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Gaskrise: Abgeschaltetes Steinkohlekraftwerk in Niedersachsen geht wieder in Betrieb

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Von: Jan Knötzsch

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Das Steinkohlekraftwerk Mehrum in Hohenhameln in Niedersachsen
Das Steinkohlekraftwerk Mehrum in Hohenhameln in Niedersachsen: Es soll bald aus der Reserve, in der es sich seit Dezember 2021 befindet, wieder in den Betrieb zurückkehren. © Julian Stratenschulte/dpa

Das Steinkohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine in Niedersachsen ist seit Dezember 2021 auf Reserve. Jetzt soll es reaktiviert werden. Wann und warum?

Hannover/Hohenhameln – Die Energiekrise in Deutschland ist nicht mehr wegzudiskutieren. Nun soll ein abgeschaltetes Steinkohlekraftwerk in Niedersachsen Abhilfe schaffen, um die Energiekrise abzuwenden. Noch ist zwar der extreme Gasnotstand, den viele Experten spätestens für den Winter oder aber das Frühjahr 2023 erwarten, noch nicht eingetreten – dennoch macht der Begriff Gaskrise bereits munter seine Runden. Und das nicht ungerechtfertigt. Doch nicht nur die drohende Gasknappheit macht Sorgen, auch die steigenden Strompreise – und möglicherweise eine Stromlücke, wie sie Christian Lindner für den Winter befürchtet.

Finanzminister Lindner (FDP), der eine Erhöhung eine Erhöhung des Kindergelds und des steuerlichen Grundfreibetrags will, fordert zudem: kein Strom aus Gas mehr. Lindner schreit nach drastischen Maßnahmen wegen der Gaskrise. Zuletzt ist im Zusammenhang mit der Gaskrise in Deutschland die Diskussion um die Laufzeitverlängerung für die drei in Deutschland noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke aufgekommen. Jetzt steht als Ersatz für Strom aus Erdgas das erste Steinkohlekraftwerk aus der Reserve vor dem Neustart.

Christian Lindner fordert in Gaskrise: „Mit Gas nicht länger Strom produzieren“ – Steinkohlekraftwerk darf seit 14. Juli wieder ans Netz

Darüber dürfte Christian Lindner sich nach seiner „Kein Strom aus Gas mehr“-Forderung freuen: Seit 14. Juli 2022 erlaubt eine Verordnung der Politik, dass Steinkohlekraftwerke aus der Netzreserve wieder in Betrieb gehen können, um Erdgas einzusparen. Im Juni lag der Erdgas-Anteil an der Stromerzeugung in Deutschland laut Bundesnetzagentur bei 11,2 Prozent. Jetzt sieht alles danach aus, dass in Zeiten der Energiekrise eben tatsächlich ein Steinkohlekraftwerk aus der Reserve wieder in den Betrieb geht – und zwar eines in Niedersachsen: das Kraftwerk Mehrum in Hohenhameln zwischen Hannover und Braunschweig.

Das Steinkohlekraftwerk, das in der Gaskrise in Deutschland in Niedersachsen wieder den Betrieb aufnehmen soll, gehört dem tschechischen Energiekonzern EPH. Es sei bislang die einzige Marktrückkehr eines Kraftwerks – so vermeldet es zumindest die Bundesnetzagentur, die damit FDP-Politiker Christian Lindner glücklich machen dürfte. „Wir müssen daran arbeiten, dass zur Gaskrise nicht eine Stromkrise kommt. Deshalb darf mit Gas nicht länger Strom produziert werden“, sagte der Vorsitzende der Freien Demokraten zuletzt via Bild am Sonntag.

Habeck-Sprecher: Gas in der Gaskrise bei der Stromerzeugung soll ersetzet werden – was passiert mit den AKWs?

„Robert Habeck hätte die gesetzliche Ermächtigung, das zu unterbinden“, so Lindner in der Bild am Sonntag weiter, wo er auch dafür plädierte, die restlichen Kernkraftwerke nicht abzuschalten, „sondern nötigenfalls bis 2024 zu nutze.“ Diese Verlängerung der Laufzeit für die AKWs fordert die FDP, während die Grünen wanken. Innerhalb der Partei gibt es in der Gaskrise verschiedene Stimmen – vom klaren „Nein“ zur AKW-Laufzeitverlängerung über mögliche Kompromisse bis hin zur Tendenz, dass man in der Energiekrise selbst die Verlängerung als Kröte schlucken müsse. Für die CDU forderte derweil zuletzt Friedrich Merz neue Brennstäbe für die AKWs und sprach sich gegen den Streckbetrieb der drei noch laufenden AKWs in Deutschland aus.

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Ein Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte in der Gaskrise zuletzt verlauten lassen, dass ein völliger Verzicht auf Gas im Stromsektor zur Stromkrise und Blackouts führe: „Es gibt systemrelevante Gaskraftwerke, die mit Gas versorgt werden müssen. Bekommen sie kein Gas, kommt es zu schweren Störungen. Das ist leider die Realität des Stromsystems, die man kennen muss, um die Versorgungssicherheit herzustellen“, so der Habeck-Sprecher. Daher werde längst daran gearbeitet, Gas in der Gaskrise bei der Stromerzeugung zu ersetzen – wenn dies möglich sei. Und genau da kommt nun das abgeschaltetes Steinkohlekraftwerk in Niedersachsen ins Spiel.

Gaskrise in Deutschland: Auch Wiederanfahren von stillgelegten Braunkohlekraftwerken geplant

Das Kraftwerk Mehrum im Landkreis Peine – zuletzt hatte es in Peine übrigens einen Großbrand gegeben – ist seit Anfang Dezember 2021 in Reserve. Über eine mögliche Rückkehr des Kraftwerks in den Betrieb hatte zuerst die Braunschweiger Zeitung berichtet. Die Kaufmännische Leiterin der Betreibergesellschaft, Kathrin Voelkner, erklärte der Deutschen Presse-Agentur (dpa): „Wir haben die Rückkehr an den Strommarkt erklärt. Wir gehen davon aus, dass wir kurzfristig ans Netz zurückkehren.“ Das Kraftwerk hat eine Nettoleistung von 690 Megawatt. 2018 erzeugte es laut spiegel.de so viel Strom, dass damit theoretisch mehr als eine halbe Million Musterhaushalte mit Strom versorgt werden konnten.

Zusätzlich zu der Verordnung, die es erlaubt, künftig Steinkohle- und Ölkraftwerke wieder in Deutschland wieder in Betrieb nehmen zu können, wird für Anfang Oktober auch eine Verordnung für das Wiederanfahren von stillgelegten Braunkohlekraftwerken vorbereitet. Hinzu kommt eine Gaseinspar-Verordnung, die die unnötige Verstromung von Erdgas während der Gaskrise in Deutschland verhindern soll. Auf Verbraucher kommt in der Gaskrise bekanntlich eine Gasumlage zu – sie soll am 1. Oktober 2022 starten.

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