Untersuchung: Risiko im Büro höher

Trotz Corona ins Kino? Forscher liefern überraschende Erkenntnis - Krise setzt Betreibern schwer zu

Ab ins Kino oder nicht - trotz Corona? Eine Untersuchung der TU Berlin hat nun ergeben, dass die Gefahr der Infektion mit dem Coronavirus im Büro höher ist als in einem typischen Kinosaal.

  • In deutschen Kinos müssen Besucher 1,50 Meter Abstand zueinander halten.
  • Hauptverband Deutscher Filmtheater befürchtet Kinosterben durch Corona-Auflagen.
  • Eine Untersuchung hat eine meist geringere Gefahr für eine Infektion in Kinosälen als in Büroräumen festgestellt.

Für viele Kinos sind die Auflagen durch die Corona-Pandemie ein Problem. Der Kinounternehmer Hans-Joachim Flebbe vergleicht sie mit einem Berufsverbot, der Hauptverband Deutscher Filmtheater befürchtet ein Kinosterben. Das Hermann-Rietschel-Institut der Technischen Universität Berlin hat nun herausgefunden, dass die Ansteckung im Büro wahrscheinlicher ist. Ob das Ergebnis Auswirkungen auf die Welt der Kinosäle hat, wird sich erst noch zeigen müssen

Um die Corona-Vorschriften einzuhalten, dürfen die Plätze in den Kinosälen nicht mehr voll ausgelastet werden - wie hier vor der Corona-Krise.

Kinos in Deutschland befinden sich weiterhin in der Krise, auch wenn viele unter Beachtung der Auflagen wieder öffnen dürfen, wie der Hauptverband Deutscher Filmtheater mitteilt. Gleichzeitig warnte der Verband vor Kinosterben.  Flebbe erklärte, dass er höchstens 25 bis 30 Prozent der Plätze verkaufen dürfe, wirtschaftlich vertretbar sei es erst ab einer Auslastung von 50 Prozent.

Untersuchung: Aerosol-Konzentration in manchen Kinosälen geringer als im Büro

Für den Hauptverband hat das Hermann-Rietschel-Institut der Technischen Universität Berlin eine Untersuchung durchgeführt. Das Ergebnis zeigt, dass die Konzentration der für die Übertragung von Coronaviren infrage kommenden Aerosole in bestimmten Kinosälen meist niedriger ist, als in einem zum Vergleich herangezogenen Büroraum.

Untersucht wurden zwei Säle des Kinos Alhambra in Berlin-Wedding. Wichtige Kriterien für die Menge der Aerosole sind die Länge des Aufenthalts, ob gesprochen wird oder nur geatmet sowie die Art der Raumlüftung. Berechnet wurden Werte für beide Kinosälen mit verschiedenen Szenarien. Zudem wurden für das Kino unterschiedliche Zahlen Infizierter in den Sälen angenommen. Für das Büro wurde ein Szenario „Sprechen“ berechnet - mit einem Infizierten im Raum.

Wird im Kino nur geatmet, liegt die Zahl der Aerosole bei einem Infizierten im Saal selbst bei einem Film mit Überlänge noch deutlich unter der in dem Büro, in dem gesprochen wird. Wird im Kino gesprochen und sind mehr Infizierte unter den Besuchern liegen die Werte jeweils nahe oder über dem verglichenen Büro mit einem Infizierten.

Neue Filme für das Kino bleiben vorerst aus

Dass selbst bei einem Film mit Überlänge ein geringerer Aerosolwert als im Büro gemessen wird, ist eine gute Nachricht für diejenigen, die gerne wieder einen Film auf großer Leinwand sehen wollen. Da auch die Filmproduktion durch die Pandemie beeinflusst ist, verschieben sich Neuerscheinungen und die Kinos müssen auf älteres Material setzen. Darunter auch die „Herr der Ringe“-Trilogie in der erweiterten Fassung oder die „Die Känguruh-Chroniken“ aus diesem Jahr.

Wie viele andere konnte auch das Central Kino Cineworld in Diepholz erst nach drei Monaten wieder öffnen. Inhaber Gunnar Schäfers zeigte sich für die erste Zeit nicht sehr positiv. Es habe sich erst alles wieder einspielen müssen. Ohne Neuerscheinungen habe er auch Filme ins Program genommen, die speziellere Zielgruppen ansprechen.

Unsicherheit durch Corona-Bestimmungen sind ein Problem

Das Hansa-Kino in Syke hat die Zeit der Schließung genutzt, um das Gebäude an der Herrlichkeit neu herzurichten. Das Ergebnis findet Betreiberin Sylvia Kahle schön. Die Veränderungen, die mit der Wiedereröffnung einhergehen, sieht sie allerdings weniger positiv. Die Sitzplatz-Struktur in den Sälen des Hansa-Kinos macht eine Belegung der Hälfte aller Plätze möglich. 60 beziehungsweise 70 Plätze könnten belegt werden: „Wenn wir 35 Besucher hätten, wären wir zufrieden“, erklärt Kahle.

Auch in Diepholz bleibt jede zweite Reihe im Saal ungenutzt. Das Gebäude muss mit einem Mund-Nase-Schutz betreten werden. Da es sich bei den Kinos um eine Restauration handelt, dürfe beim Verzehr der gekauften Lebensmittel und Getränke der Mundschutz am Platz abgenommen werden. Die Abstandsregeln müssen auch an der Ticketkasse oder bei der Snack-Ausgabe eingehalten werden.

Es wird außerdem nach den Kontaktdaten der Besucher gefragt. Dies ermöglicht die Nachverfolgung von Infektionsketten, sollte dies notwendig sein. Einige der Lichtspielhäuser informieren bereits auf ihrer Online-Präsenz über entsprechende Maßnahmen oder bieten die Möglichkeit, das Registrierungs-Formular bereits vorab herunterzuladen und ausgefüllt mitzubringen.

Kinoverband fordert, die Abstandsregelung zu reduzieren

Die Untersuchung der TU Berlin schränkt die Untersuchung allerdings insoweit ein, dass bei allen Betrachtungen beachtet werden muss, dass die Aerosol-Konzentration im unmittelbaren Ausatem-Volumenstrom der Person deutlich höher ist und die Betrachtungen für diesen Bereich nicht angewendet werden können. Zudem sei keine Aussage über die Überlebensfähigkeit der Viren in der Raumluft zulässig, die etwa von Temperatur und Luftfeuchtigkeit abhänge.

Der Kinoverband fordert nun, die der Untersuchung zugrundeliegende Abstandsregelung von 1,5 Metern bundesweit zu reduzieren. Kinos könnten derzeit nur maximal 20 Prozent ihrer Kapazitäten auslasten, was sich negativ auf die Starttermine neuer Filme auswirke. Aber nur mit höherer Ausnutzung und neuen Filme seien die Kinos in der Lage, die Krise zu überleben und somit das befürchtete Kinosterben zu verhindern.

Rubriklistenbild: © Nicolas Armer / picture alliance / dpa

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