Übersicht und Einordnung

Intensivbetten in Niedersachsen und Bremen: Personal auf Covid-Stationen am Limit

Während die Anzahl der gegen Corona geimpften Menschen nur langsam steigt, ist die Lage in Kliniken vielerorts angespannt. Ein Überblick für Bremen und Niedersachsen.

Update vom 16. April: Hannover/Bremen - Der Anteil an Covid-19-Intensivpatienten pro 100 000 Einwohner sei in Norddeutschland auf einem Rekordhoch. „In einigen Regionen wie Celle und Lüchow-Dannenberg sind nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) schon jetzt alle Intensivbetten belegt“, so die Kammer. „Die Mitarbeitenden auf den Covid-Intensivstationen arbeiten seit einem Jahr am Limit“, sagte Felix Berkemeyer, Abteilungsleiter einer Intensivpflegestation und Mitglied im Vorstand der Pflegekammer. Dass nun immer mehr junge Corona-Patienten beatmet werden müssen, sei für viele Kolleginnen und Kollegen besonders erschütternd.

Ursprungsmeldung vom 14. April: Das Infektionsgeschehen in Deutschland zog seit Mitte März erneut merklich an, neben den reinen Inzidenzzahlen ist auch ein Blick auf die Auslastung der Intensivstationen wichtig. Das gilt auch für die Bundesländer Bremen und Niedersachsen. Neben tagesaktuellen Zahlen für alle Bundesländer beschäftigt sich diese Übersicht vor allem mit der Region rund um die Hansestadt Bremen.

Die Intensivbetten-Situation in Niedersachsen

In niedersächsischen Kliniken wurden am 14. April 1114 mit dem Virus infizierte Patientinnen und Patienten behandelt. Davon lagen laut Angaben des Gesundheitsministeriums 795 Erwachsene auf Normalstationen, 311 Erwachsene benötigten intensivmedizinische Behandlung. Auf den Intensivstationen mussten demnach 215 Erwachsene beatmet werden, 28 davon auf einem ECMO-Platz. Sieben Kinder wurden zu diesem Zeitpunkt auf einer Normalstation behandelt. Ein Kind wurde auf einer Intensivstation behandelt und beatmet.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte zuletzt gesagt, die Lage in den niedersächsischen Kliniken sei „entspannt“. Das hatte unter anderem in Göttingen für Irritationen und Widerspruch gesorgt. Die Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) wies postwendend darauf hin, dass viele ansonsten regulär vergebene Intensivbetten stattdessen mit Covid-19-Patienten belegt seien.

Fakt ist, dass niemals zuvor so viele Menschen mit Covid-19 in den Krankenhäusern des Landes lagen wie am 14. April. Laut Daten der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gibt es dabei allerdings große regionale Unterschiede. Auf unserer Intensivbetten-Karte für Niedersachsen sind sowohl stark ausgelastete rote als auch weniger belastete hellgrüne Landkreise verzeichnet.

Im Landkreis Verden werden Covid-19-Patienten in Achim und Verden behandelt. Ärztlicher Direktor Peter Ahrens sieht die beiden Standorte der Aller-Weser-Klinik nicht vor dem Kollaps, sagt aber auch: „Der Bogen ist gespannt.“ Die Intensivbetten der Krankenhäuser seien schon ohne Covid-19-Patienten einfach voll. „Hinzu kommt, dass wir zuletzt mehrere Bitten um Verlegung aus Bremen erhalten haben.“ Dort werde viel Platz für Covid-19-Patienten benötigt. „Wenn alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Bord sind, ist alles gut“, sagt Ahrens. Würden vermehrt krankheitsbedingte Ausfälle oder Abwesenheiten wegen Kita- oder Schulschließungen auftreten, würde es die Situation aber zunehmend schwieriger machen.

Dr. Peter Ahrens ist der Ärztliche Direktor der Aller-Weser-Klinik. Zur Situation auf den Intensivstationen im Kreis Verden sagt er: „Der Bogen ist gespannt.“

Das Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg stemmt sich durch „laufende engmaschige Abstimmungen und hohes Engagement der Mitarbeiter“ gegen die zunehmende Belastung infolge der dritten Corona-Welle. Täglich könnten die Kapazitäten angepasst werden, die Versorgung im Landkreis Rotenburg sei sichergestellt, berichtet Unternehmenssprecher Lars Wißmann. „Alle medizinisch notwendigen Behandlungen und Operationen, insbesondere auch Notfälle, wurden und werden weiterhin durchgeführt.“ Bei einer möglichen Überlastung würden Erweiterungen der Kapazitäten für Covid-19-Fälle „Personalumsteuerung und damit Leistungseinschränkungen an anderer Stelle“ bedeuten, so Lars Wißmann.

Es sind Möglichkeiten und der Wille vorhanden, einander zu helfen.

