"Er ist der Täter"

Das Grab von Dennis Klein. Das Bild des Jungen mit seinem geliebten Pokémon-Kuscheltier ging um die Welt.

Stade - Von Michael Krüger - "Heute erscheint vielleicht vieles klarer, als es in all den Jahren war." Jürgen Menzel will nichts beschönigen. Aber der Sprecher der "Soko Dennis" widerspricht dem Vorwurf, man habe den Täter zu sät geschnappt. Denn jetzt sitzt er vor Gericht. Zehn Jahre nach dem Tod von Dennis Klein wird sich Martin N. vor dem Landgericht Stade verantworten müssen. Drei Morde und 40 Missbräuche an Kindern hat er bei der Polizei gestanden.

Die Ermittler haben das Puzzle zusammengesetzt. Sie haben über Jahre Zusammenhänge hergestellt, Indizien gesammelt, Spuren verfolgt. Bis dann nach zehn Jahren, in denen 9000 Hinweise eingingen und sich 80 Meter Aktenbestände gesammelt hatten, der entscheidende Tipp kam. Vielleicht, weil die Ermittler nie müde wurden, die Öffentlichkeit einzubeziehen. Vielleicht aber auch, weil die Öffentlichkeit nie Ruhe gab und nach Ergebnissen verlangte.

Martin N. soll im Jahr 2001 den neunjährigen Dennis Klein ermordet haben.

Am 13. April wird der Pädagoge Martin N. in Hamburg festgenommen. Der 40-jährige gebürtige Bremer lebt zu diesem Zeitpunkt in Hamburg Wilstorf. Ein früheres Missbrauchsopfer hat sich nach einem erneuten Fahndungsaufruf bei der Polizei gemeldet. Ihn habe vor Jahren ein Betreuer auf einer Ferienfreizeit ausgefragt, wie sein Zuhause aussehe. Kurz darauf stand nachts ein großer „schwarzer Mann“ neben seinem Bett. Der Zeuge weiß sogar noch den Namen des früheren Betreuers: Martin. Den Nachnamen finden die Ermittler schnell heraus. „So zog sich die Schlinge immer weiter zu“, sagt Staatsanwalt Kai Thomas Breas. „Zielstrebigkeit und Geduld zahlen sich aus“, betont Menzel. Für drei Morde, 19 noch nicht verjährte Missbräuche und einen Fall sexueller Nötigung muss sich N. nun verantworten.

Der „nette Kerl“, den niemand in seiner Nachbarschaft groß beachtete, dieser intelligente Einzelgänger, der Betreuer und Lehrer in der Erwachsenenbildung, der mutmaßliche Kindermörder N. hat in seiner polizeilichen Befragung exklusives Täterwissen offenbart. Er passt in das äußere Erscheinungsbild, von dem die Opfer des „schwarzen Mannes“ gesprochen haben. Er weist deutliche Züge des Täterprofils auf, das Spezialisten der bayerischen Polizei erstellt haben. Menzel: „Das alles macht uns sicher, dass der Beschuldigte der Täter ist.“

Die „Soko Dennis“ hat nicht nur den Fall gelöst, sondern durch langjährige Aufklärungsarbeit und Prävention „offenbar auch weitere Taten in der Region verhindert“, sagt Sprecher Menzel. „Wir haben die uns zur Verfügung stehenden Mittel voll ausgeschöpft.“

Martin N. soll 1992 den 13-jährigen Stefan Jahr ermordet haben.

Und denoch.

Vielleicht hätte man die Spuren früher zusammenfassen können. Ulrich Jahr hat die Ermittler schon 1995 auf Zusammenhänge hingewiesen. Im März 1992 war sein 13-jähriger Sohn Stefan aus einem Internat in Scheeßel (Kreis Rotenburg) entführt worden. Er wurde fünf Wochen später erwürgt und verscharrt in den Verdener Dünen gefunden. Drei Jahre später, im Juli 1995, verschwand der achtjährige Dennis Rostel aus einem Ferienzeltlager bei Schleswig, wurde 270 Kilometer entfernt in den Dünen bei Skive in Dänemark erwürgt und verscharrt in den Dünen gefunden. Ulrich Jahr nahm Kontakt auf zur Familie Rostel, sprach mit dem Vater des Jungen, dem wegen später widerlegter Missbrauchs- Vorwürfe vom Jugendamt der Sohn entzogen wurde. Dennis lebte in einem Jugendheim im nordrheinwestfälischen Lippstadt. Jahr entdeckte Parallelen bei den Morden: beide Kinder im ungefähr gleichen Alter, beide gefesselt, erwürgt, nackt, im Sand verscharrt. Heute weiß man: N. ging immer wieder nach dem selben Muster vor. Er kam im Schutze der Nacht, schlich sich in Kinderzimmer, Zeltlager oder Jugendherbergen. Dort vergriff er sich an den schlaftrunkenen Jungen, die noch nicht in der Pubertät waren. Mindestens drei entführte und tötete er. Im Jahr 2005 stellten die Ermittler trotz der Hinweise noch keine Zusammenhänge her. Dafür bedurfte es erst eines weiteren Mordes: Als Dennis Klein aus Osterholz-Scharmbeck (Kreis Osterholz) im September 2001 aus einem Schullandheim im Kreis Cuxhaven verschwindet und zwei Wochen später erwürgt bei Hepstedt im Kreis Rotenburg von Pilzsammlern gefunden wird, gründet die Polizei die Sonderkommission. Zu spät?

Noch mehr Morde?

