Für immer in Haft

Stade - Von Michael Krüger - Die Stimme des Vorsitzenden stockt. Richter Brerend Appelkamp schluckt, er räuspert sich, wirkt aufgewühlt.

„Sie sind und bleiben ein Mensch“, sagt er, blickt den Kindermörder an, hofft möglicherweise auf eine Regung des Verurteilten. Doch der schaut nur kurz auf, dann senkt Martin N. wieder den Blick. „Es ist sehr traurig“, sagt der Richter.

Die Maske von Martin N. fällt nicht. Auch nicht an diesem letzten, am 14. Verhandlungstag, der mit dem härtesten aller Urteile endet. Der 41-Jährige hockt da neben seinen Anwälten, ein großer Mann, zerbrochen an sich selbst. Zottelige Haare, ein wuchtiger Vollbart, die ewig fettige Jeansjacke und Hose, blauer Rollkragenpullover. Es hat sich seit Prozessbeginn am 10. Oktober wenig verändert. Als die Kameras ein letztes Mal klicken, hält sich der Pädagoge aus Bremen wieder einen blassroten Aktenordner vors Gesicht, will nicht erkannt werden. Doch das, was sich dahinter verbirgt, lässt ebenfalls nicht tief blicken.

Die Suche nach den Opfern

Die Suche nach den Opfern

Keine Regung, kaum mal ein Blick auf sein Umfeld, nur eine kurze Aussage in nüchternen Worten. Trotz des umfassenden Geständnisses bleibt vieles vage. Sind mit dem Urteil alle Fragen beantwortet? Nein: Es bleiben Zweifel.

Insbesondere deswegen, weil trotz der länger als ein Jahrzehnt andauernden Ermittlungen der Sonderkommission „Dennis“ der gesamte Prozess weitgehend auf den Aussagen von Martin N. beruht. Ohne sein Geständnis hätte er auch nicht verurteilt werden können. Vielleicht gab es mehr Taten, mehr Missbrauchsfälle. Vielleicht gab es auch mehr Morde: Die Umstände, wie der elfjährige Nicky Verstappen 1998 aus einem Zeltlager im niederländischen Brunssum und der zehnjährige Jonathan Coulom 2004 aus einem Schullandheim in Westfrankreich verschwanden, wie sie getötet und gefunden wurden: deutliche Parallelen zu den drei anderen Morden. N. jedoch streitet diese Taten ab. Bis heute. Und die Ermittler haben keine anderen Beweise. „Sie haben uns auch vieles verheimlicht“, sagt Richter Berend Appelkamp. Was genau, führt er nicht aus.

Der Maskenmann vor Gericht

Der "Maskenmann" vor Gericht

Aber die Nebenklage. Für die Opfer-Familien, die sich nach dem Urteil zwar erleichtert zeigen, wird es dennoch nicht leicht sein, mit der Ungewissheit weiter leben zu müssen. N. hat keine Details seiner Taten preisgegeben, verschweigt noch heute Kennwörter seiner Festplatten, lässt keine Rückfragen zu. Dass er sich an den Leichen vergangen hat, steht als Vorwurf im Raum. „Es gibt keine Hinweise für andere Tatabläufe“, sagt Richter Appelkamp in der Urteilsbegründung in Richtung der Eltern des getöteten Stefan Jahr und der Mutter von Dennis Klein, die das Urteil im Gerichtssaal verfolgen. „Anhaltspunkte für Nekrophilie gibt es nicht.“ Ihre Kinder mussten nur sterben, damit N. sein Doppelleben weiterführen konnte?

Richter Appelkamp scheitert, dem „Maskenmann“ so etwas wie Reue zu entlocken. Und doch gibt es einen Lichtblick an diesem Tag, selbst im Angesicht der widerlichen Verbrechen: Missbrauchsopfer Martin W., der mit seinem Hinweis die Soko nach jahrelangen Ermittlungen auf die richtige Spur und damit zu Martin N. führte, steht nach dem Urteil mit einem Grinsen im Nieselregen vor dem Gericht. „Ich bin erleichtert und froh“, sagt der 26-jährige Dachdecker aus Bremen, der stellvertretend für die vielen Opfer von Martin N. Wort ergreift. „Jetzt will ich meine Depressionen in den Griff bekommen“, sagt er. Und anders als bei der Prognose für den Täter glaubt er bei sich an ein gutes Ende: „Ich werde das schaffen.“

Das Urteil gegen „Maskenmann“ Martin N.

Lebenslange Haft ist die höchste Strafe, die in Deutschland verhängt werden kann. Daran ändert auch die Vielzahl der Taten im Fall Martin N. nichts: Drei Morde sowie zehn Missbrauchsfälle wurden im Urteil berücksichtigt. Auch zu Schmerzensgeldforderungen verurteilte ihn das Gericht: insgesamt zu 32500 Euro für Missbrauchsopfer und Opfer-Familien. Eine Aussetzung der Strafe auf Bewährung nach 15 Jahren – wie frühestens bei lebenslangen Strafen möglich – ist in diesem Fall ausgeschlossen. Durch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und eine mögliche anschließende, therapeutisch ausgerichtete Sicherungsverwahrung dürfte sich die Zeit hinter Gittern für N. auf mindestens 25 bis 30 Jahre erhöhen, so die Staatsanwaltschaft. Ein „Wegschließen für immer“, wie es auch die Opfer-Familien forderten, ist im deutschen Rechtssystem nur theoretisch möglich: Das Grundrecht auf Freiheit gilt auch für Verurteilte – wenn von ihnen keine Gefahr mehr ausgeht und psychiatrische Gutachter dies bestätigen. Martin N. vor Gericht. Er muss lebenslang in Haft.

Quelle: kreiszeitung.de

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