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Krabben pulen: Mit Ultraschall an der Nordsee statt per Handarbeit in Marokko

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Von: Andree Wächter

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Das Land Niedersachsen unterstützt die Entwicklung einer Maschine zum Krabben pulen. Die Fischer sollen so unabhängiger vom Großhändler werden.

Greetsiel - Nach dem Waldspaziergang an der Nordsee ein Krabbenbrötchen essen. Diese Stärkung gehört viele Touristen einfach dazu. Die Krabben haben zu diesem Zeitpunkt schon eine halbe Weltreise hinter sich. Zwar ist Krabben pulen noch reine Handarbeit, in Deutschland macht dies so gut wie niemand mehr. Über 90 Prozent werden in Marokko gepult – wegen der Lohnkosten. Ein kleiner Teil wird auch in Polen und Deutschland gepult. Seit einigen Jahren versuchen Tüftler eine Maschine zu entwickeln, die das Pulen automatisiert.

Krabben wurden einst in Heimarbeit von Frauen an der Küste gepult

KrabbenRichtige Bezeichnung: Nordsee-Garnelen
1 kg Krabben ergeben300 Gramm Krabbenfleisch
InhaltsstoffeVitamine, Eiweiß, Mineralstoffe, wenig Fett
Färbunggrau / rötlich erst nach dem Kochen

Zum Hintergrund: Früher wurden die Krabben in Heimarbeit von Frauen an der Küste gepult. In den 1990er-Jahren schoben EU-Hygienevorschriften und Lohnkosten dieser Arbeit einen Riegel vor. Seitdem werden die Krabben ins Ausland transportiert. Seit Jahren versuchen Ingenieure, eine effektive Krabbenpulmaschine zu entwickeln. Es wurde dabei viel auf Messertechniken gesetzt. Nun gegen Experten einen anderen Weg.

Krabben pulen mit Ultraschall-Technik soll die Zukunft sein

Große Hoffnungen setzen Krabbenfischer auf einen Prototyp einer Krabbenpulmaschine mit Ultraschall-Technik. Zum Start eines Forschungsprojektes überreichte Niedersachsens Fischereiministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) im Hafen von Greetsiel (Ostfriesland) einen Förderbescheid über rund 2,3 Millionen Euro aus dem Corona-Sondervermögen des Landes an Projektpartner.

Ziel des auf drei Jahre angelegten Projektes sei es, die Krabbenfischerei nachhaltig und zukunftsfähig aufzustellen, sagte Otte-Kinast. „Wir wollen die Krabbenfischerei widerstandsfähiger gegen Krisen machen.“ Eine stärkere Wertschöpfung in der Region könne dazu beitragen. Dazu soll das Projekt die gesamte Wertschöpfungskette vom Fang über die Verarbeitung bis zum Verkauf in den Blick nehmen.

Maschine soll Krabben pulen von Hand ersetzen

„Es ist wichtig, dass es jetzt losgeht“, sagte Christin Klever. Die 35 Jahre alte Maschinenbauerin aus Großheide (Landkreis Aurich) ist die Entwicklerin des neuen, patentierten Verfahrens. Seit 2017 hatte sie zusammen mit ihrem Vater nach Möglichkeiten gesucht, die Technik aus dem Labor mit einem Prototyp im größeren Maßstab zu testen. Doch bei der Förderung der rund 800.000 Euro teuren Technik gab es immer wieder Rückschläge. Innerhalb des Forschungsprojektes könne der Prototyp nun binnen einen Jahres entstehen, sagte die Ingenieurin.

Fischereiministerin Barbara Otte-Kinast hatte in Gretsiel vergessen zu erwähnen, dass Christin Klever bereits 2020 einen entsprechenden Förderantrag gestellt hatte. Laut NDR-Angaben wurden Ihr erst Hoffnungen gemacht und dann flatterte die Ablehnung ins Haus. Als Begründung wurden Formfehler genannt. Des Weiteren schrieb das Ministerium damals: „Seitens der Landesregierung seien kurz- oder mittelfristig keine Alternativen zum Pulen im Ausland geplant.“ Mit fast zwei Jahren Verzögerung gibts nun doch die Förderung.

Frische Nordseekrabben: Die begehrten Leckerbissen sollen wieder in Deutschland gepult werden. Eine Maschine soll dies bald können.
Frische Nordseekrabben: Die begehrten Leckerbissen sollen wieder in Deutschland gepult werden. Eine Maschine soll dies bald können. © Carsten Rehder

Sollte das Vorhaben von Christin Klever erfolgreich sein, dann würden vermutlich die Stimmen der Umwelt- und Verbraucherschützer verstummen. Sie kritisieren schon länger den Transport nach Nordafrika. Mit einer Maschine, so die Hoffnung der Krabbenfischer, könnte wieder ein größerer Teil der Wertschöpfung bei der Krabbenverarbeitung in Norddeutschland bleiben. Vorteil für die Verbraucher: Die Krabben wären frisch.

Bei dem von Klever entwickelten Verfahren brechen Stoßwellen des Ultraschalls die Chitin-Panzer der in einem Becken schwimmenden Krabben auf, ohne das begehrte Krabbenfleisch zu beschädigen. Nach einigen Minuten lassen sich dann Schale und Fleisch trennen. Andere Entschälmaschinen mit Messern, die bereits existieren, arbeiten nicht so zuverlässig, dass sie bereits im großen Maßstab eingesetzt werden.

Die Krabbenfischerei in allen Facetten zu beleuchten

Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei

Die innovative Technik, könne einen Gamechanger für die Krabbenfischerei darstellen, zeigte sich der Leiter des federführenden Thünen-Instituts für Seefischerei, Gerd Kraus, überzeugt. Forscher des Instituts und der Uni Göttingen wollen besonders die Wirtschaftlichkeit der Technik analysieren: Wie groß müssten die Maschinen sein? Wo könnten sie installiert werden? Welche Anforderungen hat der Markt? „Was wir versuchen wollen, ist, die Krabbenfischerei in allen Facetten zu beleuchten“, sagte Kraus.

Dirk Sander, Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Weser-Ems, begrüßte das Forschungsvorhaben. Sollte es funktionieren, Krabben maschinell im großen Stil in Norddeutschland zu entschälen, könne dies die Fischer unabhängiger von Großhändlern machen. Denn dann hätten sie die Verarbeitung stärker selbst in der Hand. Sander bedauerte aber auch, dass bei dem Projekt viel Zeit verstrichen sei. „Jetzt ist die Frage: Ist es schon zu spät?“

Krabbenfischer leiden unter hohen Preisen

Aktuell setzen die enorm gestiegenen Kraftstoffpreise die Fischer unter Druck. Da das Fischen laut Erzeugergemeinschaften nicht mehr wirtschaftlich ist, bleiben zurzeit viele Kutter in den Häfen liegen. Dabei hatten die Krabbenfischer nach drei schwierigen Jahren mit geringen Fangmengen, niedrigen Erzeugerpreisen und Engpässen beim Krabben pulen in Marokko durch die Corona-Pandemie auf ein gutes Wirtschaftsjahr 2022 gehofft.

Am Rande der Förderbescheid-Übergabe machte eine Gruppe von Fischern mit Bannern auf die enorm gestiegenen Dieselpreise aufmerksam. Otte-Kinast signalisierte den Fischern, sie sei mit ihren Amtskollegen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern im Austausch, um den Betrieben schnelle Hilfen zu ermöglichen. (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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