Diepholz ist der einzige Landkreis in Niedersachsen ohne Geburtshilfestation

Keine Ärzte – keine Kinder

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Hebamme Jutta Meyer-Kytzia schließt die Eingangstür zum Kreißsaal des Krankenhauses von Bassum (Kreis Diepholz) – das war am 15. Dezember. Seitdem ist auch die letzte Geburtsstation im Kreis Diepholz geschlossen.

Bassum - Von Felix Gutschmidt - Selten waren sich Politiker und Bürger so einig: Im Landkreis Diep holz soll es wieder ein Krankenhaus mit Geburtshilfestation geben. Seit Mitte Dezember müssen Schwangere zur Entbindung in Nachbarlandkreise ausweichen.

Die Chancen für eine Wiedereröffnung der Station sind allerdings schlecht: Der Gesundheitsausschuss und der Kreisausschuss empfehlen, die Geburtshilfe endgültig zu schließen. Das letzte Wort hat am Montag der Kreistag.

Ein Landkreis ohne Geburtshilfestation – das gibt es nur einmal in Niedersachsen, und zwar in Diep holz. Seit der Schließung der Abteilung im Krankenhaus in Bassum im Dezember müssen Schwangere weite Wege auf sich nehmen – meist in Richtung Bremen.

Nach Angaben des niedersächsischen Gesundheitsministeriums besteht im Land ein „flächendeckendes Netz geburtshilflicher Abteilungen“. Nur im südlichen Landkreis Diepholz, in der Lüneburger Heide zwischen Celle und Uelzen sowie in Teilen von Lüchow-Dannenberg müssen Schwangere mehr als 30 Minuten zu einem entsprechend ausgestatteten Krankenhaus fahren. Im Diepholzer Umland gibt es vier Geburtshilfestationen im Kreis Osnabrück, drei in Vechta, drei in Oldenburg, zwei in Delmenhorst, fünf in Bremen, eine in Verden, eine in Nienburg und drei in Minden-Lübbecke. Dass Diepholz eine geburtenfreie Zone ist, wollen viele Menschen im Landkreis jedoch nicht hinnehmen. Einzelne Protestgruppen, Elternvertreter und Hebammen aus der Region haben sich zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen. Die Facebook-Gruppe „Erhalt der Geburtshilfe im Landkreis Diep-holz“ hat mehr als 800 Mitglieder.

Die Initiative hat Mahnwachen abgehalten, Demonstrationen organisiert und versucht, Einfluss auf Politiker auf Kreis- und Landesebene zu nehmen. Erklärtes Ziel ist die Wiedereröffnung der Geburtshilfestation 2013. Dafür hatten sich im Dezember auch Landrat Cord Bockhop (CDU) sowie der Kreis- und Gesundheitsausschuss ausgesprochen. Sie haben ihre Meinung jedoch mittlerweile geändert und befürworten nun die Schließung.

Verantwortlich für eine „möglichst wohnortnahe Krankenhausversorgung“ sind die Landkreise sowie die kreisfreien Städte. So steht es im niedersächsischen Krankenhausgesetz. Im Fall Diepholz führt das niedersächsische Sozialministerium zwar Gespräche mit den Beteiligten, aber „unmittelbare Einwirkungsmöglichkeiten haben wir nicht“, sagt ein Sprecher.

Dass es überhaupt zur Schließung der Abteilung kam, begründen die Alexianer, Mehrheitsgesellschafter der Kreiskrankenhäuser, mit Ärztemangel. Drei von vier Belegärzten standen ab 2012 nicht mehr zur Verfügung. Schon im Herbst vergangenen Jahres musste das Bassumer Krankenhaus nach Angaben der Alexianer „rund 40 Prozent der Dienste durch externe Honorarärzte“ einkaufen.

2005 hat der Landkreis seine drei defizitären Krankenhäuser (Diepholz, Sulingen und Bassum) den Alexianern anvertraut. Der Landkreis hält 48 Prozent am damals gegründeten St.-Ansgar-Klinikverbund.

Ein Konzept, wie die Geburtshilfestation in Bassum in Zukunft betrieben werden könnte, woher die Ärzte kommen sollen und wer mögliche Defizite der Abteilung ausgleichen könnte, gibt es bisher nicht. Die Kreisverwaltung hat alle niedergelassenen Gynäkologen im Landkreis gefragt, ob sie bereit sind, ab 2013 in der geburtshilflichen Abteilung in Bassum zu arbeiten.

Nach Angaben von Brigitte Bösch, kaufmännische Direktorin des Klinikverbundes, haben sich bisher nicht genug Fachärzte gefunden, die Schichten auf der Station übernehmen.

Die Entscheidung, ob die Geburtshilfestation in Bassum eine zweite Chance bekommt, fällt am Montag im Kreistag. Die Chancen stehen jedoch schlecht.

Immer weniger Geburtsstationen

Mit der Schließung der letzten Geburtshilfestation liegt der Landkreis Diepholz im bundesweiten Trend. Die Zahl der Entbindungsstationen in Deutschland nimmt nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) kontinuierlich ab. Im ersten Jahrzehnt der 2000er-Jahre wurde jede dritte Geburtshilfestation geschlossen.

Im Jahr 2000 hat es noch 670 gegeben. 2010 waren es 453. Moritz Quiske von der DKG erklärt die Entwicklung mit den hohen Kosten für die Abteilungen und sinkenden Geburtszahlen. Wenn in einer Geburtshilfestation immer weniger Kinder zur Welt kommen, hat das nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie nicht nur wirtschaftliche Folgen für die Abteilung. „Unter einer bestimmten Zahl von Entbindungen sinkt die Sicherheit für Mutter und Kind“, sagt Sprecherin Susanna Kramarz. Wenn das Personal weniger Routine habe, würden leichter Fehler passieren.

Quelle: kreiszeitung.de

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