Größter Mediziner-Prozess in Deutschland: Gericht glaubt an Mord

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Die Internistin Mechthild Bach sitzt am Dienstag zu Verhandlungsbeginn in einem Verhandlungssaal im Landgericht in Hannover.

Hannover - Hat eine Krebsärztin Sterbehilfe geleistet oder 13 Patienten vorsätzlich getötet? Die Richter in Hannover gehen derzeit davon aus: Die Medizinerin hat mit zu hohen Schmerzmittel-Dosen den Tod ihrer Patienten verursacht - in zwei Fällen deutet sich sogar Mord an.

Die wegen Totschlags in 13 Fällen angeklagte Krebsärztin hat immer von Sterbebegleitung gesprochen - für das Gericht deutet jetzt aber vieles auf Mord hin. In einem der größten Mediziner-Prozesse hat das Landgericht Hannover am Dienstag eine Zwischenbilanz gezogen.

Es gebe erhebliche Anhaltspunkte, dass die Angeklagte in allen sechs bisher erörterten Fällen für den Tod der Patienten verantwortlich sei, sagte der Vorsitzende des Schwurgerichts Wolfgang Rosenbusch nach 50 Verhandlungstagen. Bei zwei Patienten müsse gar geprüft werden, ob das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt sei. Keiner der Patienten sei eines natürlichen Todes gestorben.

Die 61-Jährige soll in einer Klinik in der Region Hannover mindestens 13 Patienten mit zu hohen Schmerzmittel-Dosen umgebracht haben. Sie selbst betont, die Behandlung sei vor allem zur Schmerzlinderung und Sterbebegleitung gewesen. Das Schwurgericht ist nach der bisherigen Beweisaufnahme jedoch vollkommen anderer Meinung. Zwei Patienten seien bei vollem Bewusstsein gewesen und hätten nichts von der Medikamentengabe gewusst, sagte Rosenbusch.

Die Opfer waren aus seiner Sicht arg- und wehrlos, weil sie nicht mit einem Angriff auf ihr Leben durch ihre Ärztin gerechnet hätten. Sterbehilfe sei in keinem der bisherigen Fälle erkennbar, betonte Rosenbusch. „Wir haben keine Hinweise, dass das Vorgehen der Angeklagten dem Patientenwunsch entsprach.“

Und wohl auch nicht dem medizinischen Standard: „Es gibt erhebliche Anhaltspunkte, dass die Angeklagte den Patienten ohne medizinische Anzeichen Morphium, Valium und Psychopharmaka in hohen, zum Teil sehr hohen Dosen verabreicht hat“, sagte Rosenbusch. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Und damit den Tod der Patienten verursacht hat.“

Patientenorganisationen forderten am Dienstag verbindliche Regeln zur Anwendung der Schmerz- und Palliativmedizin. Patienten müssten sicher sein können, dass bundesweit nach denselben, nachvollziehbaren wissenschaftlichen Standards gearbeitet werde, sagte der Vorstand der Patientenorganisation Deutsche Hospiz-Stiftung, Eugen Brysch, der dpa. „Eine Behandlung durch einen Palliativmediziner darf nicht zu einem Glücksspiel für den Patienten werden. Mord und Sterbebegleitung sind nicht das Gleiche.“

„Die Zwischenbewertung wird von uns als brutal empfunden“, sagte der Verteidiger der Krebsärztin, Matthias Waldraff. Über die Konsequenzen und eine Strategieänderung wolle er in Ruhe beraten. Der Anwalt geht davon aus, dass der Zeitplan noch einmal verlängert wird.

Das Gericht verhandelt seit 15 Monaten. Bislang hat es bis Januar 2012 weitere 38 Verhandlungstage anberaumt.

Quelle: kreiszeitung.de

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