Antinatalismus

Mann verklagt seine Eltern: „Wir sind ohne unsere Zustimmung geboren worden“

Das Leben sei voller Leid. Aufgrund dessen setzt sich ein Mann aus Indien gegen die Fortpflanzung ein – und verklagt, weil er geboren wurde, seine Eltern.

Indien – Auf seiner Facebook-Seite spricht Raphael Samuel von einem Leben, das „voller Verpflichtungen, Krieg und Schmerzen“ sei. Der 27-jährige Philosoph aus Indien bekennt sich zu den Denkanstößen des sogenannten Antinatalismus. Die wesentliche Erkenntnis, die er über die sozialen Medien verbreitet: „Wir sind ohne unsere Zustimmung geboren worden“. Kinder in die Welt zu setzen sei „unverantwortlich“. Aus diesem Grund forderte er Schadensersatz – von seinen eigenen Eltern. Die Ansichten des 27-jährigen Philosophen treffen im Internet auf viel Zuspruch. Was würde der Gerichtssaal zu der skurrilen Anklageschrift sagen?

Land:Indien
Hauptstadt:Neu-Delhi
Bevölkerung: 1,366 Milliarden (2019)1,366 Milliarden (2019)
Währung:Indische Rupie

„Kein Ungeborener würde es verlangen“: Antinatalismus spricht sich gegen die Fortpflanzung aus

Die Eltern kümmern sich aufopferungsvoll um ihre Kinder. Jahre später müssen sie sich zum Dank dann den Wunsch anhören, nie geboren worden zu sein? So manche Menschen machten diese depressiv-anmutende Forderung zu ihrer Grundhaltung und erschufen daraus eine ganze Philosophie: den sogenannten Antinatalismus. Eine Philosophie, die sich gegen die Fortpflanzung ausspricht.

Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahre 2019 befinden sich rund 23,7 Millionen Personen in einer Partnerschaft ohne Kinder. Wie buzzfeed.de berichtete, gibt es viele Gründe, warum manche Frauen keine Kinder kriegen möchten*. Zuletzt gaben einige etwa an, aufgrund der Klimakrise bewusst auf den Nachwuchs verzichten zu wollen*.

Umweltprobleme, aber auch andere Themen wie Überbevölkerung oder das vermeintliche Leid des menschlichen Lebens sind auch für bekennende Antinatalisten Gründe, die ihre Ansichten legitimieren sollen. „Ich betrachte das Leben des Menschen als etwas in seiner Gesamtheit Unschönes, als ein Unglück. Kein Ungeborener würde es verlangen“, heißt es etwa in der Schrift „Neo-Nihilismus“, die Anfang des 20. Jahrhundert den sogenannten modernen Antinatalismus einleitete. Ähnliche Meinung vertritt auch Raphael Samuel. Ein indischer Philosoph, der im Internet längst für Aufsehen sorgte.

27-jähriger Philosoph Raphael Samuel klagt seine Eltern an: Geburt verletzte seine Rechte

Der 27-Jährige gilt als einer der bekanntesten Antinatalismus-Vertreter unserer Zeit. Im Internet nennt er sich „NihilAnand“. Sein Markenzeichen: aufgeklebter Bart und Sonnenbrille. Seine Denkweise brachten bereits viele Facebook-Likes und Schlagzeilen hervor. Samuels Philosophien erhitzen dabei stets die Gemüter. Unter seinen YouTube-Videos treffen Kommentare, die den 27-Jähren bestärken, auf vehemente Ablehnung.

Antinatalismus: Immer mehr Menschen sind damit unzufrieden, dass sie geboren wurden.

Um zu zeigen, wie ernst ihm seine Überzeugungen sind, verklagte er im Februar 2019 sogar seine eigenen Eltern. Er habe nicht „die Wahl“ gehabt, ob er gerne auf dieser Welt sei. Und ohnehin hätten Eltern mit der Geburt die Rechte der Kinder verletzt. Jeder Mensch hätte nämlich genauso ein Recht auf eine Nicht-Existenz.

Verpflichtungen gegenüber Eltern hätten Kinder ihm zufolge nicht. Für die Rente, die Arbeitgeber-Chef Rainer Dulger ab 68 Jahren fordert*, stünden Kinder demnach erst Recht nicht in der Verantwortung. Doch: „Kindern steht Geld zu, damit sie sich einen gewissen Lebensstandard ermöglichen können“, schreibt der 27-Jährige auf Facebook. Die Höhe des Schadensersatzes, den er von seinen Eltern forderte, beläuft sich auf nur eine indische Rupie. Ein symbolischer Wert.

Antinatalismus: Sohn klagt Eltern an, weil er geboren wurde – Mutter zeigt Verständnis

Wie reagieren die Eltern auf die Anklage des eigenen Sohnes? Ganz zur Überraschung brachte vor allem seine Mutter viel Wertschätzung und Verständnis für die Gedanken ihres Sohnes auf. Sie unterstützte ihn sogar bei der Anklage. „Meine Mutter wünscht sich, dass sie mich getroffen hätte, bevor ich geboren wurde. Dann hätte sie mich nicht bekommen“, ist sich Samuel sicher.

Weiter heißt es auf Facebook: „Damals hat sie nicht verstanden, dass sie die Wahl hatte, ein Kind zu bekommen oder nicht.“ Jetzt aber schon – ganz im Gegensatz zu den Richtern. Der Weg in den Gerichtssaal blieb dem 27-Jährigen nämlich verwehrt. Unterstützer seiner Ansichten gibt es dennoch reichlich. Auf der Social-Media-Plattform „Reddit“ zählt die Antinatalisten-Bewegung bereits über 45.000 Follower. *24hamburg.de, fr.de und buzzfeed.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Reddit

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