Nach Ameland sind Jugend-Betreuer sensibler

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Sexueller Missbrauch unter Jugendlichen bei einer Ferienfreizeit - die Vorfälle einer Osnabrücker Jugendgruppe auf der niederländischen Insel Ameland schockierten vor einem Jahr die Öffentlichkeit. Inzwischen ist viel geschehen, um solche Übergriffe zu verhindern.

Osnabrück. Sexueller Missbrauch unter Jugendlichen bei einer Ferienfreizeit - die Vorfälle einer Osnabrücker Jugendgruppe auf der niederländischen Insel Ameland schockierte vor einem Jahr die Öffentlichkeit. Inzwischen ist viel geschehen, um solche Übergriffe zu verhindern.

Es sollten unbeschwerte Sommerferien sein, aber für viele Jugendliche war die Freizeit des Stadtsportbundes Osnabrück auf der Insel Ameland der reinste Horror. Unter dem Gejohle ihrer Kameraden griffen sich stärkere Jugendliche schwächere Jungs, zogen ihnen Hose und Unterhose aus, sprühten Sonnencreme auf den Po und klemmten ihren Opfern Flaschenhälse und Handfegerstiele zwischen die Pobacken.

Schlagzeilen machten die Vorfälle vor rund einem Jahr, als die Jugendlichen wieder zu Hause waren und ihren Eltern darüber erzählten. Veranstalter und Betreuer solcher Freizeiten haben inzwischen daraus gelernt. „Ameland war seitdem immer wieder Thema auf Fachtagungen, wo sich Haupt- und Ehrenamtliche mit der Frage auseinandergesetzt haben, wie sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen zu verhindern ist“, sagt Björn Bertram, Referent für Jugendpolitik beim Landesjugendring Niedersachsen.

Auf Ameland ging einiges schief: Zu den Misshandlungen kam es immer dann, wenn die ehrenamtlichen Betreuer nicht in der Nähe waren. Aber ein paar Jungs hatten ihren Aufsichtspersonen erzählt, dass immer wieder einige von ihnen im Schlafsaal „gefistet“ würden. Leider kannte keiner der Betreuer dieses Vokabel - daher schritt niemand von ihnen ein. Der Landessportbund Niedersachsen beschäftigt sich schon seit 2009 mit dem Thema, wie mit sexueller Gewalt umgegangen werden soll. Es gehe darum, in der Sportorganisation schützende und informierende Hilfsstrukturen aufzubauen, sagt Sprecherin Katharina Kümpel. „Ameland ist da mitten reingekommen.“

Inzwischen bietet der Verband eine Clearingstelle - eine Art Sorgentelefon, die an zwei Tagen in der Woche besetzt ist. „Da kann jeder anrufen, egal ob Ehrenamtlicher, ob Betroffener, Erziehungsberechtigter.“ Unter der Nummer wird den Ratsuchenden eine fachliche Erstauskunft gegeben und wenn nötig, werde auch ein Kontakt zu Fachberatungsstellen hergestellt. Dass die Veranstalter von Ferienfreizeiten heute solche Beratungshotlines bereitstellen, sei eine der Konsequenzen aus Ameland, sagt Bertram. Vor allem müssen die Aufsichtspersonen damit rechnen, dass auch in ihrer Gruppe sexuelle Gewalt ein Thema sein kann. „Ein Großteil solcher Taten kommen im familiären Umfeld vor, und die Mitarbeiter müssen dafür sensibel sein“, sagt Bertram.

Die Betreuer müssen aber auch darauf vorbereitet sein, dass Gewalt innerhalb der Gruppen stattfindet. „Sexuelle Übergriffe kommen auch unter Kindern und Jugendlichen vor“, betont die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, Paula Honkanen-Schoberth. Jede Einrichtung sollte eine Ethik-Richtlinie erstellen. In dieser solle nicht nur Gewalt gegen Kinder geächtet werden, sondern auch für die Mitarbeiter klare Regeln vorgegeben werden, was zu tun sei, wenn sie doch mit Gewalt konfrontiert werden, fordert die Expertin. Außerdem sollten Eltern und Kinder grundsätzlich auch miteinander über Übergriffe, und was zu tun ist, reden. Der Landessportbund Niedersachsen hat inzwischen eine Verhaltensrichtlinie zur Prävention von sexualisierter Gewalt in der Kinder- und Jugendarbeit erlassen.

Dazu gehört auch eine Verpflichtungserklärung, die jeder unterschreiben muss, der auf eine Freizeit als Betreuer mitfahren will, erklärt der Vorsitzende des Stadtsportbundes Osnabrück, Wolfgang Wellmann. „Das finden wir sehr gut.“ Zusammen mit der Landesstelle Jugendschutz, dem Kinderschutzbund und dem Theaterpädagogischen Zentrum seien Informationsveranstaltungen für die Eltern zur Aufarbeitung der Fälle angeboten worden. Die Stadt Osnabrück verlange inzwischen verpflichtend von den Veranstaltern von Ferienfreizeiten, dass die Betreuer an einem vierstündigem Seminar zum Thema sexuelle Gewalt teilnehmen, wenn städtische Zuschüsse in Anspruch genommen werden.

Der Stadtsportbund hatte kurz nach Bekanntwerden der Fälle neue Ameland-Freizeiten abgesagt. Ob er jemals wieder solche Freizeiten anbieten werde, stehe noch nicht fest. Vier Jugendliche müssen sich noch wegen der Vorfälle vor der Jugendkammer des Landgerichts verantworten. Ob auch Betreuer vor Gericht müssen steht derzeit noch nicht fest. Das alles müsse erst geklärt sein. „Erst wenn das alles feststeht, kann ich die Entscheidung übernehmen, ob ich noch mal auf anderer Leute Kinder aufpasse“, sagt Wellmann.

Von Elmar Stephan, dpa

Quelle: kreiszeitung.de

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