Nils Raue aus Oldenburg besitzt mit 550 Shirts die größte Werder-Trikot-Sammlung der Welt

Fußballgeschichte im Kleiderschrank

Nils Raue aus Oldenburg

Oldenburg. Nils Raues Augen funkeln, wenn er vom Prunkstück seiner Sammlung spricht. Anhand eines Fotos beweist er die Echtheit. Es besteht kein Zweifel. Der Oldenburger hält tatsächlich das Trikot in den Händen, das Wynton Rufer trug, als er 1992 in Lissabon das 2:0 gegen den AS Monaco im Finale des Europapokals der Pokalsieger schoss - und damit für den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte von Werder Bremen sorgte.

Rufers Jersey mit der Nummer zehn erzählt noch heute vom großen Triumph, sämtliche Flecken sind noch drauf, es riecht nach Geschichte. Raue packt das gute Stück wieder in einen Kleidersack. Er hat es eigens für diesen Termin von der Bank geholt - normalerweise lagert es dort in einem Schließfach. Wenn auch wohl das mit Abstand wertvollste, so ist das Rufer-Trikot allerdings nur eines von vielen in Raues schier unglaublich umfangreichen Sammlung.

Fußballgeschichte im Kleiderschrank

Rund 550 verschiedene Werder-Trikots hat der 34-Jährige in den letzten 14 Jahren zusammengetragen. Angefangen hat alles, als der damals 19-Jährige auf eine Anzeige im Stadionmagazin „Werder Echo" aufmerksam wurde. „Da wollte einer 16 Trikots auf einmal verkaufen und ich habe zugeschlagen", sagt Raue und betont nicht ohne Stolz: „Heute habe ich von 1965 bis hin zum Aktuellen fast jedes Trikot, das es von Werder je gab." Ob Lang- oder Kurzarm, Trigema-, Norda- oder Pentax-Sponsor - Raues Sammlung lässt keine Wünsche offen.

Drei vollbeladene Kleiderschränke auf dem Dachboden des Einfamilienhauses in der Nähe von Oldenburg beherbergen die Shirts, unter denen sich wahre Raritäten befinden. „Das hier zum Beispiel ist aus dem Jahre 1973", sagt Raue und zeigt ein in den Bremer Stadtfarben rot-weiß gestreiftes Trikot, dessen Wappen der Bremer Schlüssel ziert. Die Regeln, die sich der Justizvollzugsbeamte für seine Sammelleidenschaft aufgestellt hat sind sehr streng: „Mein Ziel ist es, jedes Werder-Trikot zu besitzen, dass es jemals gab. Dabei unterscheide ich zwischen Lang- und Kurzarmmodell."

Nils Raue aus Oldenburg besitzt mit 550 Shirts die größte Werder-Bremen-Trikot-Sammlung der Welt

Vor allem Raues Auge für Details sorgt dafür, dass ihm kein Trikot entgeht. So hat er beispielsweise auch das grüne Trikot aus dem Jahre 1993, in dem Werder die Meisterschaft in Stuttgart einfuhr: „Das hatte ein anderes Muster am Kragen. Davon gibt es nur 14 Stück", betont er. Dass das Auftreiben und Anschaffen der teilweise extrem seltenen Kleidungsstücke sehr kostenaufwändig ist, daraus macht Raue keinen Hehl: „Ich weiß es nicht genau, aber ich schätze rund 100.000 Euro habe ich bisher in die Sammlung investiert. Dafür mache ich eben keinen Karibikurlaub und gehe nicht feiern." Auch seine Ehefrau Tanja scheint mit der Leidenschaft ihres Mannes kein Problem zu haben: „Ich komme damit gut klar", sagt sie und Raue betont: „Sie hat mir wirklich nie Steine in den Weg gelegt."

Nils Raue aus Oldenburg besitzt mit 550 Shirts die größte Werder-Bremen-Trikot-Sammlung der Welt

Doch wie kommt man an ein originalgetragenes Trikot von Uwe Bracht aus dem Jahre 1977? Oder an eines der Anti-Raucher-Trikots mit dem Aufdruck „Quit" und der durchgestrichenen Zigarette auf dem Arm, mit denen die Bremer nur in einem Spiel zu Beginn der 1990er Jahre aufgelaufen sind. Die Antwort hat Raue schnell parat: „Meine Hauptbezugsquelle sind heute ganz klar Internetauktionen. Aber auch sonst muss man eben immer und überall die Augen offen halten." Wie beispielsweise in der Saison 2003/04. Raue saß beim letzten Heimspiel vor Weihnachten gegen Borussia Mönchengladbach mit einem Freund auf der Nordtribüne des Weserstadions. Der Oldenburger wusste natürlich nur zu gut, dass Werder heute zum ersten Mal mit einem Tannenbaum als Raute auf den Trikots auflaufen würde. Als dann Ailton in der 86. Minute ausgewechselt wurde und sein verschwitztes Shirt beim Gang in die Kabine in den Fanblock warf, schaltete der Sammler blitzschnell. „Ich bin sofort losgerannt in Richtung Ostkurve und habe mir dort sagen lassen, wer das Trikot gefangen hat", berichtet Raue. Schnell war ein Schüler ausgemacht, der erst leugnete, es dann zugab, aber nicht verkaufen wollte. „Ich habe ihm im Stadion 400 Euro geboten, aber er wollte nicht. Am nächsten Tag rief mich dann seine Mutter an und sagte ihr Junge bräuchte Geld für den Führerschein, ob mein Angebot denn noch gelten würde. Das tat es - und so hatte ich das Trikot."

Generell geht der Dauerkartenbesitzer nie ohne eine entsprechende Menge an Bargeld zum Fußball. „Wenn ich einen Fan sehe in einem Jersey, das mir noch fehlt, dann muss ich doch handeln können", erklärt er. So auch 1994, als Werder in der Champions-League beim belgischen Meister RSC Anderlecht spielte. „Damals habe ich einer Frau ein Pentax-Trikot direkt vom Körper abgekauft. Ich habe ihr dann noch mein T-Shirt dazugegeben, damit sie nicht nackt nach Hause musste", schmunzelt Raue, der bei seinen Stadionbesuchen übrigens nie ein Trikot trägt. „Das gefällt mir nicht, das machen alle", erklärt er.

Nils Raue aus Oldenburg besitzt mit 550 Shirts die größte Werder-Bremen-Trikot-Sammlung der Welt

Viele der robusten Baumwolltrikots aus den 60er Jahren bekam der Sammler übrigens von der Witwe der verstorbenen Werder-Legende Richard „Sense" Ackerschott (Ehrenspielführer). „Seine Frau rief mich an, nachdem sie auf meine Sammlung aufmerksam geworden war. Bei ihr im Keller schlummerten wahre Schätze." Sein bisher größter Coup gelang ihm dann vor einigen Jahren: Von einem Bekannten aus Bremerhaven kaufte er das legendäre Rufer-Trikot für 2.000 DM. Der neuseeländische Stürmer bat Raue später, ihm das Trikot für seine Kinder zurückzugeben. „Also Kiwi ist mein absolutes Idol - sportlich und menschlich - aber das Trikot kann ich einfach nicht wieder hergeben." Den finanziellen Wert, den das Jersey heute hat, kann Raue nicht genau festlegen. Zum Vergleich: Uli Borowka versteigerte sein Trikot aus demselben Spiel vor Kurzem für 2.900 Euro.

Um seine große Leidenschaft mit anderen zu teilen, betreibt der 34-Jährige seit einigen Jahren die Internetseite www.werdertrikot.de, auf der er all seine Schmuckstücke in Text und Bild präsentiert. „Viele Leute haben mich, nachdem sie meine Seite gesehen hatten, schon angesprochen und gesagt ‚Ich hab da wohl noch ein altes Trikot irgendwo im Keller , vielleicht ist das was für Sie'", sagt Raue und betont: „Also, wer ein Trikot loswerden will, immer her damit." Für die nähere Zukunft plant der Oldenburger eine große Ausstellung im Raum Bremen, bei der er seine Sammlung der Öffentlichkeit zeigen möchte. „Wir suchen da im Moment noch nach einem passenden Ausstellungsraum", erzählt er. Ein Sammel-Endziel hat sich Nils Raue übrigens nicht gesteckt: „So lange es neue Trikots gibt, geht es weiter."

Von Daniel Cottäus

Quelle: kreiszeitung.de

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