Deutsche Ornithologen-Gesellschaft

Wegen Rassismus: Wissenschaftler geben über 1000 Vögeln neue Namen

Viele Vogelnamen basieren auf rassistischem Gedankengut, sie stammen teils aus Zeiten des Kolonialismus. Über 1000 Vogel-Arten wurden in Deutschland umgenannt. 

Radolfzell – Auf der deutschen Wikipedia-Internetseite findet man die „Pünktchenente“ noch immer unter ihrer veralteten Bezeichnung „Hottentottenente“. Es ist ein Zeugnis dessen, warum unter Vogelkundlern seit einigen Jahre eine Debatte entfacht ist. Viele möchten rassistisches Gedankengut, das etwa aus Zeiten des Kolonialismus oder des Zweiten Weltkrieges stammt, aus den Vogelnamen verbannen – auch in anderen Ländern. Alleine in Deutschland wurden bereits über 1000 Vögel umbenannt.

Wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Förderung der Vogelkunde:Deutsche Ornithologen-Gesellschaft e.V.
Gründungsdatum:1850
Mitgliederzahl:ca. 2.300
Sitz:Radolfzell

Rassistische Vogelnamen werden umbenannt: Aus „Hottentottenente“ wird die „Pünktchenente“

Die Sprache befindet sich im Wandel. Nicht zuletzt die kontrovers geführte Debatte über die Gender-Sprache, die in Hamburgs Behörden bereits ihre Anwendung findet*, offenbart den Willen nach einer diskriminierungsfreien Sprache. Die Konsequenzen der Sensibilisierung hält nun auch im Tierreich Einzug. Tausende von Vögel wurden weltweit bereits umbenannt – weitere folgen.

Die „Hottentottenente“ ist ein Beispiel, das diese Entwicklung untermauert. Die afrikanische Spezies aus der Gattung der Löffelenten heißt seit drei Jahren „Pünktchenente“. Auch wenn sie bei Wikipedia noch unter ihrem rassistischen Namen gelistet wird, darf auch sie sich über einen neuen Namen freuen. Frei vom rassistischen Gedankengut.

So geht der Begriff „Hottentotten“ zurück auf die Sprache niederländischer Kolonisten. Eine klar rassistische Abwertung, die auch noch Jahrhunderte später die Sprache beeinflussen sollte. Ähnlich wie die HVV, die kürzlich den umstrittenen Begriff des „Schwarzfahrens“ strich*, soll nun auch die Ente von jeglichem rassistischen Gedankengut befreit sein und niemanden mehr diskrimieren.

Zahlreiche Vogelnamen wurden in den letzten Jahren bereits umbenannt.

Deutsche Ornithologen-Gesellschaft: „Umbennungen sind an der Tagesordnung“

Die „Pünktenente“ ist keineswegs der einzige Vogel, dessen Name bis vor kurzem noch an rassistische Ressentiments erinnerte. Zahlreiche Vögel erhielten im 19. Jahrhundert zu Zeiten des Kolonialismus ihren Namen. Die „Schwarzsteppenlerche“ wies bis vor kurzem mit seinem Namen „Mohrenlerche“ auf den herabwürdigenden Ausdruck „Mohr“ hin, der eben aus dieser Zeit stammt und als Beleidigung für Menschen mit dunkler Hautfarbe genutzt wurde. Aus diesem Grund wird eine Umbenennung aller Mohrenapotheken in Deutschland schon längst gefordert – allerdings noch immer hitzig diskutiert.

Die weltweite Debatte hat weitreiichende Folgen: Ornithologen haben alle Hände voll zu tun. Dies weiß auch der Leiter der Kommission für die deutschen Vogelnamen bei der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. Man möchte „so wenig wie möglich an den eingebürgerten Namen europäischer Brutvögel drehen“, doch die Ableitung einiger Vogelnamen setze ihre Umbenennungen auf die „Tagesordnung“.

„American Ornithological Society“ befreit Vogel von rassistischen Namensgeber

Andere Länder ziehen am gleichen Strang. In Schweden nahmen Vogelkundler 2015 rund 10.000 Namen unter die Lupe. Die Folge: Zehn Spezies wurden umbenannt. So etwa der „Zigeunervogel“, „Weißbrust-Negerfink“ oder der „Kaffernsegler“, die fortan unter den Namen „Hoatzin“, „Weißbrust-Nigrita“ bzw. „Weißbürzelsegler“ geläufig sind. Auch in Norwegen und Dänemark entschied man sich für Umbenennungen, genauso wie in den USA und Großbritannien.

Dass Worte wie „Neger“ und „Zigeuner“ beleidigend sind und keinem korrekten Sprachgebrauch angehören, musste kürzlich Katja Burkhard, die für ihren Ausspruch „Zigeunerleben“ einen Shitstorm kassierte, schmerzlich erleben. Und auch für die Umbenennung des Dorfes Negernbötel wegen des N-Wortes im Namen machen sich Menschen stark.

In großer Kritik stand auch die „Weißkehl-Spornammer“. Dessen englischer Name, McCown‘s Longspur, leitet sich ab vom seinem weißen Entdecker John P. McCown. Er war Offizier, der unter anderem für den Erhalt der Sklaverei kämpfte. Die „American Ornithological Society“ strich den Namen aus den Lexika, „Thick-billed Longspur“ soll stattdessen das optische Merkmal seines dicken Schnabels in den Vordergrund rücken.

Noch viele weitere Vögel besitzen rassistische Namen

Deutsche Ornitologen sind weiterhin auf Spurensuche, um rassistische Namen und Bezeichnung zu verbannen. Es ist ein weiter Weg, der die Vogelkundler noch lange beschäftigten wird. Die vom Vogelkundler Günther Niemann 1937 eingeführten Odins- und Thorshühnchen sind etwa nach wie vor Bestandteil der Vögel-Namenslisten.

Niemann war von 1968 bis 1973 Präsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft – trotz SS-Vergangenheit und Stationierung im Konzentrationslager Auschwitz. Eben jenes KZ baute kürzlich ein Hamburger Teenager aus Lego nach, weshalb er nun Konsequenzen seitens des Verfassungsschutzs zu fürchten hat*. Günter Niemann benannte die Hühner nach germanischen Göttern, die sich während der NS-Zeit großer Beliebtheit erfreuten. Auch die nach diesen Gottheiten benannten Vögel werden wohl schon bald unter einem neuen Namen vorzufinden sein. *24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Jonas Walzberg/dpa

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