Gefahren am Wegesrand

Nagel-Fallen und Giftköder: Hunden droht Unheil – und ihre Besitzer haben Angst

Immer wieder hört man von Hundehaltern, die beim Gassigehen präparierte Leckerlis an der Straße liegend finden oder von Tieren, die qualvoll an Giftködern gestorben sind. Was bleibt, ist die Frage, warum Menschen diese gefährlichen Fallen auslegen.

  • Giftköder und präparierte Leckerlis sind eine Gefahr für Hunde und Katzen.
  • Tierhalter warnen sich gegenseitig vor Giftködern über Websites oder Facebookgruppen.
  • Polizei erfasst nur Giftköder-Fälle, in denen ermittelt werden kann - Dunkelziffer wohl höher.

Hannover - Gefährliche Köder versetzen Hundehalter immer wieder in Angst, so auch in Bremen, im Juli in Gifhorn oder auch Meldungen der vergangenen Tage aus Hannover oder Carolinensiel. In Bremen entdecken mehrere Menschen Fleischstücke, die mit Nadeln gespickt waren, die Polizei rief zu Vorsicht auf.

Hunde in Niedersachsen: Gefährliche Giftköder und Nagelfallen sind eine Gefahr für Haustiere

In Magdeburg schnupperte ein Hund an Wurststückchen, die mit Nägeln präpariert waren, der Besitzer verhinderte, dass der Hund sie fraß, die Polizei fand später in dem Beet insgesamt 13 gefährliche Köder. Ob es sich in Gifhorn tatsächlich um Giftköder handelte, ist noch offen. Auf der Giftköder-Radar Website wird auf einen Aushang in Carolinensiel hingewiesen, der vor möglicherweise gefährlichen Leckerlis warnt.

Ein Border-Collie schnüffelt sich bei einem Spaziergang durch sein Revier. Vergiftete oder mit gefährlichen Gegenständen gespickte Köder jagen Hundefreunden in Deutschland immer wieder Angst ein.

Man liest von Vorfällen wie diesen fast täglich in Polizeiberichten, in Gruppen, die eigens dafür in den sozialen Netzwerken angelegt wurden und in speziellen Apps, die vor gefährlichen Ködern warnen. Die Schnauze des Haustiers bleibt am besten nicht mehr unbeobachtet, während es am Wegesrand schnuppert. Für Frauchen und Herrchen entsteht der Eindruck: Auf jedem Grünstreifen, hinter jedem Busch könnte eine tödliche Gefahr für den geliebten Vierbeiner lauern.

Hohe Dunkelziffer: Hundehalter gehen nach Giftköder-Fund oft nicht zur Polizei

Es ist nicht bekannt, wie viele gefährliche Köder in Deutschland im Jahr entdeckt werden und ebenso unbekannt ist, wie viele Hunde durch diese zu Schaden kommen, im schlimmsten Fall daran sterben. Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik erfasst diese Fälle nicht. Die Polizei Bremen sagt auf Nachfrage: „Das kommt immer wieder vor.“

Die Dunkelziffer wird zudem noch höher sein, als die Fälle, die bekannt sind. Viele Hundehalter gehen nicht zur Polizei, wenn sie ein verdächtiges Leckerli entdecken. Außerdem geht es den Tieren oft erst Stunden später schlecht, nachdem sie vergiftete Fleischstücke gefressen haben. Die Halter bringen das oft nicht mehr mit dem letzten Spaziergang in Verbindung, wenn sie sich dann mit dem Tierarzt in Verbindung setzen.

Hunde leben gefährlich. So wirkt es zumindest. Ständig hört man von vergifteten Leckerlis oder präparierten Fleischstücken in Parks und auf Grünstreifen - dank sozialer Medien und Warn-Apps.

Eine Tendenz der tatsächlichen Fälle findet sich beim bayerischen Landeskriminalamt. Die Behörde kann für das vergangene Jahr 219 präparierte Köder verzeichnen, im ersten Halbjahr 2020 waren es bereits 149. „Die Tendenz ist in den vergangenen Jahren stetig ansteigend“, sagt Kriminalhauptkommissar Ludwig Waldinger. Allerdings erfasst diese Zahl nur Fälle, in denen von der Polizei ermittelt wurde und beinhaltet nicht die Dunkelziffer. Auch haben sich in Folge von Ermittlungen nicht alle Fälle als Straftat herausgestellt.

Für den Notfall vorbereiten: Tierarzt abspeichern und mit dem Hund trainieren

Natürlich kann man sich beim Gassigehen immer in Blickrichtung Hundeschnauze ausrichten und jeden verdächtigen Krümel im Gebüsch untersuchen. Bei aller Vorsicht kann es dennoch zum Ernstfall kommen und der vierbeinige Freund frisst einen gefährlichen Gegenstand. In diesem Moment ist erstmal uninteressant, ob dieser mit Vorsatz platziert wurde. Wichtig ist nun zu handeln und am besten nicht erst Notdienstnummern suchen zu müssen.

Der Tierhalter selbst könne im Notfall nicht viel als Erste-Hilfe-Maßnahme unternehmen, wie Jens Mühlberg, Klinikmanager der Tierärztlichen Hausbesuche in Hannover, erklärt. Wichtig sei es, unmittelbar den Tierarzt aufzusuchen und falls sich noch etwas vom gefressenen Köder auffinden lässt, diesen mitzunehmen. In jedem Fall sinnvoll ist es, sich die Notfallnummer und Adresse eines Tierarztes oder einer Tierklinik in der Umgebung im Telefon abzuspeichern oder leicht auffindbar zu notieren. Im Ernstfall möchte man nicht erst suchen.

