Ein Motiv nennt das Gericht nicht

Schlichter mutiert zum Gewalttäter

+
Cihan A. trat zu und wird nun vom Landgericht Verden wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fünf Jahren und neun Monaten Jugendstrafe verurteilt. 

Verden / Kirchweyhe - Von Felix Gutschmidt. Cihan A. vergräbt sein Gesicht in den Händen. Soeben hat der 21-Jährige erfahren, dass er die nächsten fünf Jahre hinter Gittern verbringen wird. Als er den Kopf wieder hebt, sind seine Augen rot unterlaufen.

Lesen Sie auch: 
Der Weg zum Richterspruch

Ein Motiv nennt das Gericht nicht: Schlichter mutiert zum Gewalttäter

Verteidigung geht in Revision

In diesem Moment wird das Innenleben des jungen Mannes sichtbar, das er während des gesamten Prozesses sorgsam verborgen hatte. Trotz dieser kurzen Gefühlsregung bleibt der Verurteilte ein Rätsel. Zwar hat das Landgericht Verden festgestellt, dass er den 25-jährigen Daniel S. nach einer Disco-Nacht am Bahnhof Kirchweyhe (Landkeis Diepholz) am 10. März so heftig getreten hatte, dass dieser vier Tage später starb. Doch ein schlüssiges Motiv liefert der Vorsitzende Richter Joachim Grebe in seiner Urteilsbegründung nicht.

Cihan A. trat zu. Einmal, zweimal. Einfach so.

In die Auseinandersetzung im Bus auf der Rückfahrt von der Diskothek war der 21-Jährige nicht verwickelt, genauso wenig wie Daniel S. Der Richter bescheinigt Cihan A. sogar, dass er „in ruhigem und gelassenem Ton“ dazu beitrug, den Streit zu beenden.

Dennoch wurde Cihan A. kurz darauf „sehr aggressiv“, sagt Grebe. Er redete sich in Rage, „mutierte von einem besonnenen zu einem sehr erregten Menschen.“ Offenbar brannten bei ihm die Sicherungen durch, und er verlor jede Selbstkontrolle. Damit habe er den Grundstein für die spätere Eskalation gelegt, sagt Grebe.

Äußerlich war die Verwandlung des Täters leicht festzustellen. Cihan A. drohte: „Einer wird diese Nacht nicht überleben.“ Er bestellte Freunde zum Bahnhof – ein „Rollkommando“ (Grebe), das ihm bei der anstehenden Auseinandersetzung beistehen sollte. Kurz bevor der Bus den Bahnhof in Kirchweyhe erreichte, ging er in den hinteren Teil, zeigte mit dem Finger auf einige Personen, die an der Auseinandersetzung zuvor beteiligt gewesen waren, und sagte: „Für euch ist es sowieso zu Ende.“ Andere warnte er, besser nicht gleich aus dem Bus auszusteigen, weil sie sonst eine Schelle verpasst kriegen würden.

Die innere Haltung, die diesem Verhalten zugrunde lag, kann das Gericht nicht erklären. In der Urteilsbegründung heißt es nur, die plötzliche Aggression könnte eine Reaktion auf rassistische Beleidigungen gewesen sein, die der türkischstämmige Cihan A. und seine beiden Begleiter aus dem hinteren Teil des Busses zu hören bekamen. Doch die Kammer belässt es bei dieser theoretischen Überlegung, ohne zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

Kaum Beachtung schenkt das Gericht der Frage, warum der Täter den damals 25-jährigen Daniel S. attackierte. Cihan A. habe ein unbeteiligtes Opfer gewählt. Grebe stellt fest: „Cihan und Daniel hatten noch nicht einmal Streit.“

Diese nicht nachvollziehbaren Momente der Tat – erst die Mutation, dann die wahllose Gewalt – erklärt die Kammer mit „erheblichen Persönlichkeitsmängeln“. Daraus leiten die Richter eine „schädliche Neigung“ des Täters ab. Schon einmal stand der damals 15-Jährige wegen Körperverletzung vor Gericht. Wegen eines Streits um Zigaretten hatte er 2008 einen 14-Jährigen mit einem Messer angegriffen. Den Angriff auf Daniel S. wertet Grebe als Rückfall. Wieder habe Cihan A. eine Person „aus völlig nichtigem Anlass“ verletzt.

Weil die Gefahr bestehe, das der 21-Jährige in der Zukunft vergleichbar brutale Taten verübt, sei eine Jugendstrafe angebracht. Eine Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht kommt nicht infrage, weil das Gericht beim Täter (zur Tatzeit war er 20 Jahre alt) erhebliche Entwicklungsverzögerungen festgestellt hat.

Entlastend für Cihan A. wertet die Kammer die insgesamt aufgeheizte Atmosphäre, die Provokationen im Bus sowie den Umstand, dass nicht nachweisbar ist, welcher Tritt Daniel S. die tödliche Verletzung beigefügt hat. Denn das Gericht ist überzeugt, dass es neben Cihan A. weitere, bislang unbekannte Angreifer gab.

Bilder von der Urteilsverkündung

Urteil im Kirchweyhe-Prozess: Bilder aus dem Gericht

Unter dem Strich bedeutet das für den 21-Jährigen eine Jugendstrafe von fünf Jahren und neun Monaten wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Dabei berücksichtigt das Gericht die Gedanken des gerechten Schuldausgleichs sowie der Sühne. Entscheidend für das Strafmaß ist laut Grebe jedoch der Erziehungsgedanke. Damit Cihan A. wieder in die Gesellschaft integriert werden kann, müsse er sich bemühen, seine Aggressionen aufzuarbeiten und wieder Selbstkontrolle erlangen. Außerdem müsse er sich das Ziel setzen, einen Schulabschluss zu machen und eine berufliche Ausbildung zu beginnen. „Er muss das als Chance begreifen“, sagt Grebe. Dann wendet er sich an Cihan A.: „Sonst sehe ich schwarz für Sie.“

Quelle: kreiszeitung.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion