„Wir haben uns auch einige Male verrannt“

Ulrich, Petra und Oliver Jahr im Gerichtssaal.

Stade - Von Michael Krüger - 19 Jahre lang erzählte Ulrich Jahr jedem seine tragische Geschichte, auch als niemand mehr fragte. Damit trieb er die Polizei an, damit sensibilisierte er die Öffentlichkeit, damit eckte er aber auch immer wieder an. Manchmal ging er auch zu weit.

Jahrs Version der Nacht, in der sein damals 13-jähriger Sohn Stefan aus dem Internat der Eichenschule in Scheeßel (Kreis Rotenburg ) verschwand, ist eine andere als die der Polizei und des Gerichts. Es ist vor allem eine andere als die, die N. gestanden hat. Das Gericht glaubt an den Ablauf der Taten, so wie N. sie geschildert hat in seinem Geständnis. „Hinweise auf andere Tatabläufe gibt es nicht“, sagt Richter Berend Appelkamp im Urteil. Es existieren keine gerichtlich verwertbaren Spuren.

„Möglicherweise gibt es noch mehr dunkle Seiten“, gesteht allerdings auch Gutachter Norbert Nedopil ein. Doch die seien nicht nachweisbar. Für den 68-jährigen Jahr reicht das nicht: „Es ging dem Mörder darum, in den Besitz der Leichen zu kommen.“ Auch die Staatsanwaltschaft sagt, es gebe ein „bisschen viel Zufälle“ in der Schilderung des Täters. Ist N. am Abend des 30. März 1992 wirklich planlos durch die Gegend gefahren, hat dann am Internat, das er von einem Seminar kannte, gehalten, ist zufällig in Stefans Zimmer gelandet, hat ihn hinausgetragen, angefasst und dann aus Angst vor Entdeckung erwürgt? „Stefan wäre niemals freiwillig mit einem Fremden mitgegangen“, beteuert Jahr noch heute. Seine Version, die er mit Detektiven ermitteln ließ, anhand von DNA-Spuren beweisen wollte: Stefan wurde im Internat getötet, später dann geholt. Der Täter, Martin N., sei nekrophil: „Er hat sich an den Leichen der Jungen vergangen.“

Nur wenige Wochen nach dem Mord im Jahr 1991 verteilte Jahr auf dem Schulhof der Eichenschule Flugblätter. Darin beschuldigte er einen Lehrer und den Schulleiter, an dem Mord beteiligt gewesen zu sein. Rektor Karsten Müller-Scheeßel zog gegen Jahr vor Gericht, 6000 Euro Strafgeld für die SOS-Kinderdörfer kosteten Jahr 1997 die falschen Anschuldigungen. „Das waren abenteuerliche Verdächtigungen“, sagt Müller-Scheeßel heute. „Hoffentlich kommt er jetzt zur Ruhe.“

Die Suche nach den Opfern

Die Suche nach den Opfern

Selbst Stefans Mutter Petra Jahr gesteht ein: „Wir haben uns auch einige Male verrannt.“ Mit der Arbeit der Polizei sei man halt nie zufrieden gewesen – und habe das bei der Sonderkommission in Verden auch klar geäußert. „Vielleicht hätten sie uns sonst schon 1996 geglaubt“, so das bittere Fazit von Petra Jahr. Damals hatte Ulrich Jahr mit Johannes Giebeler, dem Anwalt von Dennis Rostels Vater Michael, Zusammenhänge zwischen den Morden an den beiden Jungen hergestellt. Doch die Warnung sei nicht erhört worden – und fünf Jahre später starb mit Dennis Klein der dritte Junge durch die Hand des „Maskenmanns“.

Ulrich Jahr, der mit Frau Petra und Stefans jüngerem Bruder Oliver in der Nähe von Hamburg lebt, bleibt im Prozess vor dem Landgericht Stade weiter wortgewaltig. „Auch mit 80 kann er noch ein Kind töten“, lässt er nach dem Plädoyer seiner Anwältin in Richtung des Angeklagten verlauten. Er hoffe, „die Kreatur“ sterbe in Haft. Dass N. auch Nickie Verstappen und Jonathan Coulom tötete -– „dafür spricht einiges“. Die Reue, die N. vor Gericht gezeigt habe, nimmt die Familie Jahr N. nicht ab. „Ich glaube nicht, dass solche Leute zu therapieren sind“, meint Petra Jahr. Stefans acht Jahre jüngerer Bruder Oliver klingt milder gestimmt: „Ich hoffe, jetzt Frieden zu finden.“ Er könne aber weiter nicht verstehen, warum er als Einzelkind aufwachsen musste.

Ab sofort erzählt Ulrich Jahr aber erst einmal gar nichts mehr. Er hat die Geschichte von sich, seiner Familie und seinem Sohn, der 1992 das erste Mordopfer des „Maskenmanns“ wurde, verkauft: exklusiv an einen Privatsender. Dort wird er in diesen Tagen berichten und sich weiter nicht zufrieden geben mit dem, was vor Gericht herauskam. Denn seine Geschichte über Stefans Tod bleibt eine andere – auch wenn der Täter nun im Gefängnis sitzt. Ulrich, Petra und Oliver Jahr im Gerichtssaal.

Quelle: kreiszeitung.de

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