Hat man jedoch nicht mitbekommen, dass das Haustier etwas Gefährliches gefressen hat, lassen sich Vergiftungserscheinungen trotzdem erkennen. „Es gibt akute Erscheinungen einer Vergiftung“, sagt der Klinikmanager. Erkennbar sei eine solche etwa an Unwohlsein, Erbrechen oder Speichel, heißt es aus der Klinik, die durch ihren 24-Stunden-Notdienst mit Hausbesuchen öfter mit Notfällen zu tun hat. Giftköder-Fälle seien jedoch sehr selten, sagt Mühlberg. Er erklärt, dass wenn das Tier erstmal in Arzthänden ist, dieser Mittel geben kann, damit das Tier erbricht. Damit ist der Giftstoff bereits aus dem Körper raus. Im Anschluss könne eine Blutanalyse erfolgen und auch Reste des Köders könnten helfen.

Es kann sich zudem lohnen, Informationen über Anti-Giftköder-Training einzuholen. Neben Artikeln im Internet werden auch Kurse zu diesem Thema angeboten. Darin wird der Hund darauf trainiert, keine Leckerlis zu fressen, die er unterwegs findet. Aber auch Herrchen oder Frauchen können dazulernen. Die Angebote reichen von Erklärungen, wie beispielsweise eine Vergiftung beim Tier erkannt werden kann bis hin zu Erste-Hilfe-Maßnahmen beim Vierbeiner.

Tierfreunde warnen sich gegenseitig über soziale Medien, Apps und Websites

Hundefreunden machen es schnell zum Stadtgespräch, wenn verdächtige Köder auftauchen. Auch wenn viele von ihnen mit Anzeigen bei der Polizei zögerlich sind, sieht das mit Warnungen in Facebook-Gruppen, speziellen Internetseiten und Apps schon ganz anders aus. Mehr als 10.000 Meldungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die Webseite „Giftköderradar“ seit 2011 registriert. „Über die Jahre sind die Zahlen stabil bis leicht steigend", sagt Mitgründer Sascha Schoppengerd.

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Das Pfötchen, welches mich heute getröstet hat, nachdem es ihm die ganze Woche so fürchterlich ging 😢 er vermisst seine Freundin ganz arg. #regenbogenbrücke #trauer #traurig eine Woche ist es her, dass uns Gina qualvoll verstorben ist. #giftköder 😭 es kam alles wieder hoch und hat uns heute erneut aus der Bahn geworfen. Der Weg mach vorne ist noch echt schwer und für Einige wahrscheinlich unverständlich, aber für uns war die Fellnase nicht nur ein Hund, sonders das treuste Familienmitglied ever. #diezeitheiltallewunden aber die Art und Weise, wie das Unglück passier ist, lähmt noch sehr. Passt alle auf eure Haustiere auf 🙏🏼 #hamburg #stpauli #kiez #doglover #hundeliebe

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Fünf bis zehn Meldungen aus ganz Deutschland gehen seinen Angaben nach täglich ein. Etwa 40 Prozent davon veröffentlicht die Seite. „Beim Rest handelt es sich meist um achtlos entsorgte Lebensmittel und damit nicht um Giftköder im klassischen Sinn“, sagt Sascha Schoppengerd. Es könne sich aber auch um veraltete Meldungen handeln, die ohne Zeitangabe in den sozialen Medien zu finden sind. „Die Wahrnehmung in diesem Bereich ist massiv verzerrt", sagt Schoppengerd und dazu trügen die Hundehalter auch selbst bei. Diese teilten Gerüchte über mögliche Köder oft unreflektiert.

Unabhängig davon darf das Problem auf keinen Fall kleingeredet werden. Unabhängig von den Fallzahlen ist es eine Tatsache, dass es Menschen gibt, die legen Leckerlis mit Gift, Rasierklingen, Reißzwecken oder Nägeln auslegen, um Hunde zu verletzen oder sogar zu töten. Es bleit die Frage nach den Motiven.

Motive der Giftköder-Täter lassen nur Spekulationen zu

„Das Entdeckungsrisiko ist für die Täter gering“, sagt Nils Matthiesen von der Polizei Bremen. In der Regel gelingt es den Ermittlern nicht, einen Täter festzustellen. Aus diesem Grund gebe es meist keine Zeugen, die Verdächtige beschreiben können und demnach auch weder eine Beschreibung eines Verdächtigen oder Hinweise, denen die Ermittler nachgehen könnten.

Ein Zettel mit der Aufschrift „Achtung Giftköder“ ist am Eingang zum Invalidenfriedhof in Berlin-Mitte angebracht.

So auch im Frühjahr in Magdeburg: Die Polizei befragte Zeugen, Nachbarn, Hundebesitzer - ohne Ergebnis. „Ein konkreter Tatverdacht gegen eine Person kann derzeit nicht begründet werden“, sagt Heidi von Hoff vom Polizeirevier Magdeburg. Über die Motive lasse sich deshalb auch nur spekulieren. Gründe können Unstimmigkeiten mit den Hundehaltern, fehlende Empathie gegenüber Tieren genauso sein wie Mutproben, Aggressionsabbau oder eine pathologische Veranlagung zur Tierquälerei.

Der Tierschutzbund ergänzt die Spekulationen um ein weiteres Motiv. „Oft werden auch zwischenmenschliche Konflikte, zum Beispiel zwischen Nachbarn, über das Haustier ausgetragen“, sagt Sprecherin Lea Schmitz. Ein klärendes Gespräch kann hilfreich sein, in den meisten Fällen ist es aber zielführender, beim Gassigehen die Augen offenzuhalten und dem geliebten Vierbeiner beizubringen, nichts zu essen, was rumliegt.

Rubriklistenbild: © Marcel Kusch / picture alliance / dpa

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