30 Jahre danach: Emotionale Erinnerungen

„Wie haben Sie damals den Mauerfall erlebt?“ – unsere Leser erzählen

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Dieses Foto stammt von der Grenzöffnung.

Unsere Leser erzählen, wie sie den Mauerfall am 9. November 1989 persönlich erlebt haben und teilen dabei viele emotionale Erinnerungen und Geschichten. Es zeigt sich: Für viele sind es 30 lange Jahre. Für andere ist es, als wäre es erst gestern gewesen.

Albert Lindemann (Bassum) 

Ich habe es nur bis Helmstedt geschafft, als die Trabbis ankamen. Schon drei Kilometer vor dem Kontrollpunkt ging nichts mehr. Wir haben auf der Autobahn geparkt und sind zu Fuß weitergegangen. Damals waren die Gesetze außer Kraft. 

Dieses Foto von der Grenzöffnung hat uns Albert Lindemann geschickt.

Vor der Grenze, einer weißen Linie quer über die Fahrbahn, haben wir die Karawane erwartet. Einige Fahrzeuge hatten schlappgemacht und wurden geschoben. Die Leute haben wie blöde gejubelt und gewunken. 

Albert Lindemann

Sandra Paulik (Wetschen) 

Ich habe in Rentwertshausen in Thüringen gewohnt. An den November 1989 kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich war in der zehnten Klasse und an dem Tag nach dem Mauerfall ging nichts mehr in der Schule. Am Nachmittag gab es kein Halten mehr. Zettel für Mutti auf den Tisch: „Sind mit Moped in den Westen, kommen etwas später.“ Als wir drüben waren, standen die Westdeutschen am Straßenrand und haben Schokolade und Bananen verteilt. Wir kamen uns total blöd vor, hatten wir doch als Kinder nie das Gefühl, dass uns irgendetwas fehlte.

Sandra Paulik

Steffen Gürlebeck (Bassum) 

Ich habe in Prenzlau in der Uckermark gewohnt und bei der NVA (Anm. d. Red.: Nationale Volksarmee) gedient. Wir Soldaten wurden an die Grenze in Berlin-Weißensee gerufen und haben in einer Bus-Station gesessen und hatten Schießbefehl. Aber wir haben den Befehl verweigert und die Munition eingesammelt. Von der Grenzöffnung selber hast du als Soldat nur das Jubeln mitbekommen. Abseits davon ist damals noch eine ganz bedeutende Sache in meinem Leben passiert. In der Zeit, an der ich an der Grenze gesessen habe, habe ich meine Jugendliebe verloren, weil ihre Eltern gleich nach dem Mauerfall abgehauen sind. Ich habe sie heute wiedergefunden und bin jetzt seit drei Jahren mit ihr zusammen. 

Steffen Gürlebeck

Ingrid Schierenbeck (Leeste) 

Wir lebten im Zonen-Randgebiet und haben die wochenlange Invasion von Trabbis miterlebt. Das Leben innerhalb der Zonengrenze war oft gewöhnungsbedürftig. Bei Wanderungen in unmittelbarer Nähe richteten sich die Gewehre der Grenzer auf den Wachtürmen auf uns. Wir haben oft mit dem Fotoapparat „zurückgeschossen“ – schwupp, waren die Köpfe verschwunden. Daher können wir alle stolz sein über das, was „drüben“ inzwischen geleistet wurde. Die Meckerei ist völlig überflüssig und zeugt von einer unbeschreiblichen Unkenntnis. Nach so langer Zeit ist es kaum auszuhalten, dass heute Nazis ihre dummen Parolen ins Land blasen und so viele darauf reinfallen. 

Ingrid Schierenbeck

Ralf Hollwedel (Bassum) 

Ich war in dieser Woche krankgeschrieben und habe abends so um 19 Uhr die Pressekonferenz von Günter Schabowski im Fernsehen gesehen. Was er da verlesen hat und welche Bedeutung das hatte, habe ich persönlich in diesem Moment gar nicht begriffen. Und da fiel mir ein: Na gut, das mit der Krankschreibung kann es jetzt ja noch nicht gewesen sein. 

Dieses Foto entstand am 10. November 1989 in der Nähe vom Brandenburger Tors. Links ist unser Leser Ralf Hollwedel zu sehen.

Dann habe ich mich in den Nachtbus gesetzt, der vor meiner Haustür hielt, und bin zu dem Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße/Kreuzberg gefahren. Hulle, was da los war. 

Ralf Hollwedel

Marlene Krause (Dörpel) 

Ich war sieben Jahre alt. Ein paar Meter von uns entfernt war der Grenzzaun. Wir haben immer wieder erzählt bekommen, dass wir nicht an den Zaun gehen dürfen, da dort Menschen erschossen werden. Eines Tages haben meine Eltern gesagt, dass die Grenze auf ist. Wir sind mit Deutschlandfahnen auf unserer Wiese rumgelaufen und haben uns gefreut. 