Vielleicht war mit der Gründung der Sonderkommission auch noch gar nicht alles vorbei. Hat es nach 2001 wirklich keine neuen Verbrechen mehr gegeben? „Unsere Arbeit ist noch nicht abgeschlossen“, sagt auch Sprecher Menzel. Man sei dabei, ein möglichst lückenloses Bild der vergangenen 25 Jahre im Leben des Martin N. zu erstellen. Hinweise dazu dürfte der Computer des Angeklagten liefern. Gibt es noch weitere Taten, mehr Mitwisser? N. hatte Kontakte in entsprechenden Foren, die Ermittler versuchen nun, die komplizierte 128-Bit-Verschlüsselung des Rechners zu entschlüsseln. N. verweigert dabei seine Mithilfe. Möglicherweise finden sich in den Daten Hinweise auf den Tod von Nicky Verstappen und Jonathan Coulom. Die Umstände, wie der elfjährige Nicky 1998 aus einem Zeltlager im niederländischen Brunssum und der zehnjährige Jonathan 2004 aus einem Schullandheim in Westfrankreich verschwanden, wie sie getötet und gefunden wurden: deutliche Parallelen zu den drei anderen Morden. N. jedoch wiegelt bei diesen Taten ab. Bislang.

Der achtjährige Dennis Rostel soll von Martin N. ermordet worden sein.

Vielleicht hätte man N. einfach früher festnehmen müssen. „Eine gesicherte Täter-DNA gab es in all den Jahren nicht“, sagt Soko- Sprecher Menzel. Doch N. war in der „Pädophilen-Szene“ kein Unbekannter. Im Jahr 2007 wurde er bereits von der Soko vernommen. Der Pädagoge, der über Jahre in Bremen auch Pflegekinder betreute, war damals schon als norddeutscher Sexualstraftäter bekannt. Verschiedene Verfahren machten ihn aktenkundig: Im Jahr 2005 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs zweier Kinder (sechs und acht Jahre alt) angeklagt. Er soll sie in einer Hamburger Wohnung lange am Bauch gestreichelt haben. N. muss 1 800 Euro Bußgeld bezahlen. Im gleichen Jahr will er vom Berliner Sozialarbeiter Michael W. 20 000 Euro erpressen. Druckmittel: Kinderpornos. Die Geldübergabe scheitert, N. wird zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. W. wird schließlich zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil er in einem Jugendfreizeitheim Jungen missbraucht hatte. Im Zuge der Ermittlungen zu diesem Fall stellt die Hamburger Polizei zum ersten Mal einen Computer von N. sicher. Darauf zu finden : Bilder von Dennis Klein und Dennis Rostel. Zudem Fotos eines Jungen, den er in einem Keller missbraucht hatte. Und weitere Bilder von Jungen, die zum Teil bis zum Kopf im Sand eingebuddelt waren. Doch vieles wird von den Ermittlern übersehen, manches gar nicht gefunden. Als N. 2007 von der Soko befragt wird als einer von rund 1 000 Verdächtigen, lügt er erfolgreich. Einen DNA-Test verweigert er. „Seine Angaben konnten nicht widerlegt werden. Das können wir erst heute“, so Menzel. „Die Ansätze der Ermittlungen waren richtig, aber wir hatten ihn einfach nicht auf dem Zettel“, sagt Staatsanwalt Breas. Warum all das passierte, warum drei Kinder – oder mehr – sterben mussten, darauf erhoffen sich vor allem die Angehörigen, die als Nebenkläger im Prozess auftreten, Antworten. Liefern kann sie nur der Angeklagte. Seit dieser Woche liegt das Gutachten vor, dass die Schuldfähigkeit von N. beurteilt. Es wird während des Prozesses fortgeschrieben. Für die Anwälte der Familien steht außer Frage, dass N. genau wusste, was er tat: „Da war kein Zufall im Spiel!“, sagt Johannes Giebeler, der den Vater des getöteten Dennis Rostel vertritt. „Als er Dennis entführte, wusste er, dass er ihn nicht mehr zurückbringen kann.“ Es sei beim Urteil von drei Mal lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung auszugehen.

Frage nach dem Strafmaß vor Prozessbeginn die am meisten diskutierte. Dass er schuldig ist, zweifelt niemand an. Zwar halten sich die beiden Pflichtverteidiger bedeckt und blocken in diesen Tagen alle Presseanfragen ab, doch es wird erwartet, dass N. eine Erklärung verlesen lässt und damit sein Geständnis wiederholt. Zu drei Morden steht der 40-Jährige, zu den Motiven gibt es bislang wenig Erhellendes. „Er ist kein Pädophiler“, sagt Giebeler. Pädophile lieben Kinder. N. jedoch sei als „schwarzer Mann“ geradezu als Alptraum der Kinder aufgetreten. Da müsse viel Hass im Spiel gewesen sein – aber auch Berechnung. Viele Opfer von N. klagen heute darüber, dass sie nicht ernst genommen wurden.

Kinder wurden nicht ernst genommen

Lehrer, Betreuer und auch Eltern hätten die Geschichte der Kinder vom „schwarzen Mann“ als Spinnereien abgetan. Dabei stand N. tatsächlich nachts in deren Zimmer und missbrauchte sie. Das Schweigen schützte den Täter. Am Montag wird N. öffentlich mit seinen Taten konfrontiert. Vielleicht lässt er dann die Maske des berechnend coolen Täters fallen. Vielleicht offenbart er, was ihn getrieben hat. Ein weinerlicher Typ sei er, sagt Giebeler. Einer, der kaltblütig ein Kind umbringt, dann aber meckert, sich dabei verletzt zu haben. Das könnte der Lichtblick sein für alle, die auf Antworten hoffen : Dass auch im Kindermörder ein Rest Menschlichkeit steckt.

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