5.100 Jobs aktuell in Gefahr

Pleitewelle droht: Corona-Hilfe bietet Aufschub – aber ein Datum macht Sorgen

Mal eine gute Nachricht im Zusammenhang mit Corona. Laut dem Statistischen Landesamt gab es in der ersten Jahreshälfte weniger Pleiten. Die IHK Oldenburg hat ganz andere Zahlen zu Insolvenzen und eine klare Forderung.

  • Corona-Hilfspakete zeigen für Unternehmen in Niedersachsen Wirkung.
  • Im ersten Halbjahr 2020 wurden 9,5 Prozent weniger Insolvenzanträge in Niedersachsen gestellt.
  • Im Gebiet der IHK Oldenburg gibt es allerdings ganz andere, deutlich negativere Zahlen.

Hannover - Die staatlichen Corona-Hilfen haben in Niedersachsen nach Einschätzung des Statistischen Landesamtes bisher viele Pleiten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie verhindert. In der ersten Jahreshälfte 2020 war der Trend verglichen mit dem Vorjahreszeitraum sogar rückläufig: 9,5 Prozent weniger Insolvenzanträge wurden bei den Gerichten im Niedersachsen zwischen Anfang Januar und Ende Juni gestellt - in der Summe waren es 6.101. Dies teilte die Behörde Dienstag in Hannover mit.

Regionale Verteilung IHKBundesweit: 79 Standorte
Niedersachsen7 Standorte
Bremen und Hamburgjeweils 1 Standort
Schleswig-Holstein3 Standorte

Verbraucher beantragten demnach 4.319 Privat-Insolvenz-Verfahren und damit 9,3 Prozent weniger als in den ersten sechs Monaten des Jahres 2019. Pro Kopf lag die entsprechende Schuldenlast bei knapp 31.600 Euro, wie die Statistiker weiter mitteilten. Bei Insolvenzen von Unternehmen sank die Zahl weniger deutlich um 0,9 Prozent auf zuletzt 735 Verfahren. Betroffene Firmen sahen sich insgesamt Forderungen von 543 Millionen Euro gegenüber, rund 5.100 Jobs standen auf der Kippe. Zu den beiden großen Kategorien der Verbraucher- und Firmeninsolvenzen kamen noch Verfahrensanträge von früheren Selbstständigen und persönlichen Gesellschaftern sowie Nachlass-Insolvenzen hinzu.

Öffentliche Kredite und Zuschüsse zur Überbrückung von Umsatzausfällen in der Corona-Krise seien oft entscheidend gewesen, so das Statistische Landesamt in Niedersachsen: „Die pandemiebedingten staatlichen Unterstützungsleistungen haben mindestens im ersten Halbjahr eine Wirkung entfaltet.“

IHK Oldenburg mit deutlich mehr Insolvenzen in der Coronavirus-Zeit

Im Gegensatz zu dem Statistischen Landesamt hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Oldenburg ganz andere Daten gesammelt. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Gebiet IHK Oldenburg ist in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 18 Prozent gestiegen. 139 Unternehmen meldeten sich zahlungsunfähig, 21 Unternehmen mehr als im ersten Halbjahr 2019. Grundlage sind Daten des Landesamtes für Statistik Niedersachsen.

Das Gebiet der IHK Oldenburg umfasst die Städte Wilhelmshaven, Delmenhorst und Oldenburg sowie die Landkreise Friesland, Wesermarsch, Ammerland, Oldenburg, Vechta und Cloppenburg. Die weiteren sechs regionalen IHK-Standorte in Niedersachsen haben bislang keine aktuellen Zahlen zu Insolvenzen bekanntgegeben.

Corona-Pleitewelle: Experten sicher - „Stunde der Wahrheit im Herbst“

„Der Anstieg der Unternehmensinsolvenzen zeigt die ersten Auswirkungen der Corona-Krise auf die regionale Wirtschaft“, so Björn Schaeper, IHK-Geschäftsführer für Wirtschaftspolitik. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, unter anderem die Schließung vieler Geschäfte, habe bei den Unternehmen Spuren hinterlassen.

„Dabei zeigt dieser Anstieg noch nicht einmal das volle Ausmaß des Insolvenzgeschehens“, so Björn Schaeper. Um den in Bedrängnis geratenen Unternehmen Luft zu verschaffen, hat der Gesetzgeber die Pflicht zur Stellung eines Insolvenzantrags bis zum 30. September 2020 ausgesetzt. Danach ist der Weg zum Insolvenzgericht unvermeidbar, wenn das Unternehmen überschuldet oder zahlungsunfähig ist – es sei denn, die Aussetzungsfrist wird noch einmal verlängert. „Die tatsächliche Zahl der Unternehmensinsolvenzen wird sich erst im Herbst zeigen und dürfte deutlich zunehmen“, befürchtet IHK-Geschäftsführer Björn Schaeper.

Der IHK Oldenburg zufolge könnten jedoch viele Unternehmensinsolvenzen bei rechtzeitigen Sanierungsmaßnahmen verhindert werden. Eine wichtige Hilfestellung hierfür bietet die EU-Restrukturierungsrichtlinie, die aber ihren Weg noch nicht in das deutsche Recht gefunden hat. Ihr Kernelement ist ein gesetzlich angeordnetes Stillhalteabkommen der Gläubiger. Während dieses Moratoriums werden Maßnahmen zur Zwangsvollstreckung ausgesetzt. Das ermöglicht es den Betrieben, mit ihren Gläubigern Sanierungsmaßnahmen zu vereinbaren, zum Beispiel durch einen Schuldenerlass. Die IHK-Organisation fordert daher die Politik auf, die EU-Restrukturierungsrichtlinie schnellstmöglich umsetzen.

Rubriklistenbild: © dpa / Martin Gerten

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