Peter Ahrens, Aller-Weser-Klinik

Sowohl die Aller-Weser-Klinik Verden als auch das Diako in Rotenburg bestätigen, dass eine Zunahme an Notfällen auch über Landkreisgrenzen hinaus aufgefangen werden würden. Dieser Mechanismus betreffe grundsätzlich alle Häuser, die nah beieinander liegen. „Hier sind Möglichkeiten und der Wille vorhanden, einander zu helfen“, sagt Peter Ahrens von der Aller-Weser-Klinik. Dieser Mechanismus werde aber derzeit natürlich schwieriger.

Im Landkreis Oldenburg ist das Krankenhaus Johanneum in Wildeshausen das einzige Allgemeinkrankenhaus mit intensivmedizinischer Patientenversorgung und Notfallversorgung, sagt Klinik-Sprecherin Ulrike Berg gegenüber kreiszeitung.de*. „Täglich melden wir dem DIVI-Intensivregister die Belegungssituation auf unserer Intensivstation.“ Die Intensivstation in Wildeshausen verfüge planmäßig über fünf Betten. Im Rahmen der Corona-Pandemie sei das Team aber in der Lage, in einer ersten Stufe die Anzahl an Beatmungsplätze auf bis zu elf Plätze auszuweiten.

Im Landkreis Nienburg versorgt das Team der Helios Klinik Nienburg Covid-19-Patienten. Die hauseigene umfassende Intensiv-Statistik weicht dabei mitunter leicht von den Daten des DIVI-Intensivregisters ab. Die tagesaktuelle Dokumentation ist auf der Helios-Homepage abrufbar und bildet die Auslastung unter anderem der Intensivstation in Nienburg detailliert ab. Zur grundsätzlichen Situation vor Ort sagt Klinik-Sprecherin Silke Schomburg: „Wir haben noch Intensivbetten und Beatmungsplätze frei.“ Falls es tatsächlich so sein sollte, dass dem nicht mehr so ist, könne das Team intern umstrukturieren und die Kapazitäten „noch deutlich erhöhen“.

Die Intensivbetten-Situation in Bremen

In Bremen war die Intensivbetten-Situation am 14. April angespannt. 64 Prozent der Menschen, die in Bremer Kliniken invasiv beatmet werden müssen, sind an Covid-19 erkrankt. Das sagen die Zahlen der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). In Bremen gibt es zwölf Kliniken.

Corona-Fälle, die in Behandlung sind:47
Corona-Fälle, die invasiv beatmet werden:29
Anteil invasiv beamteter Covid-19-Patienten:61,7 %
belegte Intensivbetten:174
freie Intensivbetten:17 (1,7 pro Standort)
freie Intensivbetten für Corona-Patienten: 10
Anzahl Intensivbetten insgesamt:191
Notfallreserve*: 124

*innerhalb von 7 Tagen zusätzlich aufstellbare Intensivbetten – Quelle: DIVI. Die dargestellten Zahlen basieren auf den jeweils aktuellsten Meldungen von 1188 Meldebereichen aus den letzten sieben Tagen. Stand: 15.04.2021 15:19 Uhr

Mit Blick auf die Pandemie ist insbesondere die Auslastung der Erwachsenenbetten und deren Belegung mit Corona-Patienten interessant. Denn besonders ältere Erwachsene haben ein deutlich höheres Risiko für einen schweren Verlauf, Kinderbetten stehen ihnen jedoch in der Regel nicht zur Verfügung, deren Anzahl ist aber auch nur sehr gering. Hinzu kommt die besondere Situation, dass nicht nur Menschen aus Bremen eingeliefert werden. Gerade für erkrankte Personen aus Weyhe oder Stuhr sind die Kliniken in Bremen näher gelegen als Krankenhäuser in Niedersachsen. 

Bisher haben wir ausreichend Betten für Corona-Intensivpatienten und wir können unsere Kapazitäten im Bedarfsfall auch noch weiter aufstocken. 

Karen Matiszick, Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation vom Klinikverbund Gesundheit Nord

„In Bezug auf unser Unternehmen ist die Lage angespannt, aber beherrschbar“, sagt Karen Matiszick, Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation vom Klinikverbund Gesundheit Nord in Bremen. „Bisher haben wir ausreichend Betten für Corona-Intensivpatienten und wir können unsere Kapazitäten im Bedarfsfall auch noch weiter aufstocken. Selbstverständlich versorgen wir auch Patienten aus dem niedersächsischen Umland“, sagt sie. 

Sind tagesaktuell mit Kliniken im Kontakt, um auch schnell handeln zu können.

Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin

Dass die Situation im Land Bremen „aktuell durchaus angespannt“ ist, sieht auch die Gesundheitssenatorin. Zwar gebe es laut Sprecher Lukas Fuhrmann weiterhin ausreichend Kapazitäten, auch freie Kapazitäten, es sei aber auch mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Die Kliniken melden dem Team der Senatorin zurück, dass sie aktuell alle Notfallpatient und Patientinnen versorgen und betreuen könnten. „Wir sind tagesaktuell mit den Kliniken im Kontakt, um auch schnell handeln zu können. Dabei spielen sowohl Verlegungen eine Rolle, als auch die Frage, wie mit elektiven Eingriffen zu verfahren ist“, sagte Lukas Fuhrmann.

Angesichts der durch die Pandemie bedingten Einnahmeausfälle wollte die Bremer Landesregierung die Krankenhäuser mit 37 Millionen Euro unterstützen. Bei den Krankenhäusern ist das Geld angekommen: „Seit Beginn der Pandemie haben sowohl das Land Bremen als auch der Bund die an der Covid-Versorgung beteiligten Krankenhäuser finanziell unterstützt“, sagt Matiszick. Dazu habe es unter anderem die sogenannten Freihaltepauschalen, die Finanzierung zusätzlicher Intensivbetten und Gelder aus dem Bremen-Fonds gegeben. „Mit dem Geld sind ausfallende Erlöse und durch die Pandemie entstandene Zusatzkosten, beispielsweise für Schutzkleidung oder Corona-Ambulanzen, ausgeglichen worden.“

Intenvisbetten-Übersicht für Deutschland

Wie ist die Lage in meinem Landkreis oder meiner Heimatstadt? In Hamburg beispielsweise wird die aktuell angespannte Situation noch nicht als das Ende der aktuellen Entwicklung betrachtet, berichtet 24hamburg.de*. Unsere Karte zeigt Ihnen, wie stark die Intensivstationen bundesweit gerade ausgelastet sind. Je dunkler die Einfärbung, desto weniger Betten sind in der jeweiligen Region noch frei. Mit einem Klick auf einen Landkreis öffnet sich ein Fenster mit weiteren Informationen zu freien Betten, zur Belegungsart und zur Anzahl gemeldeter Betten.

Zahlen für Intensivbetten und Corona-Versorgung im Detail

Rund fünf Prozent aller Corona-Patienten müssen zeitweise in Intensivstationen behandelt werden. Damit belegen die Betroffenen Betten, die womöglich für andere Notfälle benötigt werden. Eine Gesamtübersicht für Deutschland liefert das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), in dem fast alle deutschen Kliniken aufgeführt werden:

Deutlich bemerkbar macht sich das verstärkte Infektionsgeschehen bundesweit auf den Intensivstationen, die Zahl der Covid-19-Patienten dort steigt seit Mitte März an. Betroffen sind Medizinern zufolge immer mehr jüngere Menschen. Die DIVI erwartete Mitte April, dass der bisherige Höchststand von etwa 6000 Covid-19-Intensivpatienten noch im April wieder erreicht wird. Bei den unter 50-Jährigen sterbe jeder fünfte Intensivpatient, bei den Älteren im Schnitt jeder zweite, hatte DIVI-Präsident Gernot Marx kurz zuvor gesagt.

DIVI-Präsident Gernot Marx: „Situation absolut kritisch!“

Die Anzahl der Patienten mit Covid-19 hat sich laut DIVI-Intensivregister seit Mitte März bis zum 14. April um fast 2000 Patienten erhöht: Von 2721, dem Start der dritten Welle am 13. März, auf bis 4653 am 14. April. Politisch sei hingegen noch nichts passiert. So schwappe die dritte Welle in die Kliniken, wo eigentlich die Pflegekräfte dringend mal eine Pause bräuchten, warnt DIVI-Präsident Gernot Marx.

Bereits in einer Meldung vom 9. April hatte Marx angemerkt, täglich werde wieder Patient um Patient verlegt, um Platz zu schaffen. Zudem würden wieder immer häufiger planbare Operationen abgesagt. „Den großen Knall, den absoluten Notfall, den wird es in Deutschland so schnell nicht geben – weil im Hintergrund sehr viele Menschen so unheimlich hart arbeiten“, erklärt Marx. „Trotzdem ist die Situation absolut kritisch!“

Pflegeschlüssel beeinflusst Situation auf den Intensivstationen

Nicht immer ist die reine Anzahl an Intensivbetten ausschlaggebend für die Kapazität einer Klinik. Ein Grund ist der Pflege-Schlüssel, der bestimmt, wie viele Betten eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter betreuen kann. Dieser Schlüssel hat sich zuletzt mehrfach verändert, daher stehen aktuell weniger Intensivbetten in Deutschland zur Verfügung als noch im Jahr 2020, berichtet merkur.de*. Die hohe Leistungsbereitschaft der Pflegekräfte wird auf diese Weise ein wenig ausgebremst, dient aber auch dem Schutz vor Überlastung. * kreiszeitung.de, 24hamburg.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Hustedt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare