1. az-online.de
  2. Niedersachsen

„Livekultur nicht durch Streams ersetzbar“: Hurricane-Chef fiebert Festival-Neustart entgegen

Erstellt:

Von: Lars Warnecke

Kommentare

Scheeßel/Hamburg – Keine Masken, keine Tests, Impfstatus egal. Für die Festival-Saison 2022 stehen die Zeichen auf Rückkehr zur Normalität – da bildet das Hurricane keine Ausnahme.

Zweimal in Folge ist das Open Air in Scheeßel wegen Corona ausgefallen. Das soll sich in diesem Jahr ändern. Zwar ist das Virus noch da, aber die Beschränkungen fallen. Vor dem Hurricane-Festival (17. bis 19. Juni) sprach Folkert Koopmans, Geschäftsführer beim Veranstalter FKP Scorpio, im Interview Anfang Mai über den Neustart auf dem Eichenring und die Kulturbranche im Allgemeinen.

Das Hurricane Festival in Scheeßel startet wieder durch – und es soll wieder eine ganze Menge normaler Festival-Wahnsinn herrschen. Auf dem Bild hält eine Frau in der Menge ein Schild in die Kamera: „Eigentlich... habe ich Abiball“
Das Hurricane Festival startet wieder durch – und es soll wieder eine ganze Menge normaler Festival-Wahnsinn herrschen. © Guido Menker

Herr Koopmans, mit welchem Gefühl gehen Sie in diese Neuauflage des Hurricane-Festivals?

Mit einem Gefühl der unbändigen Vorfreude und Dankbarkeit für unser gutes Team, unsere Gäste und Künstler. Wir haben von Anfang an Solidarität gegenüber unseren Acts gezeigt und sie in einer Zeit der hohen Unsicherheit gleich für das nächste Jahr eingeladen. Unsere Besucher, das muss man hervorheben, haben uns das gedankt, indem die überwältigende Mehrheit von ihnen ihre Tickets behalten hat. Dementsprechend ist die Freude groß, dass wir die Veranstaltung, die wir unseren Gästen vor mehr als zwei Jahren versprochen hatten, endlich umsetzen können.

Gab es während der Vorbereitung Momente, in denen Sie gedacht haben, das wird wieder nichts, wir lassen es lieber?

Nein, obwohl die sich weit in dieses Frühjahr ziehende Planungsunsicherheit der gesamten Branche Kopfschmerzen bereitet hat. Seit Anfang April sind nun deutschlandweit wie in anderen Ländern auch endlich wieder Veranstaltungen ohne jegliche Zugangs- und Kapazitätsbeschränkungen möglich – allerdings gibt es durch die häufig als zu ungenau kritisierte Hotspotregelung nach wie vor keine hundertprozentige Klarheit in Bezug auf die längerfristige Entwicklung der Livekultur. Wir haben durch das Impfangebot und die mildere Omikron-Variante in diesem Jahr eine gänzlich andere Situation als zuvor, weswegen wir schon länger absehen konnten, dass wir endlich einen normalen Festivalsommer feiern können. Das war auch wichtig, da ein Festival vom Kaliber und der Qualität des Hurricanes nur mit genügend Vorbereitung zu stemmen ist.

Folkert Koopmans
Folkert Koopmans hat beim Hurricane 2022 in Scheeßel den Hut auf. © -

Ist das Festival wieder so wie in vor-pandemischer Zeit, oder herrscht jetzt Bürokratie und Ordnung?

Ordnung und Bürokratie gab es seit dem First Rider Open Air immer, und das ist auch ganz gut so (lacht). Was zählt, ist doch Folgendes: Unsere Besucher bekommen davon wie immer nichts mit und können sich auf ein ganz normales Hurricane freuen, das sie ihren Alltag vergessen lassen wird.

Abstands- und Hygieneregeln wären auf so einer Veranstaltung ja auch kaum bis gar nicht einzuhalten.

Genau, zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir jedenfalls davon aus, dass das Festival ohne solche Auflagen stattfinden wird. Unser Publikum sollte einfach wie sonst auch auf seine persönliche Hygiene achten, wofür ausreichend Sanitärstationen mit Möglichkeit zum Händewaschen bereitstehen.

Wie viel Vernunft können Sie von den Leuten erwarten?

Unsere Erfahrungen zeigen: eine ganze Menge. Im vergangenen Jahr haben wir unter anderem drei Indoor-Festivals mit je 4 500 Gästen veranstaltet. Das Verständnis unter den Besuchern war hoch. Alle waren erst mal dankbar, nach der langen kulturellen Durststrecke endlich wieder Livekultur genießen zu dürfen.

Wie erleben Sie die Fans, gibt es eine spürbare Zurückhaltung beim Ticketkauf?

