„Was keine App hat, gibt es gar nicht“

Pfleglinge ohne Ende: Nabu kritisiert eklatantes Unwissen über Tiere

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Nabu warnt vor falsch verstandener Tierliebe - weil immer mehr Pflegetiere zu Unrecht bei Tierschützern abgegeben werden.

Immer öfter werden hilflose Tiere beim Naturschutzbund Nabu abgegeben. Viele der Tiere seien aber gar nicht hilfsbedürftig, sondern wirkten nur so. Die Menschen müssten laut des Nabu wieder lernen, was Tiere ausmache - zum Beispiel im eigenen, naturnah hergerichteten Garten.

Leiferde - Zu viele aus überzogener Fürsorge eingesammelte Wildtiere sind unter anderem Grund dafür, dass der Naturschutzbund Nabu an seine Leistungsgrenzen stößt. Das Nabu-Artenschutzzentrum in Leiferde (Kreis Gifhorn) werde wie seine Außenstellen und die Ortsgruppen geradezu geflutet, sagte ein Sprecher am Donnerstag in Leiferde. Oft sei das die Folge falsch verstandener Tierliebe. So würden Igel bereits im Hochsommer wegen eines vermuteten Wintereinbruchs gebracht, hieß es. Vor allem die Zahl der abgegebenen Vögel sei gewaltig.

„Wegen des Nahrungsmangels angesichts des Insektensterbens gab es viele echte Notfälle, die bei uns eingeliefert wurden“, sagte die Leiterin des Zentrums, Bärbel Rogoschik, der Deutschen Presse-Agentur. „Diese Entwicklung ist absolut alarmierend“. Doch das sei nicht einzige Problem. „Gebracht werden auch immer mehr scheinbare Notfälle, die unsere Hilfe gar nicht brauchen“, erklärte die Biologin. So würden verlassen geglaubte Jungvögel mitunter sogar aus dem Nest genommen. „Auch halbflügge Junge werden mit Keschern eingefangen und gebracht.“

Naturentfremdung als häufiger Auslöser

„Wesentlicher Auslöser für solche Situationen ist die zunehmende Naturentfremdung“, sagte Rüdiger Wohlers vom NABU-Landesverband. „In der Regel handeln die Menschen in dem Willen, etwas Gutes tun zu wollen - das sich dann mangels einfachsten Wissens oft ins Gegenteil umkehrt.“ Frösche seien in den Kühlschrank gelegt worden, damit sie nicht im Modder überwintern müssen. Marienkäfer seien im Herbst aus dem Garten gesammelt und in einem Kissenbezug zum Aufwärmen ans Fußende gelegt worden.

Wirklich hilfsbedürftige Tiere kommen womöglich zu kurz, weil insgesamt zu viele Tiere eingesammelt werden.

„Die Schere zwischen einem echten Notfall und falsch verstandener Tierliebe wird immer größer“, meinte Rogoschik. „Viele kennen die Wildtiere in ihrer Umgebung nicht mehr. Was keine App hat, das gibt es gar nicht.“ Die Menschen hätten sich von der Natur immer mehr entfernt. „Gerade Kinder sollten vom Computer weg, das ist nicht die Realität, die sie da sehen.“

„Wieder lernen, was es für Tiere gibt“

„Wir möchten jetzt schon warnen, damit keine Notfälle geschaffen werden, die gar keine sind“, sagte Rogoschik. „Wir müssen uns ausreichend um die echten Sorgenkinder kümmern.“ So würden junge Feldhasen und Rehkitze von ihren Müttern abgelegt und bräuchten keine Hilfe vom Menschen. „Die Menschen müssen wieder lernen, was es bei uns für Tiere gibt und wie sie sich verhalten.“ Ein Gang durch die Natur könne da helfen. „Auch zu Hause kann man etwas tun“, sagte Rogoschik. Es gebe 17 Millionen Gärten in Deutschland. „Wenn man die naturnäher einrichten würde, wären wir einen großen Schritt weiter.“

Wildtiere dürften laut Bundesnaturschutzgesetz nur dann vorübergehend aufgenommen werden, wenn sie verletzt, krank oder tatsächlich hilflos sind, hieß es. Außerdem seien manche Tiere in Stresssituationen ausgesprochen wehrhaft, auch wenn sie verletzt sind.

Zahl der Pfleglinge so hoch wie nie

Das Zentrum in Leiferde hatte nach Angaben des Nabu im vergangenen Jahr seine Kapazitätsgrenze überschritten. Sollte es wieder ein so extremes Jahr werden, könne die Einrichtung nicht mehr so viele Pfleglinge aufnehmen, hieß es schon im Februar bei der Vorstellung der Bilanz für das vergangene Jahr. Die Zahl der zu pflegenden Tiere war erstmals in der 39-jährigen Geschichte des Zentrums auf mehr als 3000 gestiegen, gut 650 mehr als im Jahr zuvor. Die Einrichtung im Landkreis Gifhorn pflegt heimische Wildtiere gesund. Zudem werden exotische Fundtiere aus artenschutzrechtlichen Gründen aufgenommen.

dpa

Quelle: kreiszeitung.de

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