Vom Dorf auf die Straße: Martina F. sucht ihr Leben

Neue Ziele nach dem Absturz

Niedersachsen - ZEVEN/HAMBURG · Wenn man ein Auto aufknackt, ächzt und quietscht die Tür beim Öffnen. Aber nur manchmal. Ansonsten ist der Vorgang ziemlich schnell und geräuschlos. Tür auf, Navi raus, Tür zu. So haben sie es oft gemacht, sie wissen nicht einmal mehr wie oft – bevor der Ärger losging, und sie sich für ihr Tun verantworten mussten.

„Wir wollten damals nicht sehen, wohin uns das führen wird“, sagt Martina F. Sie hat viel erlebt für ihre 19 Jahre. Die junge Frau hat zusammen mit ihrem Freund Drogen genommen, geklaut, ist eingebrochen, hat Banken abgezockt, ist schwarzgefahren. Und sie hat drei Jahre auf der Straße gelebt.

Angefangen hat alles im beschaulichen Zeven, Kreis Rotenburg. Martinas Mutter nahm wegen Rückenbeschwerden hohe Dosen Morphium und wurde davon süchtig, probierte bald andere Wunderpillen aus wie Lorazepam, dazu Kokain. Sie nahm das Zeug zusammen mit Martina, und das war der Anfang vom Ende. Der Vater war kurz nach Martinas Geburt verstorben.

Mit 16 flog Martina aus der Wohnung in Zeven. Da war sie mit ihrem Freund Stefan schon zusammen. Die beiden zogen obdachlos durch die Straßen des Städtchens, schliefen im Park, träumten von großen Reisen und Abenteuern, nahmen Drogen, um die Kälte nachts zu ertragen. Ansonsten fühlten sie sich wie zwei Schafe im Pferch.

Es zog sie nach Hamburg, wo Martina bis heute lebt. Bis vor kurzem noch ohne festen Wohnsitz. Sie war noch nicht einmal volljährig, da ist die Straße ihr Lebensmittelpunkt. Martina und Stefan drehen krumme Dinger: Neben den Einbrüchen kaufen sie zum Beispiel fünf Laptops in einer Woche auf Raten und verkaufen sie danach, dazu Dutzende Handys. Sie eröffnen Konten und reizen sofort den Dispo aus. Sie fahren schwarz und „zocken“ Schulkinder ab. Irgendwann werden sie bei einem Einbruch erwischt. Stefan sitzt heute im Knast, weil er noch weitere Straftaten begangen hat. Auch Martina sollte eingesperrt werden, aber sie hat mit ihrem Pflichtverteidiger Berufung eingelegt.

Martina sieht ein bisschen aus wie eine Elfe mit ihren roten Haaren, den wasserblauen Augen und der hellen Haut. Sie weiß sich gut auszudrücken und redet völlig klar. Sie will ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen.

Geholfen wird ihr dabei von der „Off Road Kids Stiftung“, der einzigen Hilfsorganisation, die sich deutschlandweit und Bundesländer übergreifend um Straßenkinder kümmert. „Das Gute bei Martina ist, dass sie Ziele hat und vieles richtig will“, sagt Hannah Lewin, Sozialarbeiterin der Hamburger Streetwork-Station von „Off Road Kids“.

Lewin und ihre Kollegen suchen die jungen Menschen auf der Straße, sprechen sie an, bauen ein Vertrauensverhältnis auf. Im nächsten Schritt helfen sie ihnen, indem sie die Jugendlichen etwa bei Behördengängen begleiten und versuchen, sie schnellstmöglich aus der Obdachlosigkeit zu führen.

Staatliche Hilfe gab es dafür nie, aber immerhin das Bundesverdienstkreuz für Markus Seidel, den Gründer von „Off Road Kids“. Firmen entdecken ihr soziales Gewissen. Großsponsoren wie die Vodafone Stiftung oder die Deutsche Bahn helfen mit, dass die Stationen der Straßenarbeiter am Leben gehalten werden. Mitarbeiter kosten Geld – und sei es die Hilfe mit einer Bahncard.

Das kommt jungen Menschen wie Martina zugute. Sie hat jetzt wieder eine Wohnung, wenn auch nur provisorisch. Sie geht wieder zur Schule und will den Realschulabschluss schaffen, danach vielleicht Erzieherin oder Frisörin werden. Sie hat jetzt wieder Ziele. Das Schlimmste hat sie vielleicht schon hinter sich.

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Quelle: kreiszeitung.de

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