Allensbach-Umfrage

Maulkorb für alle? Mehrheit der Deutschen hat Zweifel an Meinungsfreiheit

Einer Umfrage zufolge äußern sich immer weniger Menschen zu „heiklen“ Themen. Aus Angst vor Sanktion halten sie ihre Meinung scheinbar lieber zurück.

Allensbach – Laut einer aktuellen Umfrage des baden-württembergischen Allensbach Instituts sehen immer mehr Menschen ihre Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet. Verstärkt gaben Menschen an, sich in der Gesellschaft nicht mehr frei entfalten zu können. Die Meinungsforschung zeigt, dass das nicht immer so in Deutschland war. Doch woher kommt diese Entwicklung?

Bundesstaat:Deutschland
Hauptstadt:Berlin
Bevölkerung:83,02 Millionen (2019)
Fläche:357.582 Quadratkilometern

Aktuelle Umfrage: Nur noch 45 Prozent geben an, ihre Meinung in Deutschland frei äußern zu können

Der vermeintliche Kontrollverlust der Meinungsfreiheit, welcher sich der Allensbacher Umfrage zufolge gefühlt in Deutschland breit macht, resultiere aus gesellschaftlichen Entwicklungen, die Sprache genauso wie das Handeln des Individuums beeinflussen.

Seit 1953 fragt das baden-württembergische Institut folgende Frage: „Haben Sie das Gefühl, dass man heute in Deutschland in seiner politischen Meinung frei sein kann, oder ist es besser, vorsichtig zu sein?“ Bis vor wenigen Jahren waren sich Bürger noch einig.

Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer antworten, dass sie davon überzeugt seien, ihre Meinung in Deutschland ungehindert äußern zu können. Im Juni 2021 waren es dann allerdings nur noch 45 Prozent, die ihre freie Meinungsäußerung auch in der Gegenwart ungefährdet sehen. Die angestaute Wut darüber entlädt sich dann scheinbar in Demos wie kürzlich in Hamburg als Querdenker die ganze Stadt lahm legten*.

Angst vor „Cancel Culture“ wächst: Immer weniger Menschen äußern zu „heiklen Themen“ ihre Meinung.

Vor allem AfD-Anhänger sehen Meinungsfreiheit gefährdet

Die Umfrage skizziert dabei einen gewissen Trend, der sich scheinbar von der Parteizugehörigkeit ableiten lässt. Besonders betroffen von der angeblich eingeschränkten Meinungsfreiheit sehen sich AfD-Anhänger. Dementsprechend sind 62 Prozent von ihnen der Ansicht, dass sie mit ihrer Meinungen auf Granit beißen würden. Dass auch AfD-Spitzenpolitiker dieser Verdacht umtreibt, bezeugen auch Auftritte von AfD-Politikern wie Alice Weidel, die etwa bei Markus Lanz für Zoff sorgen*.

Zur Überraschung von so manch einem Leser der Meinungsumfrage halten sich dieser zufolge neben FDP-Wählern allerdings auch Anhänger der Linken mit ihrer Meinung im öffentlichen Diskurs zurück. Am wenigsten Kontrollverlust verspüren nach der Allensbacher Meinungsforschung dagegen Grünen-Wähler, die in Baerbock Deutschlands neue Kanzlerin sehen*.

„Heikle Themen“ wie Religion, Patriotismus oder Gleichberechtigung der Frauen als Tabu-Thema

Doch was lässt die Umfrage-Teilnehmer an ihrer Meinungsfreiheit zweifeln? Schließlich gilt in Deutschland doch die Meinungsfreiheit als eines der wichtigsten Maxime. Doch gerade bei „heiklen Themen“ zeigt sich die Vorsicht bei so manch einem Bürger. Im Vergleich zu Umfragen aus dem Jahre 1996 ging das Interesse drastisch zurück, sich zu Themen wie Patriotismus oder Gleichberechtigung der Frauen zu äußern. Auch religiöse Debatten, die zuletzt etwa das neue Gesetz des Kopftuchverbotes, welches Religion und Rechtsextremismus vergleicht*, hervorgebracht hatten, zählen zu eben jenem kritischen Themenfeldern.

Zurückhaltung ja – Änderungen der Sprachgewohnheiten aber nicht

Gerade aus Angst vor der „Cancel Culure“, die öffentlich nicht vertretbare Aussagen radikal abstraft, halten sich also offenbar viele Menschen immer mehr zurück. Doch wie sieht es mit einer Änderung oder Anpassung ihrer Sprachgewohnheiten aus? Da fürchten sich die Befragten dann doch wohl nicht vor „Sanktionen“: Ein aktuelles Beispiel betrifft das Gendern, das jetzt in Hamburgs Behörden fortan verwendet werden soll. Nur 19 Prozent gaben an, sich an neue sprachlichen Regeln gewöhnen zu wollen, um in der alltäglichen Kommunikation Diskriminierung und Beleidigungen gegen andere zu vermeiden. Darunter fällt auch die kontrovers-betrachtete Gender-Sprache mit Sternchen oder Doppelpunkt.

Dazu teilte eine Mehrheit der Befragten mit: „Ich weigere mich mit Absicht, meine Ausdrucksweise anzupassen und mich politisch korrekt auszudrücken, weil es mich nervt, wenn andere versuchen, mir ihre Sprachregelungen aufzudrängen.“ Das zumindest gaben 55 Prozent der Umfrage-Teilnehmer an. *24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © IMAGO / U. J. Alexander

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