Marlene Krause

Anja Zolleck (Syke) 

Ich bin damals spontan in den Keller gegangen und habe den Sekt hochgeholt – ich war kurz vorher 18 geworden. Wir haben dann ein Glas getrunken und gefeiert. Wir hatten ja auch Verwandtschaft in der DDR – Cousinen, Cousins. Ich bin auf meinen Vespa-Roller gestiegen und hinten über die Schleichwege in Richtung Grenze gefahren. Dort stand dann alles voll Menschen. Einerseits war da die Faszination, dass sich da drüben so viel bewegen konnte, auf der anderen Seite war das Regime natürlich noch da. Daher war da immer der Gedanke: Das ka nn jetzt alles ganz blutig enden, aber es wäre so schön, wenn es wahr werden würde.

Anja Zolleck

Elke Meyhoff (Dickel) 

Ich habe damals direkt am Grenzübergang Sonnenallee in Ostberlin gewohnt und war elf Jahre alt. Ich weiß noch, dass meine Eltern mich geweckt haben und wir uns das zusammen im Fernsehen angeschaut haben. Die ersten Tage danach sind viele Soldaten zwischen den Häusern Patrouille gelaufen. Irgendwann kam ich von der Schule und die Mauer war nicht mehr da. Als Kind hatten wir dann natürlich einen riesigen Spielplatz.

Elke Meyhoff

Jacqueline Agsten (Rügen, früher Weyhe) 

Ich war damals 19 Jahre alt und mit meinen ersten Sohn schwanger, habe in Berlin-Marzahn gelebt. In der Nacht als die Mauer fiel bin auch ich gleich rüber. Die ganzen Westberliner standen wie zur Begrüßung hinter dem Grenzübergang Warschauer Straße. Alle feierten, die Straßen waren überfüllt von jubelnden, glücklichen Menschen.

Jaqueline Agsten

Christina Weimann (Leeste)

Ich habe damals beim Fernmeldeamt Reklamationen bearbeitet. An diesem Tag saßen wir im Büro und haben nur Sekt getrunken, weil jeder von uns irgendwie Verwandtschaft oder Freunde drüben hatte. Wehe, es hat ein Kunde angerufen. Der hatte schlechte Karten. 

Christina Weimann

Jacqueline Walter (Weyhe)

Ich stand zuhause am Bügelbrett, als die Mauer fiel und habe Fernsehen geschaut und mich über den utopischen Mist gewundert, der da kam. Bis mein Mann von einer Demo nach Hause kam und rief: „Schatz, die Mauer in Berlin ist offen!“ Da habe ich gemerkt, dass es kein Film im Fernsehen ist. 

Jaqueline Walter

Antje Becker (Emtinghausen)

Ich war noch Schulkind und lebte in Berlin-Marzahn. Als die Mauer geöffnet wurde, habe ich geschlafen. Aber am nächsten Tag in der Schule hat fast die halbe Klasse gefehlt und die Lehrerin meinte nur, dass alle, die fehlen, unentschuldigt fehlen. Egal, ob sie eine Entschuldigung hatten.

Antje Becker

Joana Scheibe (Diepholz) 

Mein Mann, meine kleine Tochter und ich waren damals daheim. Genau vor unserer Haustür war die Berliner Mauer in 2,5 Metern Entfernung. Zusammen mit den Nachbarn hielten wir uns in der Dunkelheit an den Händen und starrten auf die Mauer, als die Nachricht kam, dass die Grenzen offen sind. Wir malten uns aus, wie es sein wird, wenn diese Straße endlich offen ist und wir einfach über den Grenzstreifen nach Kreuzberg hinüber gehen können. Wir hatten damals gemischte Gefühle: Freudentränen, Hoffnung und auch etwas Angst und Unsicherheit vor dem Neuen, was jetzt kommt. Auf beiden Seiten wurde aus den Fenstern gewinkt und gejubelt. Danach gingen wir zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße und umarmten Leuten, die wir gar nicht kannten.

Joana Scheibe

Kerstin Martens (Riede)

Ich habe damals Nachtschicht gehabt. Um 3 Uhr haben wir Nachrichten im Radio gehört. Dort sagten sie, dass die Grenze zur BRD geöffnet wurde. Wir konnten es gar nicht glauben. Ich bin dann am nächsten Tag mit meinen Kindern zum Bahnhof. Der war proppevoll! Alle wollten in den Westen fahren – nur um mal zu gucken und dann wieder nach Hause zu fahren. Meine große Liebe habe ich in Magdeburg vor meiner Haustür gefunden. Es war ein Bremer. Wir sind dann hierher gezogen. Erst in den Westen – mit gleichnamigem Ort Westen (bei Dörverden) – und dann vor 20 Jahren nach Riede. Ich habe den Schritt in keinster Weise bereut. Meine Kinder auch nicht.

Kerstin Martens

Quelle: kreiszeitung.de

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