Unfähig, Mitleid zu empfinden

Stade - Die größte Angst des „Maskenmanns“ war es, seine Tarnung zu verlieren. Martin N. wollte nicht, dass seine Mutter erfuhr, was ihr „Nickchen“ für ein Mensch ist. Doch am 14. April 2011 „musste es einfach raus“.

Der Festgenommene offenbarte sich. Sein Kartenhaus stürzte zusammen. Der gebürtige Bremer Martin N., 41 Jahre alt, Pädagoge, aufgewachsen in sozial schwachen Verhältnissen, wurde identifiziert: als der Schreck aller Eltern und Kinder, der über wenigstens ein Jahrzehnt in Häuser, Zeltlager und Wohnheime eindrang, Jungen missbrauchte, in drei Fällen sogar tötete.

Mit 21 Jahren mordet Martin N. das erste Mal. Vier Jahre später vertrauen die Behörden in Bremen dem jungen Lehramtsstudenten ein Pflegekind an. Es ist zwölf Jahre alt, lebt vier Jahre lang mit dem unauffälligen Mann, der sich beim Amt für Soziale Dienste auch in der außerschulischen Betreuung engagiert. Hinweise auf Missbrauch gibt es offiziell nicht. Aber N. hatte bereits wieder gemordet: 1995 den achtjährigen Dennis Rostel.

Das Doppelleben funktioniert

Als Referendar scheitert er, bricht die Ausbildung ab. Er findet keinen Draht zu den Schülern, heißt es. Familie und Freunde erfahren nichts davon – ihnen verschweigt er seine Probleme. Das Doppelleben des Martin N., die „Tag- und Nachtseite“, die ihm Gutachter Norbert Nedopil im Prozess attestieren wird, sein „schizoides Wesen“ zwischen sozialer Arbeit, verdrängten Neigungen und nächtlichen Streifzügen auf der Suche nach Opfern, nach kleinen Jungen, die er anfassen kann, hat sich längst voll entfaltet. Und es funktioniert: Seine Mutter erfährt nichts, die Behörden lassen N. auch nach ersten strafrechtlich relevanten Missbrauchs-Vorfällen und einer Verurteilung wegen Erpressung weiter mit Kindern arbeiten. Im Jahr 2001 tötet N. ein drittes Mal, Dennis Klein aus Osterholz-Scharmbeck. Zur gleichen Zeit ist der damals 31-Jährige Gründungsmitglied des Pädophilennetwerks „Jungsforum“, schreibt fortan unter dem Namen „GerdX“ „menschenverachtendes und zynisches Zeug“, wie es das Gericht ausdrückt: Phan-tasien jenseits der Geschmacksgrenze. „Sein Leben galt der Kompensation seiner Defizite“, sagt sein Anwalt. Was die „Nachtseite“ des Martin N. ausmacht, wird im Prozess deutlich: Gutachter Nedopil bezeichnet N. als selbstbezogenen Menschen, unfähig, Mitgefühl zu empfinden. Er lebt seine Lust aus, tötet, um nicht entdeckt zu werden. Anschließend verdrängt er das Geschehene und kehrt in seinen Alltag als Pädagoge zurück. Die Egozentrik des Täters wird klar, als N. vor Gericht ein einziges Mal selbst spricht: Er hoffe nicht auf Vergebung, möchte aber eine Therapie. Die Gleichgültigkeit gegenüber anderen müsste er dann aufgeben. mk

Bilder zum Maskenmann

Der "Maskenmann" vor Gericht

Quelle: kreiszeitung.de

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