Pflanzen-Kläranlage hilft

Geheimes Sprengstoffwerk der Nazis im Harz bereitet Probleme

Sonne und Pflanzen helfen bei der Vernichtung von Giften aus der Nazizeit. Dies dauert zwar lange, ist aber günstiger als eine klassische Kläranlage.

Clausthal-Zellerfeld - Meldungen von Entschärfungen von Weltkriegsbomben hört man gelegentlich im Radio. Diese Fliegerbomben sind meist amerikanischer Herkunft. Ein anderes Problem sind die Munition-Produktionsstätten der Nazis. Auch dort lauern heute noch Gefahren für Mensch und Umwelt. Jahrelang produzierten die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges TNT in Clausthal-Zellerfeld. Bis heute hat die Produktion in der geheimen Sprengstofffabrik im Harz Folgen. Ein Großteil des 110 Hektar großen Geländes ist immer noch mit giftigen sprengstofftypischen Verbindungen verseucht.

TNTLangform: Trinitrotoluol
SummenformelC7 H5 N3 O6
Aggregatzustandfest
Schmlezpunkt80,1 Grad Celsius

Zum Hintergrund: Unmittelbar nach ihrer Machtergreifung 1933 ließen die Nationalsozialisten Pläne für Sprengstofffabriken im Deutschen Reich erstellen. Das Waldgelände bei Clausthal-Zellerfeld wurde durch die Montan GmbH, einer Tarnfirma des Heereswaffenamts, erworben.

Wie auch die anderen Munitionswerke wurde die Fabrik als „Schläferfabrik“ geplant und ab 1935 für die Gesellschaft zur Verwertung chemischer Erzeugnisse (Verwertchemie) überwiegend von der Firma Grün & Bilfinger gebaut. Die Fertigstellung erfolgte 1938. Die „schlafende“ Fabrik - Deckname „Werk Tanne“ - wurde im Juni 1939, also drei Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, geweckt und nahm die Sprengstoffproduktion auf. Neben der TNT-Herstellung wurden später dort auch Bomben, Minen und Granaten befüllt.

Das Gelände der ehemaligen Sprengstoff-Fabrik „Werk Tanne“ ist für Besucher gesperrt.

Die Arbeitslosigkeit war Anfang der 30er-Jahre in der Region sehr hoch. Nach dem Ersten Weltkrieg schlossen zahlreiche Zechen. Politiker und Bewohner sahen in der Fabrik eine Chance auf Arbeit, zumal sich dort das Geld auch körperlich leichter verdienen ließ als im Bergbau. Für das zahlreiche neue Werkspersonal entstand in Zellerfeld sogar ein neuer Stadtteil, heißt es auf der Seite morr-siedelsbrunn.de.

Dass die Arbeit gefährlich sein würde, wusste die Nazis schon bei den Planungen. Entsprechend wurden die über 200 Gebäude weit auseinander gebaut. Um die Tarnung aufrechtzuerhalten, fehlte auch die typische rechtwinklige Anordnung. Die Produktionsstätte im Harz war das drittgrößte Sprengstoff- und Munitionswerk im Deutschen Reich.

Nachwirkungen der Sprengstoff-Herstellung im Dritten Reich

Bis heute haben viele Gemeinden unter den Nachwirkungen der Rüstungsindustrie und Herstellung von Sprengstoff während des Dritten Reiches zu leiden. Dazu gehört auch Clausthal-Zellerfeld.

Bereits seit über 30 Jahren ist die Beseitigung von Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg ein Thema in der Region. Laut eines Experten des niedersächsischen Umweltministeriums (MU) hatte der Altkreis Osterode wegen einer kontaminierten Fläche im Raum Herzberg 1990 gegen die Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG) geklagt und die Sanierung des Grundstücks gefordert. Das Unternehmen war im Besitz mehrerer belasteter Flächen in Niedersachsen. Dazu zählten neben der Fläche in Herzberg auch das Werk Tanne sowie ein 1000 Hektar großes Gebiet im Landkreis Nienburg.

Eines unserer größten Probleme

Experten des niedersächsischen Umweltministeriums

Nach mehreren Gerichtsverfahren und unter Einschaltung des MU kam es 2014 zu einem Vergleichsvertrag: Die inzwischen angeschlagene IVG Immobilien AG sollte 30 Millionen Euro an das Ministerium zahlen, bei einem jährlichen Satz von zwei Millionen Euro. Damit waren nun sämtliche kontaminierten niedersächsischen IVG-Flächen berücksichtigt worden - auch jene am Werk Tanne. „Eines unserer größten Probleme“, wie der MU-Experte meint. Konkret waren 20 Millionen Euro für Flächen im Besitz der IVG sowie weitere 10 Millionen Euro für Flächen aus früherem IVG-Besitz angedacht.

Auf dem Gelände des Werkes Tanne wurde das Geld unter anderem für die pflanzliche Kläranlage im südwestlichen Teil des Geländes genutzt. Sie sollen, die bei der Produktion und bei Explosionen in den Boden gelangten Säuren herausfiltern. Im November 2020 wurde die erste Pflanzen-Kläranlage in Betrieb genommen.

Die Anlage besteht hauptsächlich aus zwei großen Wasserbecken, die 15 beziehungsweise vier Millionen Liter Wasser fassen. Aus der Luft sind die Wasserspeicher gut zu erkennen - anders als die ehemalige Munitionsfabrik, deren Gebäude unter mit Fichten bepflanzten Dächern versteckt waren und teilweise noch sind.

Um ihre Munitionswerke zu tarnen, pflanzten die Nazis viel Bäume.

In einem der beiden Becken wird kontaminiertes Sickerwasser gesammelt und anschließend photolytisch, also durch Sonneneinstrahlung, gereinigt. Durch die abschüssige Lage fließt das Wasser in das zweite Reservoir weiter, wo es mithilfe von Schilfpflanzen aufbereitet wird.

Idealerweise muss das Schilf dafür anderthalb Meter hoch sein. Derzeit messen die 28.000 Pflanzen zwischen 60 und 90 Zentimetern. Doch bereits jetzt kann Michael Riesen, Leiter der Unteren Bodenschutzbehörde des Landkreises Goslar, sagen: „Die Anlage funktioniert sehr gut.“ So müsse das Wasser seit April nicht mehr über eine ältere Kläranlage geleitet werden.

Das neue pflanzliche System sei günstiger und größer als die bisherige Kläranlage, die mit Aktivkohlefiltern betrieben wird. Bei der neuen Anlage musste Riesen zufolge aber erst erprobt werden, ob sie wirklich funktioniert. Das Wasser wird nach der Reinigung in die angrenzenden Pfauenteiche geleitet. Bis sich die Gefahrenstoffe komplett aus dem Boden ausgewaschen haben, werde es wohl noch Jahrzehnte dauern, sagt der Behördenleiter. Das Gelände wird bereits wieder jagd- und forstwirtschaftlich genutzt.

Seit 2018 gehört das Gelände der Halali Verwaltungs--GmbH. Außerdem wurde im Nordwesten eine Photovoltaik-Anlage errichtet, und es gibt dort einen kleinen Gewerbepark. (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Swen Pförtner/dpa +++ dpa-Bildfunk

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