70-Jähriger meldet sich

Neuer Missbrauchsvorwurf gegen Hildesheimer Ex-Bischof Janssen

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Andrea Fischer, bischöfliche Beraterin zu Fragen sexuellen Missbrauchs, spricht während einer Pressekonferenz über einen neuen Missbrauchsvorwurf gegen den ehemaligen Hildesheimer Bischof Janssen.

Hildesheim - Von Michael Evers. Gegen den ersten in Missbrauchsverdacht geratenen deutschen Bischof, den längst gestorbenen Hildesheimer Altbischof Heinrich Maria Janssen, gibt es einen neuen Vorwurf.

Dieser deutet auf einen systematischen sexuellen Missbrauch von Heimkindern durch Verantwortliche der katholischen Kirche hin, wie das Bistum Hildesheim am Dienstag mitteilte. Ein heute 70-jähriger Mann habe dem Bistum geschildert, dass er Ende der 50er Jahre als damaliges Heimkind von Bischof Janssen aufgefordert worden sei, sich nackt vor ihm auszuziehen. 

Der Bischof habe ihn anschließend mit den Worten weggeschickt, er könne ihn nicht gebrauchen. Zum Bischof gebracht und wieder abgeholt wurde das damalige Heimkind nach seiner Schilderung vom Leiter des damaligen Hildesheimer Kinderheims Bernwardshof, einem Priester, der ihn auch sexuell missbraucht haben soll, ebenso wie ein Kaplan. 

Beide schon gestorbene Geistliche seien dem Bistum als Missbrauchstäter bekannt, hieß es. Das Bistum halte die Vorwürfe für glaubhaft und plausibel. Auch von jugendlichen Mitbewohnern des Heims war der Mann nach seiner Schilderung damals missbraucht worden. Ein in dem Heim tätiger Lehrer habe ihn geschlagen.

Bischof Wilmer zeigt sich erschüttert

Der heutige Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer zeigte sich erschüttert über die Vorwürfe und kündigte eine unverzügliche Untersuchung insbesondere der Rolle von Altbischof Janssen durch externe Experten an. „Es liegt nahe, dass eine solche mögliche Tat eng mit den seinerzeitigen diözesanen Strukturen in Zusammenhang stand, insbesondere mit den katholischen Kinder- und Jugendheimen in Hildesheim.“ 

Bischof Heiner Wilmer bemüht sich um Aufklärung der Vorwürfe.

Der Mann hatte erst Anfang Oktober nach einem Meldeaufruf von Bischof Wilmer an Missbrauchsopfer mit dem Bistum Kontakt aufgenommen. Am vergangenen Wochenende gab es ein Gespräch mit Verantwortlichen und dem Bischof. 

„Die schrecklichen Verbrechen haben ihn für sein weiteres Leben schwer gezeichnet“, erklärte Wilmer. „Es maht mich wütend und tief traurig zugleich, dass ihm dies offensichtlich durch Mitarbeitende unserer Kirche angetan worden ist.“ 

Bundesweite Studie erhebt schwere Vorwürfe

Bereits 2015 gab es einen ersten Vorwurf gegen den Altbischof. Der seinerzeit beliebte Janssen (1907-1988) soll in der Anfangsphase seiner Amtszeit als Bischof (1957 bis 1982) einen Messdiener sexuell missbraucht haben. Da sich das mutmaßliche Opfer aber erst nach 50 Jahren meldete, ließen sich trotz intensiver Nachforschungen keine Zeugen mehr ausfindig machen. 

Janssen, der aus Kleve am Niederrhein stammt, war 1988 im Alter von 80 Jahren gestorben. Die Vorwürfe gegen das Bistum Hildesheim folgen auf eine Ende September vorgelegte bundesweite Studie im Auftrag der katholischen Kirche, nach der zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. 

Für Niedersachsen und Bremen ergab die Studie mindestens 220 minderjährige Opfer und 115 beschuldigte Geistliche. Mit den Bistümern Hildesheim und Osnabrück will Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) über ein gemeinsames Vorgehen bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen beraten. Ein ersten Treffen ist an diesem Freitag. Beide Bistümer bemühen sich inzwischen seit Jahren intensiv, sexuellem Missbrauch vorzubeugen und Verdachtsfälle konsequent von der Justiz verfolgen zu lassen.

dpa

Quelle: kreiszeitung.de

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