiden Zuständen sorgen biochemische Reaktionen im Körper tatsächlich für messbare Auswirkungen. Dennoch hält sich der Mythos, dass es sich dabei um eine bloße Kopfsache handeln würde. Die Symptome sind also echt, auch wenn die Ursache in der Psyche liegen mag, die selbstverständlich stark durch das Umfeld und die Wahrnehmung beeinflusst werden würden.

Studie: Großteil aller Impfreaktionen auf Necebo-Effekt zurückzuführen

Die Studie habe gezeigt, dass rund 75 Prozent aller Impfreaktionen nach Erstimpfungen auf den Necebo-Effekt zurückzuführen sein könnten. Bei Zweitimpfungen seien rund 52 Prozent aller Impfungen auf den Effekt zurückzuführen. Der Rest sei auf tatsächliche Nebenwirkungen vom Impfen* zurückzuführen. Das schreiben unter anderem die Wissenschaftlerinnen Julia Haas, Sarah Ballou und Friederike Bender in der Studie, die im Fachmagazin „Jama Network Open“ veröffentlich wurde.

An der Studie nahmen 45.380 Personen teil. Rund die Hälfte hätten einen echten Impfstoff gegen Corona gespritzt bekommen, die andere Hälfte bekam ein Scheinpräparat in Form von einer Kochsalzlösung. Nach der ersten Impfdosis haben 35 Prozent aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Scheinpräparat eine Impfreaktion gemeldet. Nach der zweiten Dosis seien es rund 32 Prozent gewesen.

Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer, die den echten Impfstoff gegen Corona bekommen haben, hätten nach der ersten Impfung in 46 Prozent der Fälle eine Impfreaktion gemeldet, bei der zweiten Dosis seien es dann 61 Prozent gewesen. Wie es bei einer dritten Impfung aussieht, ist in der Studie nicht enthalten, dennoch sind auch beim Boostern einige Nebenwirkungen bekannt*.

Necebo-Effekt verursacht Impfreaktion: Angst als Hauptgrund

Vergleicht man beide Testgruppen miteinander, kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Beth Israel Deaconess Medical Center, das Uniklinikum der Harvard University, auf das Ergebnis. Verunsicherung und Angst seien Hauptträger für Impfreaktionen:

Es gibt Hinweise darauf, dass diese Art von Information dazu führen kann, dass Menschen übliche tägliche Hintergrundempfindungen dann fälschlicherweise auf die Impfung zurückführen, oder Sorgen und Nervosität auslösen, die die Menschen hypersensibel im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen machen.

Ted Kaptchuk von der Harvard Medical School

Darüber müsse beim Impfen besser aufgeklärt werden, empfehlen die Forscher. * kreiszeitung.de und fr.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/Marijan Murat

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