Die Lüneburger Heide ist ein Ergebnis bäuerlicher Kultur / Artenarmut schafft Nischen

In der Natur des Menschen

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Besucher der blühenden Lüneburger Heide nutzen bei schönstem Wetter die Wanderwege. Die Kulturlandschaft Lüneburger Heide

BISPINGEN - von Michael Krüger · Man stellt sich das ja so vor: Weite Landschaften, viele Schafe, die hier Heidschnucken genannt werden, Touristen mit Rucksäcken und Brotbeuteln, Cafés in alten Bauernhäusern und Einsamkeit. Und dann kommt der Besucher in die Lüneburger Heide, und er sieht genau das. Nur etwas hügeliger als vermutet ist es. Die Postkarten-Idylle ist hier Wirklichkeit.

„Die Zeit verhält sich anders hier“, sagt Julia Hallmann. Dabei lenkt die 29-Jährige ihren Einsatz-Bulli über für Fahrzeuge gesperrte Sandwege, winkt einem Kutscher nach dem anderen zu und wehrt sich gar nicht dagegen, dass dann am Rand des Weges in Undeloh oder Wilsede doch alles ausschaut wie in einem Museumsdorf. „Nur mit echten Menschen“, schmunzelt die Mitarbeiterin des Vereins Naturschutzpark, der hier in der Heide irgendwie alles ist: Museumswärter, Naturerhalter, Fremdenführer, Ökobauer, Tierschützer. Die Zeit steht still in der Lüneburger Heide, zumindest dort, wo es sie noch gibt.

Julia Hallmann

Um das Jahr 1800 herum waren weite Teile Niedersachsens von Heidelandschaften überzogen, seit der Jungsteinzeit vor 5 000 Jahren sind die kargen Flächen durch Überweidung entstanden. Wälder wichen einer Kulturlandschaft auf unfruchtbaren Sandböden: Die wenigen Nährstoffe für den Anbau des Getreides mussten die Bauern durch das wiederholte Abtragen (Plaggen) der Böden und die Vermischung mit Schaf-Kot konzentrieren. Nur die Besenheide blieb. Als die Moderne jedoch die bäuerliche Heidewirtschaft unrentabel machte, kehrte der Wald zurück. Der Staat forstete auf, die von den Schnucken kurz gehaltene Heide wucherte zu. Die Heidelandschaft schien verloren – bis sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem in München gegründeten Verein Naturschutzpark (VNP) der Gedanke an Heimatschutz etablierte. „Die Heide braucht menschlichen Einfluss“, sagt die Umweltwissenschaftlerin Hallmann. Der Verein kaufte große Heideflächen, förderte den Schutz der Heide, investierte viel Geld. 1 130 Quadratkilometer umfasst der Naturpark Lüneburger Heide heute, 234 davon stehen unter Naturschutz, 90 sind im Besitz des Vereins: das Kerngebiet der Heide – und das, was sich die Menschen darunter vorstellen.

„Die Lüneburger Heide ist eine der eindrucksvollsten Landschaften Niedersachsens,“, sagt Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP). „Eine der ältesten Kulturlandschaften, die von Menschenhand geschaffen worden ist.“ Was heute als Lüneburger Heide gilt, ist die größte Heidefläche Mitteleuropas. Erhalten wird sie durch Pflege und Panzer: Die weitläufigsten Heideflächen finden sich auf den Truppenübungsplätzen bei Munster und Bad Fallingbostel. Es geht aber auch auf klassische Weise mit Schnucken und Traktoren: Der VNP lässt sechs der noch acht Schnuckenherden in der Heide aufkommende Gehölze, Gräser und nicht zuletzt das Heidekraut selbst niedrig beißen. Dazu werden Maschinen und manchmal Feuer zur Rodung eingesetzt: Nur so lässt sich das Kulturland erhalten. Hallmann: „Der Boden muss schlecht sein, damit die Heide wächst.“

Die Artenarmut der Region hat über die Jahrhunderte aber auch zu spezialisierter Flora und Fauna geführt. „Ein Raum für seltene Tiere und Pflanzen sowie Naturerlebnisse“, sagt Sander. 200 der fast ausgestorbenen Birkhühner leben in der Heide, verschiedene Pflanzen wie die Moorlilie oder derLungenenzian haben sich Nischen gesucht.

Die Landschaft ist mehr als nur Heide, es gibt große Wälder, Moore und geradezu schwindelerregende Höhenzüge: Der Wilseder Berg ist mit 169 Metern die höchste Erhebung des norddeutschen Tieflands. Der Hügel, den Mathematiker Carl Friedrich Gauß einst um 1820 bei seiner Vermessung des Königreichs Hannover als Maßstab nahm, gilt als Mittelpunkt der Lüneburger Heide – auch wenn nie jemand abschließend festgelegt hat, wo das Gebiet nun wirklich endet. Platt ist in der Lüneburger Heide nur die Sprache der Einheimischen, die sich auch auf den zweisprachigen Ortsschildern wiederfindet. Der Rest ist eiszeitlich geprägte Hügellandschaft.

Vier Millionen Besucher jährlich und ein Verein, der sich dem Naturschutz verbunden fühlt: Passt das zusammen? In der Lüneburger Heide passt es. Denn die Natürlichkeit ist eine von Menschen gemachte. Hallmann: „Wir schaffen Lebensraum.“

Einfallstor in die Region

BISPINGEN (mk) Was sich der Besucher unter dem Landschaftsbild der Lüneburger Heide heute vorstellt, findet sich vor allem im Gebiet der Flächen des Vereins Naturschutzpark (VNP). Rund 50 Quadratkilometer Heideflächen bewirtschaftet der Verein und übernimmt damit staatliche Aufgaben im Naturschutzgebiet. Der 1909 gegründete Verein hatte dem US-Vorbild Yellowstone-Nationalpark folgend das Ziel, typische Landschaften in Deutschland zu erhalten. Der VNP und seine 2002 gegründete Stiftung sorgen seitdem für die Pflege, den Schutz und den Erhalt des Naturschutzgebietes Lüneburger Heide und des (österreichischen) Nationalparks Hohe Tauern. 3 500 Mitglieder zählt der Verein heute, 1913 waren es mehr als 13 000. „Der VNP ist für das Land Niedersachsen einer der wichtigsten Partner im Bereich des Natur- und Landschaftsschutzes“, sagt Umweltminister Sander. Jährlich wird der Verein vom Land mit 392 000 unterstützt, darüber hinaus erhält er EU-Fördermittel für bislang sieben Projekte. In einer alten VNP-Herberge für Wanderer wurde 2009 das Heide-Erlebniszentrum Undeloh eröffnet. Das Millionen-Projekt gilt als neues Aushängeschild für den Heide-Tourismus. Die erlebnisorientierte Bildungseinrichtung zeigt mit moderner Ausstellungstechnik die Entstehung, Geschichte und Gegenwart der Heide. „Das Haus ist das Einfallstor zu den bekannten Zielen der Region“, so der Umweltminister. Vom Haus aus lassen sich zu Fuß oder per Kutsche Ziele wie der Wilseder Berg oder der Totengrund schnell erreichen. WWW. verein-naturschutzpark.de

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