„Nicht denken, einfach helfen“: Polizei testet Bürger

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Polizeikommissar Philipp Guttack spielte in der Hannoveraner Innenstadt das Opfer

Hannover - Brutale Übergriffe in vollbesetzten U-Bahnen, Schlägereien in der Öffentlichkeit oder Unfälle. Immer wieder geraten Menschen in Situationen, in den sie als Helfer gefordert sind. Mit gestellten Aktionen will die Polizei Mut machen, Zivilcourage zu zeigen.

Blutüberströmt liegt der junge Mann unter seinem Fahrrad. Verzweifelt versucht er aufzustehen, taumelt und sinkt wieder erschöpft auf die Straße. Sofort eilen Passanten an diesem Donnerstagmorgen in der Innenstadt Hannovers hinzu und wollen helfen. Ehe sie jedoch Handys zücken, um einen Unfallwagen zu rufen, löst ein Polizist die Situation auf. Der Unfall ist gestellt, der Verletzte ein Polizeibeamter. Das Blut im Gesicht, die tiefen Schürfwunden an den Handgelenken und das tiefblaue Auge - alles nur geschminkt, um Passanten für das Miteinander zu sensibilisieren und Zivilcourage zu fördern.

„Ich habe das Blut gesehen. Der Mann war verletzt, da muss man doch helfen“, sagt Heinz Jürgen Urstadt. Instinktiv laufen bei ihm Erste-Hilfe-Maßnahmen ab: Nachfragen, wie es geht, Blutungen stillen, den Betroffenen in die stabile Seitenlage bringen und den Notarzt rufen. „Nachdenken darf man dann nicht. Man kann nichts falsch machen. Außer gar nichts zu tun“.

Der 66-Jährige ist an diesem Morgen einer von vielen, die vorbildlich handeln. Schnell kann die Polizei ein positives Fazit ihres 90-minütigen Experiments ziehen. „„Nur wenige sind einfach an dem blutüberströmten Mann vorbeigelaufen“, sagt Polizeisprecher Heiko Steiner am Donnerstag.

Wenn die Polizisten diesen Passanten erklären, dass nach einem solchen Verhalten sogar ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung droht, sind die Ausflüchte stets die Gleichen: Nicht gesehen. Keine Zeit. Es waren doch schon welche dort und haben sich gekümmert. „Wenn wir diese Menschen zum Nachdenken gebracht haben, ist es auch ein Erfolg“, betont Polizeisprecher Steiner, den vorbeugenden Charakter der Aktion. Er ist sicher: Beim nächsten Mal helfen auch sie.

„Es ist wichtig, dass jemand Verantwortung übernimmt. Jemand muss der erste sein, der hilft“, betont Steiner. Dann trauten sich auch andere Menschen hinzu. Ersthelfer ist auch Taxifahrer Reinhard Zybarth. Aus großer Entfernung sieht er den Verletzten auf dem Radweg, hält sofort an und will helfen. „Das ist doch selbstverständlich, oder nicht? Mir soll doch auch jemand helfen, wenn ich verletzt bin“, erklärt der 56-Jährige den Beamten, die die Reaktion der Helfer dokumentieren. Auffällig sind jedoch die Hemmungen der Helfer, das Opfer anzufassen. „Wenn ich auf sie zutaumele, weichen sie zurück“, erklärt das „Opfer“, Polizeikommissar Philipp Guttack. Niemand hilft dem 32-Jährigen auf die Beine. Oft ist es die Angst vor dem Blut. „Für solche Situationen habe ich immer Einweghandschuhe in der Tasche“, sagt Bernd Siegler und zeigt sie. Spätestens seit sein Vater nach einem Unfall in einem Wassergraben ertrunken ist, weil niemand geholfen hatte, sei Zivilcourage und Hilfsbereitschaft für ihn absolute Bürgerpflicht.

Von André Jahnke, dpa

Quelle: kreiszeitung.de

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