Schon vor dem Scheitel der Omikron-Welle zogen die Ticketverkäufe für das Hurricane wieder spürbar an. Wir rechnen mit einem ausverkauften Festival, und auch andere vergleichbare Veranstaltungen verkaufen sich sehr gut. Abseits der großen Namen wie Ed Sheeran, Rolling Stones oder dem neuen Tempelhof Sounds Festival in Berlin spüren wir aber nach wie vor Zurückhaltung. Das ist eine Beobachtung, die branchenweit zutrifft und zeigt, dass diese Krise für die Kulturschaffenden noch lange nicht vorbei ist. Die Bevölkerung braucht Zeit, um sich wieder an die Normalität zu gewöhnen. Dass aus der Politik immer noch widersprüchliche Signale zu vernehmen sind, ist dafür nicht hilfreich.

In zwei Jahren ohne Festival sind zwei potenzielle neue Besucher-Generationen nachgewachsen. Haben Sie die Befürchtung, dass man die jetzt auch mit Blick auf die kommenden Jahre verloren hat?

Wir hatten beispielsweise am letzten Wochenende ein ausverkauftes Konzert mit Giant Rooks in der Hamburger Sporthalle, wo wir feststellen konnten, dass das Interesse an guten Live-Konzerten auch beim jüngeren Publikum alles andere als erloschen ist, ganz im Gegenteil. Sicherlich müssen wir aber an die jungen Menschen denken, die ihre ersten Festivalerfahrungen pandemiebedingt noch nicht machen konnten. Die Musik ist aber auf unserer Seite. Menschen verlernen ja nicht einfach, dass sie soziale Wesen sind. Und dass Livekultur nicht durch digitale Streams ersetzbar ist, haben wir auch alle am eigenen Leib spüren müssen. Das Teilen und Erleben gemeinsamer Momente durch Musik ist ein menschliches Grundbedürfnis, das nicht gelernt werden muss.

Viele Kulturbereiche darben in der Pandemie regelrecht. Was hat das mit Ihrem Unternehmen gemacht? Wie dramatisch sind die Umsatzeinbußen?

Uns ging es nicht anders, wobei wir uns sehr glücklich schätzen, dass uns unsere Rücklagen und das Kurzarbeitergeld dazu befähigt haben, unser Team beisammenzuhalten. Um unsere wichtigste Ressource, unsere Mitarbeiter, ist es also nach wie vor gut bestellt. Finanziell war und ist die Pandemie für uns mit zeitweiligen Umsatzeinbußen von 95 Prozent eine bislang ungekannte Zäsur.

Viele Veranstalter aus ganz Deutschland schlagen Alarm: Das Personal für die Durchführung diverser Veranstaltungen fehlt. Trifft das auch auf das Hurricane zu?

Tatsächlich ist der Personalmangel in der Wertschöpfungskette der Livekultur ein Problem, das wir selbst auch zu spüren bekommen. Wir sind glücklicherweise gut vernetzt und haben schon früh damit begonnen, dieser Entwicklung gemeinsam mit unseren Partnern entgegenzutreten. Es muss sich also niemand Gedanken machen, dass dies die Durchführung oder Sicherheit des Hurricanes in irgendeiner Form beeinflussen wird.

Wie ist ihre Stimmung generell für 2022, was die Event- und Musikbranche angeht? Sind Sie hoffnungsvoll oder eher pessimistisch?

Natürlich bin ich hoffnungsvoll. Wir können nach mehr als zwei Jahren endlich wieder das machen, wofür wir brennen. Wir haben großartige Projekte mit tollen Künstlern am Start und sind uns sicher, dass das kulturelle Leben nach der von Unsicherheit geprägten endemischen Phase wieder so sein wird, wie wir es kennen. Vielleicht sogar besser, denn wir alle wissen jetzt, was es zu verlieren gibt.

Zum Schluss: Auf welche Band freuen Sie sich persönlich schon am meisten?

Da gibt es viele, beispielsweise Sam Fender, Dermot Kennedy oder The Killers.

Zur Person

Als Sohn niederländischer Eltern wurde Folkert Koopmans (58) in Frankreich geboren und wuchs in Ostfriesland auf, wo er Ende der 1970er-Jahre zunächst Bands für ein Jugendhaus buchte. Nach diversen Jobs im Live-Geschäft gründete der passionierte Musikliebhaber 1990 seine Firma FKP Scorpio, wobei das FKP für „Folkert Koopmans Presents“ steht. Heute beschäftigt das Hamburger Unternehmen europaweit mehr als 250 Mitarbeiter und veranstaltet neben Konzerten, Shows und Comedy-Events derzeit rund 30 Festivals, darunter das Deichbrand, M‘era Luna oder eben das Hurricane.

Auch interessant

Kommentare